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1916 endet nie!

Vor 100 Jahren starb Kaiser Franz Joseph I. Eine Lehrstunde.

Vor hundert Jahren, am 21. November 1916, ist „Seine Majestät Kaiser Franz Joseph I.“ abends um 21.05 Uhr im „k. k. Lustschloss Schönbrunn“ aufgrund von „Herzschwäche nach Lungen- und Rippenfellentzündung“, die Angaben stammen aus dem Totenschau-Befund, gestorben. Man könnte auch sagen, er hat „das Zeitliche gesegnet“, aber diese euphemistische Formulierung wäre gar zu naiv, denn das Gegenteil war der Fall: Es war nicht Segen, eher Fluch, den er hinterließ. Sagen wir es drastischer: Der Kaiser, der verehrt wird als die prägendste und österreichischste aller Herrscherfiguren dieses Landes und der bis heute „die gute alte Zeit“ repräsentiert, hat ein schlimmes Erbe hinterlassen. Dennoch hege ich wie viele – trotz aller Umstände, die das Gegenteil raten – für ihn ein Maß an Sympathie, da er in einem riesigen Maßstab zeigt, was auch für uns „kleine“ Menschen gilt: Jeder verstrickt sich in Schuld. Wer Glück hat, bei dem hält sich die Schuld in verzeihbaren Grenzen. Wer Pech hat, der richtet Unverzeihliches an. Franz Joseph war – wie wir zu wissen glauben – von guten Absichten erfüllt, ein integrer, pflichterfüllter, tief gläubiger Regent, und doch war gerade er es, der durch sein Handeln den Nährboden für die Katastrophen mehrerer Generationen bereitete. So gesehen war er tatsächlich eine der unglückseligsten Figuren der Geschichte.

Erinnert ihr euch im Zusammenhang mit unserer Klassenfahrt nach Wien an das einfache Bett im Schloss Schönbrunn und an die Frage von Lukas: „Was, auf dieser Pritsche hat der Alte die Patschen gestreckt?“ Und Annalena, noch ganz geblendet vom barocken Prunk der Residenz, hakte nach: „Gab es damals überhaupt schon solche eiserne Bettschragen?“ Als ich erklärte, es handle sich um ein Militärbett, was im Sinne des Kaisers gewesen sei, der sich von Kindheit an vor allem als Soldat empfunden habe, rief Lorenzo: „Und wo beschnarchte sich dann die Sisi? Die war doch keine Militärschlampe, die in ein so mieses Singlebett gekrochen wäre!“ Diese Fragen lösten eine, wenn auch nicht stubenreine, aber doch heitere Debatte aus, bei der schließlich alle das Ergebnis akzeptierten. Erstens: Kaisers sind auch nur Menschen, die mit „schlafen“ allerlei verbinden. Zweitens: Das Bett war breit genug für den Franzl und mindestens drei Sisis – magersüchtig und zaundürr wie sie war. Drittens: Für Elisabeth gab es 1916 längst nichts mehr zum Kuscheln; sie schlummerte damals schon 18 Jahre in der kühlen Kapuzinergruft.

Am nächsten Tag seid ihr ziemlich ehrfürchtig in der Gruft vor den Sarkophagen gestanden, bis Jonas sagte: „Hier riecht’s gar nicht nach Kaiser-Leichen. Aber das ist eben alles schon tausend Jahre her!“ Ich habe Jonas rigoros widersprochen: „Jonas, verzeih, aber da liegst du völlig falsch! Der 21. November 1916 war gerade erst gestern, und in Wirklichkeit ist der Kaiser überhaupt nicht gestorben. Er hat nach wie vor Einfluss nicht nur auf das Denken in unserem Land, sondern leider noch weit mehr auf die Weltpolitik, indem er Mitverantwortung für die Entwicklungen trägt, die uns bis heute zu schaffen machen. Eine Krypta ist nicht der Ort, dies zu diskutieren, aber wir werden es in einer Geschichtestunde nachholen.“ Heute ist diese Stunde, und ich behaupte abermals: „1916 ist noch ganz nahe, und dem Kaiser kommen wir auch in der Gegenwart nicht aus!“

