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„Die Freizeit der Zukunft“

Trend- und Zukunftsforscherin Anja Kirig (40) erklärt im Interview: „Die Freizeit der Zukunft wird nicht mehr den Kontrast zur Arbeit darstellen.“

Unsere Gesellschaft ist von einem hohen Grad der Individualisierung geprägt. Wie wirkt sich das auf das Freizeitverhalten aus?

Durch die Ausdifferenzierung der Lebensstile verlaufen Biografien im Gegensatz zu früheren Generationen nicht mehr eindimensional mit klassischen Stationen von Kindheit, Jugend, Ausbildung, Berufstätigkeit, Familiengründung und Rente. Die Freiheit des Einzelnen und auch die Toleranz der Gesellschaft gegenüber nicht an ein bestimmtes Alter gebundenen Lebensstilen wächst zunehmend. Und das betrifft eben auch die Ausgestaltung der „freien Zeit“. Klassische mit Jugend oder Alter, Einkommen oder Herkunft verbundene Aktivitäten lassen sich nicht mehr in diese Kategorien einordnen. Den 50-jährigen Skater unterscheidet nur geringfügig etwas vom Achtjährigen mit derselben Leidenschaft.

Manche fühlen sich von der Vielfalt an Möglichkeiten, wie wir unser Leben gestalten können, überfordert ...

Diese Ausdifferenzierung bringt es mit sich, dass man sich doch zumindest für den Moment entscheiden muss. Die Optionalitäten sind so komplex und vielseitig, kombiniert mit einer neuen Geschwindigkeit, wie der Alltag auf uns einprasselt, dass dies Phänomene hervorbringt, die sich etwa in Begriffen wie „The Joy of Missing Out“ oder auch kurz „JOMO“ wiederfinden. Das heißt: Etwas zu verpassen wird zur Freizeitaktivität. Individualisierung hat aber auch den Vorteil, dass die Menschen schnell in unterschiedliche Lebensalltage probeweise eintauchen können. Im Rahmen von Festivals, Events oder wenn sie mittels unterstützender Onlineplattformen in einer anderen Stadt oder in einem anderen Land bei einer Privatperson wohnen können.

Welche gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen haben die größten Brüche in der Freizeitkultur ausgelöst?

Sicherlich die Individualisierung der Gesellschaft, aber auch andere Megatrends wie Globalisierung und Mobilisierung, Urbanisierung, „Silver Society“ – sprich, eine alternde Gesellschaft, die gleichzeitig immer aktiver wird –, Konnektivität und ein Wandel unserer Arbeitskultur haben starke Auswirkungen auf die Freizeitkultur. Während die einen Megatrends vor allem verändern, wo und wie wir Freizeit verbringen können, verändert der Megatrend der neuen Arbeitskultur den Begriff von Freizeit komplett. Durch neue Arbeitsbedingungen sowie einem Wertewandel, dem Wunsch nach Sinn und Lebensqualität, wird nicht nur Arbeit neu definiert, sondern in diesem Kontext auch Freizeit. Die Sphären lassen sich längst nicht mehr voneinander trennen.

Und das hat konkrete Auswirkungen auf uns alle ...

Hier lassen sich zwei Entwicklungen beobachten: Das ist bei manchen eine gefühlte Ohnmacht, wie die Arbeit sich in ihre Freizeit mischt. Durch mobile Endgeräte fühlen sich viele zu einer ständigen Erreichbarkeit verpflichtet. Freizeitphänomene wie „Digital Detox“, also der bewusste Verzicht auf Smartphone und Tablet, spiegeln diese Ohnmacht wider. Doch mit der kommenden Generation, jene, die mit der Konnektivität wie selbstverständlich aufgewachsen sind, spielt das weniger eine Rolle.

Was macht diese Generation anders?

Speziell die nach 1990 Geborenen integrieren diese Techniken als positive Verstärker von Lebenszielen und Lebensqualität in ihren Alltag. Beruf und Arbeitszeiten werden so gestaltet, dass sie in den eigenen Rhythmus passen und das wird auch aktiv von den Arbeitgebern eingefordert. Während vor zwanzig Jahren ein Absolvent jedes unbezahlte Praktikum dankbar angenommen hat, fragen die heutigen Absolventen in den Vorstellungsgesprächen nach Teilzeit, Homeoffice und Sabbatical. Oder sie machen sich gleich mit einem Start-Up selbstständig, in dem ihre Leidenschaft integriert ist – und somit auch das, was sie in der Freizeit bewegt.

Vor diesem Hintergrund – wie könnte die „Freizeit der Zukunft“ aussehen?

Die Freizeitkultur der Zukunft muss vor allem unterschiedlichen Bedürfnisse gerecht werden. Einerseits wird es immer schwieriger, sie als solche klar zu positionieren, da sie eben nicht mehr den klaren Kontrast zur Arbeit darstellen wird. Andererseits erwartet das Individuum einen Mehrwert, vor allem den in Resonanz mit Umwelt und Menschen zu treten, um daraus Lebensqualität, Ideen, Erfahrungen zu erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

03.06.2017

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