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Auma Obama: „Ich arbeite daran, dass man sich auch an meinen Vornamen erinnert“

Sie ist die Schwester des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und berichtet im Gespräch mit „Thema Vorarlberg“ von ihrer Kindheit in Kenia, wie sie es Kindern ermöglicht, ihre Zukunft aktiv zu gestalten, und warum ihr weltbekannter Familienname nicht immer ein Vorteil ist.

Als Kind erlebten Sie in Kenia ein modernes städtisches Leben, aber auf dem Land bei ihren Großeltern auch ein traditionelles Familiensystem, in dem Jungen und Mädchen unterschiedlich behandelt wurden. Wie haben diese Erfahrungen Sie geprägt und Ihren Lebenslauf beeinflusst?

Sie haben mich insofern geprägt, dass ich mir schon als Kind versprach, mich nie nur über mein Geschlecht bestimmen zu lassen. Ich wusste damals schon, dass ich als Mensch mehr bin als „nur“ ein Mädchen oder „nur“ eine Frau. Meiner Tochter versuche ich auch beizubringen, dass ihre Identität und nicht ihr Geschlecht bestimmt, was sie macht und wie sie ihr Leben gestaltet.

Ihr Vater gehörte zu einer kleinen Gruppe „Auserwählter“, die damals als erste Generation von Kenianern ein Studium in den USA oder Europa absolviert hatten. Darum war es ihm auch wichtig, dass Sie als seine Tochter die bestmögliche Schulbildung bekommen. Bis heute fehlt aber vielen Kindern diese Möglichkeit ...

Ich hatte das Glück, dass mir mein Vater größtenteils eine hervorragende Schulausbildung gewährleisten konnte. Ich sage zum Teil, weil er während meiner Zeit im Gymnasium einen schweren Unfall hatte und seinen Job verlor. In dieser Zeit konnte er das Schulgeld für mich nicht bezahlen. Nur dank eines Stipendiums konnte ich die letzten zwei Schuljahre absolvieren. Somit wurde auch mir geholfen, eine Schulausbildung zu bekommen. Durch meine Stiftung helfe ich deswegen Kindern und Jugendlichen, genau das zu erreichen.

Als US-Präsident hat ihr Bruder Geschichte geschrieben. Auch Sie selbst wurden von Paparazzi verfolgt und waren einem sehr großen medialen Interesse ausgesetzt. Wie sind Sie damit umgegangen und was bedeutet Ihnen Ihr weltbekannter Familienname?

Die Erfahrung war neu und nicht immer angenehm. Aber mir ist bewusst, dass mir dadurch sehr viele Türen geöffnet wurden. Mir ist klargeworden, dass ich ein Sprachrohr für all diejenigen bin, die keine Stimme haben. Das habe ich dann getan und tue es immer noch. Gleichzeitig versuche ich, als Auma etwas zu bewirken. Die Leute sehen zuerst nur meinen Nachnamen. Ich arbeite daran, dass – wenn ich gehe – sie sich auch an meinen Vornamen erinnern.

Sie haben ein großes Verantwortungsgefühl dafür, dass die Zukunft der nachfolgenden Generationen besser wird. Wie kann das gelingen und wie sehen Sie hier Ihre Rolle und die der Gesellschaft?

In erster Linie geht es darum, dass die Kinder erkennen, mitverantwortlich zu sein und deshalb aktiv ihre Zukunft gestalten zu müssen. Außerdem sollten wir Erwachsene ihnen die Möglichkeit geben, mitzureden. Eine bessere Zukunft kann nur dann gewährleistet werden, wenn die Eigenverantwortung stärker gefordert wird. Mit unserer Hilfe können sich die Kinder und ihre Familien von einer Opfermentalität lösen, die durch externe Hilfe und Spenden verursacht wird.

Mit Ihrer Stiftung „Sauti Kuu“ vermitteln Sie genau das: Selbstvertrauen und Selbstbestimmtheit. Wie schwierig ist es, Ihren Grundsatz „die Menschen, die wir unterstützen, müssen auch etwas dazu beitragen“, in die Praxis umzusetzen – und was sind dabei die größten Herausforderungen?

Wir arbeiten mit sozial und finanziell benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Die meisten von ihnen leiden an einem starken Minderwertigkeitsgefühl. Sie denken, dass sie nichts wert sind und wissen gar nicht, dass sie aktiv sein können. Bei uns lernen sie, sich selbst zu schätzen und etwas bewegen und bewirken zu können. Sie werden ermutigt, die beiden Kernbotschaften, die zugleich Leitbild der Stiftung sind, zu verinnerlichen: „You are your future“ („Du bist deine Zukunft”) und „Use what you have to get what you need!“ (“Verwende, was du hast, um zu bekommen, was du brauchst”). Außerdem vergeben wir keine Almosen. Stattdessen werden den Kindern und Jugendlichen lebenswichtige Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt. Sie zahlen auch einen kleinen Mitgliedsbeitrag von 50 Cent im Jahr. Dadurch schätzen sie die Teilnahme an unserem Programm umso mehr.

In ihren Memoiren berichten Sie, dass Sie immer wieder mit den gleichen Bildern und Vorurteilen über den afrikanischen Kontinent konfrontiert sind. Ist es mittlerweile gelungen, die Vielfalt Afrikas zu zeigen und sich nicht auf bestimmte Klischees zu beschränken?

Obwohl wir alle durch die neuen Medien nur einen Knopfdruck von Informationen aller Art über Afrika entfernt sind, wird es leider noch viele Jahre dauern, bis die Vorurteile und Stereotypen, die über Hunderte von Jahren entwickelt worden sind, abgebaut sind. Es muss ständig daran gearbeitet werden, das Bild von Afrika mit seiner Diversität und kulturellen Vielfalt ins richtige Licht zu rücken. Was die aktuelle „Angst“ vor einer Flut an Flüchtlingen angeht, könnte man ganz schnell die Betroffenen beruhigen, wenn sie nur wüssten, dass die meisten Flüchtlinge aus Afrika den Kontinent gar nicht verlassen. Nur etwa drei Prozent kommen nach Europa. Man muss sich nur richtig informieren. Jene, die sich überhaupt für eine Flucht entscheiden, tun dies nur, weil sie keine Alternative sehen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Diese Alternative versuchen wir ihnen bei „Sauti Kuu“ zu geben.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Am Donnerstag, 19. Oktober 2017, kommt Dr. Auma Obama im Rahmen des 10. Unternehmerinnenforums von „Frau in der Wirtschaft“ in den Vinomnasaal nach Rankweil.
Informationen und Anmeldung unter www.wkv.at/events/unternehmerinnenforum

07.10.2017

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