Die Verquickung unglücklicher Ereignisse begann im Revolutionsjahr 1848, als der achtzehnjährige Prinz durch die erzwungene Abdankung seines Onkels Ferdinand auf den Thron gelangte. Die gewaltsame Zerschlagung der Erhebung in Wien und in mehreren Kronländern forderte Tausende Opfer. Blutig verlief auch der Aufstand in Ungarn, der mit Hilfe russischer Truppen niedergeschlagen wurde und mit der Hinrichtung des Ministerpräsidenten, hoher Staatsbeamter und Generäle endete. Das war aber erst das Vorzeichen drohenden, weit schlimmeren Unheils. Was zuerst folgte, war die Phase des Neoabsolutismus, in der „das Konstitutionelle über Bord geworfen“ wurde, wie der junge Kaiser stolz an seine Mutter schrieb. Dieser drastische Beginn der Herrschaft eines jungen, wenig zimperlichen Monarchen sollte nach einer sehr langen Regierungszeit, insgesamt 68 Jahre, verblassen und dem Bild des gütigen alten Landesvaters weichen.
1859 war das Jahr, in dem das Unglück internationale Dimensionen annahm. In Solferino übernahm der Kaiser selbst den Oberbefehl im Kampf gegen die Truppen Frankreichs und Piemont-Sardiniens; eigene Fehlentscheidungen und die der Militärs führten zu jenem Desaster, das für 25.000 meist ganz junge Soldaten einen grausamen Tod bedeutete, letzten Endes für Österreich den Verlust aller italienischen Länder brachte und zudem jene nationalen Kräfte entfesselte, die den Vielvölkerstaat schließlich zerbrechen lassen sollten.

Obwohl Franz Joseph die entsetzliche Schlacht von Solferino hautnah miterlebte, ließ er sich 1866 abermals in einen Krieg hineinziehen und stolperte in die nächste Schmach. In Königgrätz standen sich 400.000 Soldaten gegenüber. Der Kaiser hatte nicht nur einen ungeeigneten Oberbefehlshaber ernannt, sondern schickte auch eine schlecht gerüstete Armee ins Feuer. Abermals hatte er den Tod Tausender Soldaten mitzuverantworten, und diese verlorene Schlacht gegen Preußen bedeutete zudem das definitive Ende der Vision eines Kaiserreichs aller Deutschen unter österreichischer Führung. Nach der Niederlage schrieb der Mo­narch an seine Mutter: „Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, der noch lange nicht aus ist. Wenn man alle Welt gegen sich und gar keinen Freund hat, so ist wenig Aussicht auf Erfolg, aber man muss sich so lange wehren, als es geht, seine Pflicht bis zuletzt tun und endlich mit Ehren zugrunde gehen.“ Diese Sätze bringen sein Selbstverständnis auf den Punkt und machen deutlich, warum er sich 1914 entschließen würde, einen weiteren Krieg zu führen, der ein unkalkulierbares Risiko mit sich brachte und schließlich die ganze Welt in Brand setzte. Nun aber, nach den militärischen Niederlagen 1859 und 1866, wuchs der innenpolitische Druck. Man warf Franz Joseph vor, ein Kaiser der Militärs, aber nicht des Volkes zu sein und sich mehr um die Jagd als um den Staat zu kümmern. In Budapest, wo der Monarch seit den Todesurteilen des Revolutionsjahrs verhasst war, brodelte es am stärksten, und Kaiserin Elisabeth, die sich immer öfter aus dem ungeliebten Wien nach Ungarn flüchtete, schilderte ihrem Gatten drastisch, welche Umsturzversuche drohten. Das verfehlte nicht den Eindruck. Wie öfter hörte der Kaiser zudem auf unfähige Ratgeber und wagte mit dem Ausgleich mit Ungarn 1867 eine große Staatsreform, die wegen ihrer negativen Konsequenzen als „inneres Königgrätz“ bezeichnet wurde.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 widerstand Franz Joseph der Versuchung, sich durch ein Bündnis mit Napoleon III. an den Preußen zu rächen – dies auch deshalb, weil er sich zeitlebens als „deutscher Fürst“ fühlte und keinen weiteren „Bruderkrieg“ riskieren wollte. Den Dank Bismarcks dafür nahm er an: Das im Berliner Kongress 1878 Österreich-Ungarn zugesprochene Bosnien-Herzegowina wurde gegen heftigen Widerstand der moslemischen und serbisch-orthodoxen Bevölkerung militärisch erobert. Wieder wurden 5000 österreichische Soldaten geopfert, die Verluste auf der Gegenseite waren wohl noch größer. Was dazu kam: Man war fortan allen Risiken ausgesetzt, die mit dem „Pulverfass Balkan“ verbunden waren. Franz Joseph zog sich den Hass von Russen, Serben und Osmanen zu; letztlich sollte in Sarajewo, der Hauptstadt dieses neu gewonnenen Unruheherds, der Weltkrieg seinen Anfang nehmen. Der Kaiser konnte damals freilich nicht ahnen, dass von dort aus jene verheerenden Entwicklungen entfesselt würden, die nicht nur den Globus in Aufruhr bringen, sondern zudem das eigene Großreich und die sechshundertjährige Herrschaft seiner Dynastie zerstören sollten.

