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Coworking ist neudeutsch für Zuhause

Vorsichtig öffnet Lara die Tür des Coworking-Spaces. Über der Schulter der 26-jährigen Illustratorin hängt eine Tasche, die Laptop, Netzteil, Skizzenblock, Geldtasche und eine Club-Mate-Flasche enthält. Was früher ein Büro füllte, lässt sich 2017 in eine Handtasche packen. Der eigene Raum zum Arbeiten ist überholt. Coworking-Spaces bieten Tisch, Stuhl, Strom, WLAN und, mit etwas Glück, gratis Kaffee. Auch Nachnamen wurden überflüssig. Nicht weil man unförmlich, sondern weil man unpersönlicher geworden ist. So stellt sie sich dem Host (Büromama, Organisator und Wohlfühlmanager eines Spaces) als Lara vor, lässt sich in wenigen Minuten Details zu Raum und Bezahlsystem erklären. Sie betritt die alte Halle, die in ihrem früheren Dasein Produktionshalle für Seifen war. Die Raumgestaltung ist wie erwartet. Als hätte man das Standard „Fancy Coworking“-Template gedownloadet, dem Raum übergestreift und hier und da ein bisschen individualisiert. Altbau, Toiletten, drei Besprechungsräume, eine Küche, Retro-Sofas, bunte Plakate an den Wänden und zwei Dutzend Schreibtische, an denen Coworker ihrer Arbeit nachgehen. Mit dem Space in der alten Seifenfabrik wurde das Rad nicht neu erfunden, vielmehr ist man Teil einer weltweiten Bewegung, die traditionelle Wirtschaftsräume urban und zeitgerecht aufbereitet. Zielgruppe ist die Generation „digital und unabhängig“. Die Variablen der Geschichte sind austauschbar. Lara ist nur ein Synonym für eine Freiberuflerin, die schnell, viel und unabhängig arbeitet. Sie könnte ebenso gut Miguel, Jamie, Sigrud oder Fatma heißen und zwischen 18 und 80 Jahren alt sein. Statt zu illustrieren, könnte sie auch vertreiben, webdesignen oder programmieren.

Spaces im V-Style

Während Coworking-Spaces weltweit mit niedrigen Mieten, schneller Kündbarkeit, gutem WLAN, Start-up-Umgebung und Besprechungsräumen werben, hat Vorarlberg seine eigenen Regeln. Der Vorarlberger Coworker reist nicht permanent, sondern tendiert zur Sesshaftigkeit. Internationale Kollegen sind häufig die Partner von Rückkehrern. Dennoch, der Xiberger ist modern, zeigt, dass die Region Trend mit Tradition verbinden kann. Begriffe wie Start-up, Hub, digitale Transformation, Lab und vor allem Coworking-Space finden inflationäre Verwendung im Sprach- und Werbegebrauch. So steht Coworking für alles, was mindestens zwei Parteien unterschiedlicher Rechnungsadressen vereint. Dass Coworking laut Definition bedeutet, dass verschiedene Start-ups, Kreative und Freiberufler sich in größeren offenen Räumen einzelne Schreibtische mieten und sich hier einen gemeinsamen Arbeitsplatz teilen, nimmt man nicht so genau. Wozu auch? Der Markt schafft die Nachfrage, die Nachfrage definiert das Angebot und das Angebot die Differenzierung. Unterschiedliche Modelle haben sich im Ländle etabliert und variieren in Gründungsidee, Motivation, Gestaltung, Angebot, Preis, in der inhaltlichen Bespielung und Zielgruppe. Einer der ersten Spaces im Land war das NCL, welches von 2007 bis 2009 in Dornbirn betrieben wurde und mit digitalem Fokus digitale Vorreiter ansprach. Die Zielgruppe „etablierte Unternehmen“ definiert das „Campus V Coworking“. Hier wird eine klassische Bürogemeinschaft um freie Tische neu definiert. Durch Coworking-typische Elemente finden Unternehmer eine kreative und aufgelockerte Version einer Bürogemeinschaft. Anders in Lochau, wo ein kleiner Space und niedrige Fluktuation besondere Synergien schaffen. Zur Schaffung einer Kreativ-Community wurde „Die Gelbe Fabrik“ realisiert. Hier wird die gesamte Bürofläche mit freistehenden Tischen bespielt und man gibt sich betont urban und kosmopolitisch. Eine Coworking-Landschaft, die sich über Diversität definiert. Richtig oder falsch gibt es nicht, lediglich Erfolglosigkeit ausgelöst von mangelnder Authentizität.

Gemeinschaft

Coworking in Vorarlberg ist eine Frage des persönlichen Geschmacks, nicht des Budgets. Kaum ein Coworker entscheidet sich hierzulande aufgrund einer Kostenersparnis für die Einmietung im Coworking. Denkt man kurz darüber nach, so kostet der Quadratmeter Büroplatz zwischen 100 und 200 Euro im Monat. Der Konkurrenz ist man nahe, potenzielle Störquellen gibt es zu Genüge und Privatsphäre ist quasi nicht vorhanden. Wieso also gibt es Coworker in Vorarlberg? Man arbeitet fokussiert, hat seine Arbeit nicht daheim am Sofa. Andere Coworker steigern den Umsatz, beteiligen sich an Projekten. Das Miteinander ist befruchtend und Motivation ist ansteckend. Coworker fragen nicht, wieso man sonntags ins Büro geht. Sie kennen es, wenn das Finanzamt seine Erinnerungen verschickt, nächstes Mal besser den Umsatz zu drücken. Gemeinschaft gibt Motivation, Antrieb und Netzwerk, wobei Letzteres in Vorarlberg wirklich unverzichtbar ist. Coworking gibt ein Zuhause, egal, wo sich die Laras dieser Welt gerade rumtreiben – öffnen sie die Tür zu einem Coworking, liegt dahinter die Komfortzone. Es ist eine Oase, denn in der Subkultur findet man Gemeinschaft, Familie und ein Daheim. Auch und vor allem in Vorarlberg.

03.12.2017

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Sara Bonetti

In Hard aufgewachsen, in Berlin studiert. 2016 das Coworking „Die Gelbe Fabrik“ mitgegründet, seitdem inhaltliche wie gestalterische Leitung.

(Quelle Foto: ©Moritz Kempf)

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