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Wettbewerbsbereitschaft, Ausbildung und Jobsuche

Wettbewerbsbereitschaft spielt für die Ausbildungs- und Studienwahl eine große Rolle und beeinflusst auch, ob sich jemand für eine bestimmte Arbeitsstelle bewirbt. Die Geschlechterunterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft haben deshalb eine wichtige Bedeutung für die Berufswahl.

Muriel Niederle, eine österreichische Volkswirtin, die an der Stanford University lehrt, gilt als Pionierin zur Messung von Wettbewerbsbereitschaft. In einfachen Versuchsanordnungen hat sie gezeigt, dass Frauen sich im Durchschnitt deutlich weniger gern einem Wettbewerb stellen als Männer. Als Muriel Niederle vor ungefähr zehn Jahren diese Forschung begann, waren die Studien noch reine Laborstudien. Mit anderen Worten, die Teilnehmer waren Studierende, die in einem rund einstündigen Experiment am Computer eine Entscheidung treffen mussten, ob sie bei einer bestimmten Aufgabe – etwa dem Addieren von zweistelligen Zahlen – unabhängig von der Leistung anderer Probanden für jede richtige Lösung oder im Wettbewerb mit anderen bezahlt werden wollten. Bei der Wahl der Wettbewerbsauszahlung bekam nur der Teilnehmer mit der besten Leistung etwas ausbezahlt, alle anderen aber nichts.

Solche experimentelle Laborforschung wirft unweigerlich die Frage nach der externen Validität auf. Das ist die Frage, ob das Verhalten im Rahmen eines kurzen Laborexperiments auch eine Aussagekraft für Verhalten außerhalb des Labors hat. Im konkreten Fall geht es um die Frage, ob die Geschlechterunterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft – wie sie in den Laborstudien von Muriel Niederle und in vielen anderen Studien festgestellt wurden – auch für das reale Leben von Bedeutung sind. Jüngste Studien belegen, dass das der Fall ist, weil nämlich die Wettbewerbsbereitschaft für die Ausbildungs- und Studienentscheidungen und auch für die Bewerbung auf offene Stellen auf dem Arbeitsmarkt von Bedeutung ist.

In einer groß angelegten Studie mit niederländischen Mittelschülern konnten Muriel Niederle und Koautoren die Wettbewerbsbereitschaft von 15-jährigen Burschen und Mädchen zuerst experimentell messen und dann die Ausbildungslaufbahn dieser Jugendlichen verfolgen. Drei Jahre vor Abschluss der Mittelschule – also im Alter von 15 Jahren – müssen Jugendliche in den Niederlanden entscheiden, welchen Ausbildungszweig sie für die letzten drei Schuljahre wählen wollen. Im Wesentlichen gibt es folgende vier Zweige: Natur und Technik, Natur und Gesundheit, Ökonomie und Gesellschaft und Kultur und Gesellschaft. Die Ausbildungszweige unterscheiden sich in der aufgezählten Reihenfolge im Schwierigkeitsgrad im Hinblick auf naturwissenschaftliche Fächer wie Mathematik, Physik oder Chemie. Der gewählte Zweig ist wiederum ein sehr guter Indikator dafür, welche Fächer die Absolventen des jeweiligen Zweigs nach dem Abschluss der Mittelschule an einer Hochschule studieren werden. Die stärker naturwissenschaftlich ausgerichteten Ausbildungszweige bringen mehr naturwissenschaftlich ausgebildete Universitätsabsolventen hervor und diese verdienen dann – zumindest in den Niederlanden – im Schnitt mehr als weniger stark naturwissenschaftlich interessierte Absolventen. Niederle und Kollegen zeigten nun, dass die experimentell gemessene Wettbewerbsbereitschaft ein guter Indikator für die Wahl des Ausbildungszweigs und damit der späteren Studienrichtungen ist. Stärker wettbewerbsorientierte Jugendliche wählten signifikant häufiger die stärker naturwissenschaftlich orientierten Ausbildungszweige. Dieser

Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn man die Schulleistungen der Jugendlichen, ihre Risikoaversion oder ihre Leistungsfähigkeit in der experimentellen Aufgabe berücksichtigte.
Die Wettbewerbsbereitschaft ist aber nicht nur für die Bildungslaufbahn bedeutend, sondern auch dafür, ob sich jemand auf eine bestimmte offene Stelle auf dem Arbeitsmarkt bewirbt. Das hat ein Forschungsteam um John List von der University of Chicago – ein Pionier von Feldexperimenten – in einer Studie mit mehr als 9000 Arbeitssuchenden in 16 großen amerikanischen Städten herausgefunden. Die Studienautoren veröffentlichten Stellenangebote für administrative Tätigkeiten, bei denen Arbeitssuchende zuerst ihr Interesse kundtun mussten, bevor ihnen die genaue Tätigkeitsbeschreibung und die Details der Entlohnung mitgeteilt wurden. Erst danach konnten sie sich offiziell für die Stellen bewerben. Durch diesen methodischen Kniff konnten die Autoren feststellen, wie viele der potenziell Interessierten sich tatsächlich für eine Stelle bewarben – abhängig von den Details der Entlohnung. In einem Fall wurde als Entlohnung ein fixer Lohn pro Stunde angeboten, während in einem anderen Fall die Entlohnung nur einen geringeren Stundenlohn vorsah, der aber durch eine Bonuszahlung aufgestockt werden konnte, wenn die eigene Arbeitsleistung besser als die einer zweiten Person in dem Job war. Diese Entlohnungsform beinhaltete also eine starke Wettbewerbskomponente. John List und Koautoren fanden heraus, dass die Entlohnungsform einen großen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Bewerbung von Frauen beziehungsweise Männern hat. Im Vergleich zur Situation mit einem fixen Stundenlohn ohne möglicher Bonuszahlung bewarben sich Männer auf die Stelle mit Wettbewerb um die Bonuszahlung um 55 Prozent häufiger als Frauen. Die stärkere Abneigung von Frauen gegen Wettbewerb hatte also auch auf das Bewerbungsverhalten auf dem Arbeitsmarkt eine starke Auswirkung. Sich in einer Wettbewerbssituation wohlzufühlen, kann also als Wettbewerbsvorteil bei Ausbildungsentscheidungen und auf dem Arbeitsmarkt angesehen werden.

03.12.2017

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Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

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