Die folgenden Jahrzehnte brachten jene Friedenszeit, die der letzten Epoche „Kakaniens“ einen gewissen Abendglanz verlieh. Mag sein, dass der Kaiser mitverantwortlich war für den wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt, der diese Ära kennzeichnete. Mag sein, dass er den Staat durch Taktieren und eine Politik des „Divide et impera“ – nämlich das gegenseitige Ausspielen der Nationalitäten – in schwierigen Zeiten nicht ohne Raffinesse zusammenhielt. Mag auch sein, dass er das Charisma einer vom Schicksal schwer getroffenen Figur, welche den gewaltsamen Tod von Bruder, einzigem Sohn und Gattin in beispielhafter Gottergebenheit meisterte, gut nützte, um das Volk an sich und das Haus Habsburg zu binden. Und doch war in dieser Zeit vieles brüchig und der Kaiser ein Zauderer „von pessimistischer Tatenscheu“ – wie dies der Historiker Zöllner ausdrückte –, der notwendige Innovationen verhinderte. Die „kleinen Leute“ mochten wirtschaftliche Stabilität erleben, feinnervige Menschen spürten aber längst die kommenden Beben. Schnitzler brachte das schwankende Lebensgefühl einer Epoche, die von nationalen und sozialen Spannungen gekennzeichnet war, auf die Formel „Sicherheit ist nirgends“.

In den vergangenen Jahren ist viel über den Ersten Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ gesprochen und geschrieben worden. Was das bedeutet, wurde für mich im vergangenen Frühjahr so richtig deutlich, als ich in Solferino war. Auf den Anhöhen dieses und benachbarter Orte nahm die Schlacht ihren blutigen Verlauf. Ich wanderte an einem milden Frühlingstag über diese Hügel – mit den martialischen Bildern im Kopf, die sich zuvor in den Museen der Gegend eingeprägt hatten. Plötzlich war das alles ganz nahe, und als ich im Ossarium von San Martino direkt vor Tausenden aufgestapelten Totenköpfen der Gefallenen stand und in ihre dunklen Augenhöhlen blickte, wurde mir bewusst, wie nahe das alles noch war. Und das verfestigte sich, als ich im Dom von Castiglione delle Stiviere umherging, in den nach dem Inferno der Schlacht, bei der sich an einem glühenden Sommertag 300.000 Soldaten im Kampf gegenüberstanden, Hunderte von Schwerverletzten gebracht worden waren und wo sich der zufällig hierher geratene Henry Dunant und die Frauen der Stadt bemühten, die unsäglichen Schmerzen der Schwerverwundeten etwas zu mildern. Als ich dann zurückfuhr in das nahe Brescia, hatte ich den Eindruck, als zeichne sich das riesenhafte Porträt Franz Josephs über den Anhöhen ab, wo die Gefechte stattgefunden haben.

