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Die fiesen Tricks der Ladendiebe

Fast keine Grenzen kennt der Einfallsreichtum von Ladendieben. Betroffen ist der komplette Einzelhandel, die Gauner klauen allerdings auch im großen Supermarkt. Bis zu 35 Millionen Euro beträgt der Warenschwund pro Jahr im Vorarlberger Einzelhandel – zwei Drittel davon gehen auf Kosten der trickreichen Ganoven.

Gestohlen wird fast alles – vom Hygieneartikel bis zum Haushaltsgerät“, wissen Herbert Humpeler und Christian Spitaler, am Landeskriminalamt Vorarlberg für Prävention zuständig. Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Ladendiebstahl und zeigen Verkäufern in Schulungen, worauf sie achten müssen, um Langfinger zu erkennen. Kosmetika, Spirituosen, Bekleidung, Elektronik- oder Spielezubehör: So sieht eine – unvollständige – „Hitliste“ der Waren aus, auf die Ladendiebe besonders „scharf“ sind. Hinter Ladendieben stehen Profibanden, die enormen Schaden anrichten, ebenso wie kleine Gauner aus praktisch allen sozialen Schichten und Alterskohorten. Bleiben wir bei den in der Regel aus dem Ausland stammenden Profibanden: Sie wissen genau, wie die Diebstahlsicherungen in den Geschäften funktionieren und wie sie sich austricksen lassen. „Vielfach spezialisieren sie sich auf bestimmte Handelsketten, die in allen Filialen dieselben Schutzvorkehrungen getroffen haben“, erklärt Humpeler. Bis vor noch gar nicht langer Zeit waren teure Rasierklingen die bevorzugten Objekte der Banden. „Rasierklingen wanderten kofferweise in den Osten“, sagt Spitaler. Aufgrund ihrer Größe stellten sie leichte Beute der Gauner dar, die beispielsweise in ihren Mänteln zusätzliche Innentaschen zum Durchgreifen eingenäht hatten. Die Rasierklingen wurden dann auf dem Schwarzmarkt beziehungsweise im Internet zu Geld gemacht.

Leerpackungen in den Regalen

Die betroffenen Geschäfte reagierten bald erfolgreich. Waren Rasierklingen früher weit entfernt von den Kassen platziert, so verlegte man sie nun in Sichtweite der Kassen. Außerdem kamen Leerpackungen in die Regale, die eigentliche Ware wurde schließlich persönlich ausgehändigt. Fazit: Die Diebstähle gingen eklatant zurück. Stichwort Verpackung: Einfallsreichtum und Dreistigkeit der Kriminellen überraschten immer wieder aufs Neue. Manche packen direkt im Geschäft Waren um und verstecken kleinere Artikel in der Verpackung größerer Waren. Beliebt ist weiters, Artikel in Regenschirmen verschwinden zu lassen. Und um die Diebstahlsicherung zu übergehen, wird gestohlene Ware gern über die Sicherungsschranke beim Ausgang geworfen.

Teuer, klein, leicht verkaufbar – diese Kriterien reizen Ladendiebe ganz besonders. Neben den Profis bereiten auch Suchtgiftabhängige Probleme. Kosmetika und Artikel für Kleinkinder – so sieht deren bevorzugtes „Beuteschema“ aus. „Die Kosmetika verkaufen sie, die Kleinkindartikel verwenden sie für den persönlichen Gebrauch“, berichtet Humpeler. In den Geschäften treten sie vorzugweise mit Kinderwagen auf. Werden Ladendiebe erwischt, staunen die Verkäufer, Detektive und Polizisten oft nicht schlecht, wen sie da ertappt haben. „Abgesehen von den Profis und Drogensüchtigen reicht das Spektrum vom Schüler über den Arbeiter bis zum Akademiker“, wissen Humpeler und Spitaler. Eines haben sie alle gemein: Keiner hat aus wirtschaftlicher Not heraus gestohlen. Geiz oder eine krankhafte Veranlagung lauten mögliche Erklärungen.

Jugendliche glauben manchmal, eine Mutprobe absolvieren zu müssen. Gruppenzwang führt zusätzlich zu einer Drucksituation, aus der dann nur ein Ausweg möglich scheint – Ladendiebstahl. „An einer Vorarlberger Schule gab es in dem Zusammenhang einmal gar eine Art Wettbewerb“, erinnern sich die Kriminalbeamten. Der endete jedoch schlecht für die Jugendlichen. Freilich – selbst ganz alte Menschen verüben Ladendiebstähle. Aber je höher das Alter und je anfälliger die Gesundheit, desto eher laufen sie Gefahr aufzufliegen. Die Art und Weise kann ziemlich kurios und unangenehm sein, wie das Beispiel einer alten, kleptomanisch veranlagten Dame zeigt.

Eiskaltes Huhn am Kopf

Die Rentnerin hatte in einem Vorarlberger Supermarkt ein Tiefkühlhuhn entwendet. In bisher offenbar bewährter Manier versteckte sie es unter einem großen Hut auf ihrem Kopf, reihte sich in die Schlange an der Kasse ein und wartete. Die Schlange bewegte sich nur ganz langsam nach vorn. Die Zeit verstrich. Nun bricht zwar niemand ob der Last eines Huhns auf seinem Kopf zusammen. Die Kälte, die von einem Tiefkühlprodukt ausgeht, sollte jedoch keiner unterschätzen – vor allem nicht im fortgeschrittenen Alter. Die Geschichte endete jedenfalls unangenehm für die Dame: Sie kollabierte nach minutenlangem Warten in der Schlange, das Huhn kullerte munter über den Boden – großes Staunen und verstohlenes Gelächter in der Menge rundherum inklusive. Immerhin erholte sich die verhinderte Ladendiebin gesundheitlich rasch wieder.

Obwohl die Profigauner dreiste Methoden bei Ladendiebstählen anwenden, weiß die Polizei dennoch einige Maßnahmen und technische Hilfsmittel, mit denen man ihnen das Leben schwer machen kann. „Bei einem konkreten Verdacht soll der misstrauisch gewordene Mitarbeiter das Gespräch mit der verdächtigen Person suchen und fragen, ob sie Hilfe benötigt“, rät Humpeler. Sammeln sich mehrere Jugendliche auffällig in einem Bereich eines Geschäfts an, nützt es, wenn sich ein Mitarbeiter ebenfalls dorthin begibt. Kameras und Spiegel wirken abschreckend; ebenso Plakate mit dem Hinweis, dass Ladendiebstahl ausnahmslos eine Anzeige zur Folge hat. Und schließlich lohnt es sich, zu eruieren, welche Warengruppen in großem Ausmaß von Diebstahl betroffen sind. Die platziert man dann am besten in einem anderen, für das Personal gut einsehbaren Bereich. Die Rasierklingen sind hierfür das beste Beispiel.

04.02.2017

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