Die Geschichtsschreibung dient keiner exakten Wissenschaft. Sie erzählt im besten Fall Geschichten, die sich der Realität mehr annähern als der Fiktion. Und so können wir auch über das Phänomen Franz Joseph und seinen Einfluss auf die Zeit wenig Gesichertes sagen. Aber Geschichte zieht gerade auch aus der Spekulation ihre Faszination. Der Gedanke, was gewesen wäre, wenn der Kaiser die damalige politische Krise diplomatisch und nicht auf dem Schlachtfeld von Solferino gelöst oder wenn er die Bataille nicht durch eigenes Unvermögen vermasselt hätte, führt zu Hypothesen, die vermuten lassen, dass die neuere Geschichte auch völlig anders verlaufen hätte können: ohne Solferino wahrscheinlich kein Königgrätz 1866, kein Bosnien-Herzegowina 1878 und kein Sarajewo 1914. Und damit keine Oktoberrevolution 1917, kein Hitlerdeutschland 1933, kein Überfall auf Polen 1939, kein Auschwitz, kein Kalter Krieg und keine Balkankriege, und auch nicht Syrien heute? Wir wissen es nicht, aber die Geschichte hätte vermutlich einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Jedenfalls steht Franz Joseph mit Solferino am Beginn einer Verkettung von unglücklichen Ereignissen, die das folgende „Jahrhundert der Gewalt“ heraufbeschworen haben. Ob ohne diesen Krieg das 20. Jahrhundert friedlicher verlaufen wäre, bleibt freilich fraglich. Die Natur des Menschen gibt zu wenig Optimismus Anlass, dies anzunehmen.

Nun noch ein paar Anmerkungen zum Jahr 1916, das Marksteine in das Feld der Weltgeschichte schlug, an denen wir bis heute nicht vorbei können. Welch ein Jahrhundert atemberaubender, immer schnellerer Entwicklungen trennt uns von diesem Datum! Und doch scheint es, als ob das Epochenjahr 1916 allgegenwärtig wäre. Für mich ist es auch deshalb nahe, weil meine Mutter in diesem Jahr geboren wurde. Sie hat mir ein Foto hinterlassen, auf dem sie als Halbjährige auf dem Schoß ihrer Großmutter sitzt, die 1832, im Todesjahr Goethes, geboren worden war. Die Aufnahme dürfte in den Wochen entstanden sein, als der Kaiser hingeschieden ist. So schrumpft ein Jahrhundert sehr rasch auf das, was es im menschlichen Maßstab ist: ein sehr überschaubarer, kurzer Zeitraum.

1916 war das Jahr der „Hölle von Verdun“. Die zehn Monate dauernde Schlacht, die Gesamtverluste von  800.000 Soldaten forderte und für beide Seiten ein Desaster war, wurde zum Symbol des „industrialisierten Kriegs“, in dem der Soldat nur noch „Kanonenfutter“ und die Kriegsmaschinerie ausschlaggebend ist. Selbst 50 Millionen Granaten und Minen brachten vor Verdun keine Entscheidung. Alle neueren Kriege seit damals waren und sind – in unterschiedlichem Maße – Material­schlachten.

Im House-Grey-Memorandum von 1916 wurde der Kriegseintritt der USA vorbereitet. Dieser entschied schließlich den Ersten Weltkrieg zugunsten der Alliierten und brachte den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht Nummer eins.

1916 wurde das Sykes-Picot-Abkommen geschlossen, eine geheime Vereinbarung von Großbritannien und Frankreich zur Aufteilung der osmanischen Gebiete im Nahen Osten. Es machte die Region zum kolonialen Interessengebiet der Großmächte, und schon damals spielte der Zugriff zu den Ölquellen eine bedeutende Rolle. Aber der Nahe Osten wurde damit nicht nur zum Musterfall jener Entwicklungen, die man mit dem Satz „Erdöl regiert die Welt“ zusammenfassen kann und die so verheerende Wirkungen bis in die Gegenwart gezeitigt haben, sondern hier wurden Grenzen ohne Rücksicht auf ethnische und kulturelle Bedingungen gezogen, welche maßgeblich zur Ursache der Verwerfungen im Nahen Osten wurden. Seither ist die ganze Region destabilisiert. Dass 1916 Lord Arthur Balfour britischer Außenminister wurde, nach dem die ein Jahr später veröffentlichte Balfour-Deklaration benannt ist, ergänzt diese Bestandsaufnahme: Die Erklärung stellte in Aussicht, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ für das jüdische Volk zu errichten, und ermöglichte damit die Gründung des Staates Israel; der damit verbundene Nahostkonflikt, der Brennpunkt der neueren Zeitgeschichte schlechthin, scheint unlösbar zu sein.

Zurück zu Franz Joseph, dem „ewigen Kaiser“, wie ihn eine große Ausstellung im Gedenkjahr zu Recht bezeichnet: Dass ich für ihn Sympathie hege, hat vor allem mit meinem Großvater Franz Xaver zu tun, der mir unter vielen anderen zwei Geschichten erzählte, von denen die erste in Wien, die zweite in Bregenz spielt: Als junger Mann leistete er um die Jahrhundertwende den Rekrutendienst in der Residenzstadt ab. Der Vorarlberger Bauernbursche muss sich wohl verdient gemacht haben, denn er wurde ausgewählt, dem kaiserlichen Hof im Schloss Schönbrunn unmittelbar zu dienen. Eine seiner Aufgaben war es, sich um die Sammlung der Vögel der Kaiserin Elisabeth zu kümmern. Sie selbst war damals schon dem Attentat zum Opfer gefallen, die Vögel wurden noch in Volieren gehalten. Es handelte sich überwiegend um Kleinpapageien, größtenteils Wellensittiche, welche die Kaiserin wegen ihrer Zutraulichkeit und des munteren Gesangs besonders geschätzt hatte. Großvater erzählte, die Tiere hätten sich ungehemmt vermehrt und der Staub und Gestank in dem Raum, den er sauberhalten musste, sei kaum auszuhalten gewesen und habe ihm viel Arbeit beschert. Doch sei er nicht von der dümmsten Sorte gewesen und habe sich zu helfen gewusst: Er habe die frisch gelegten Eier der Papageien so lange in kaltes Wasser getaucht, bis daraus nichts mehr entfleucht sei. Bei Hofe hätte man daraufhin besorgt einige Tierärzte hinzugezogen, um die Vögel zu untersuchen und der Unfruchtbarkeit auf den Grund zu gehen. Diese klugen Männer hätten sich freilich vergeblich die Glatze gekratzt: Die wahre Ursache sei unentdeckt geblieben, der Dienst aber wesentlich angenehmer geworden.

Zu jener Zeit sei er dem Kaiser häufig begegnet, und dieser habe, leutselig wie er war, gelegentlich einige freundliche Sätze mit ihm gewechselt. Einige Jahre später habe er noch einmal eine kurze Begegnung mit dem alten Kaiser gehabt, als dieser 1909 in Bregenz zu Besuch war. Franz Joseph habe sich sofort an seinen Dienstboten erinnert und ihn mit Rang und Familiennamen angesprochen.

Viele Anekdoten kursieren bis heute um Franz Joseph. Sie haben das Bild des unnahbaren Monarchen vermenschlicht und auch verharmlost. Derselbe Mann, über den Großvater wie über einen guten Onkel sprach, hat viel dazu beigetragen, dass es zur „Urkatastrophe“ kam. Persönlichkeiten seiner Art, die „ihre Pflicht bis zuletzt tun und endlich mit Ehren zugrunde gehen“ wollen, nehmen dafür viel in Kauf: Franz Joseph begriff sich Zeit seines Lebens als Soldat. Als er 1848 als Achtzehnjähriger gegen die Piemontesen endlich an Kämpfen teilnehmen durfte, hat er an die Mutter geschrieben: „Ich habe zum ersten Male die Kanonenkugeln um mich pfeifen gehört und bin glücklich.“ So sah er sich auch weiterhin: als Mann im Waffenrock, dem alles Militärische und damit auch das Kriegshandwerk zentrale, lebensbestimmende Aufgabe war. Sentimentalitäten in Bezug auf die Opfer der Schlachten durften da wohl wenig Raum haben – sie waren für einen Kriegsherrn einkalkulierte Verluste, die mit dem althergebrachten Ehrenkodex „Für Kaiser und Vaterland“ mythisch überhöht und dadurch gerechtfertigt wurden.

Tödliches Handwerk prägte Franz Joseph aber auch in anderer Hinsicht: Er war ein fanatischer Jäger, wobei die Jagd für ihn mehr als eine Leidenschaft war. Wir tun uns schwer, einen Menschen zu begreifen, dem das Töten eine krankhafte Sucht wird: 55.000 Stück Wild soll Franz Joseph erlegt haben.

Franz Joseph war in seiner mentalen Struktur aber nicht nur Soldat und Jäger. Bei ihm kommt ein Drittes hinzu: Seine apostolische Majestät war zudem durch und durch ein dem Katholizismus treu ergebener, religiös demütiger Mensch, und damit diente er einer Konfession, deren wesentlicher Kern es ist, das Leben im Geheimnis des Todes zu feiern.

„Nie prägte mächtiger in ihre Zeit jemals ihr Bild die Unpersönlichkeit“, reimte Karl Kraus über einen Monarchen, der auf die Zeitgenossen einerseits schablonenhaft und mitunter unbedarft wirkte, gleichzeitig aber seiner Zeit so stark den Stempel aufdrückte wie wenige historische Gestalten zuvor.

Als Franz Joseph 1898 nach dem Attentat von Genf auf Kaiserin Elisabeth die Todesnachricht ereilte, sagte er den zum Austriazismus gewordenen Satz: „Mir bleibt doch gar nichts erspart auf dieser Welt.“ Als er im Sterben lag, mag er sich gedacht haben: „Ich habe mehr noch Österreich und seinem Volk aber auch gar nichts erspart.“ Tatsächlich ließ er ein Land zurück, das in bleischwere Zeiten ging, und er prägte die österreichische Seele vielleicht nachhaltiger, als wir heute wahrhaben wollen.

Wenn die Geschichtsschreibung Franz Joseph als nüchternen, fantasielosen, entscheidungsschwachen Bürokraten beschreibt, der mit trockenem Pragmatismus an überkommenen Traditionen festhielt und die besten Stunden bei für ihn inszenierten Militärparaden und Treibjagden erlebte, so kommt uns das irgendwie sehr österreichisch und sehr gegenwärtig vor. Es scheint, dass der Habsburger immer noch in allzu vielen Köpfen sitzt und halsstarrig und weltentrückt vor sich hin regiert.

03.12.2016

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Ernst Wirthensohn

geb. 1957 in Bregenz, wohnhaft in Sulzberg-Thal, unterrichtet seit 1983 am BG Bregenz-Blumenstraße Deutsch und Geschichte und ist Schulbibliothekar.

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