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„Es ist wie bei Clint Eastwood: Wir reiten in die Stadt, der Rest ergibt sich.“

Wolf Lotter (52), Journalist und Autor, findet harsche Worte für all jene, die sich in bloßer „Stammtisch-Empörung“ üben, die mit anderen mitbrüllen, selbst aber jede Antwort, jede Lösung schuldig bleiben. „Es ist nicht mutig, lieber die Weltlage zu kommentieren als in seinem Umfeld für Wichtiges einzustehen“, sagt der Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins „Brand eins“. Der gebürtige Österreicher im Interview mit „Thema Vorarlberg“ über Caféhaus-Revolutionäre, Heuchelei – und das wahre Leben.

Mangelt es unserer Gesellschaft an Mut, Herr Lotter?

Ich glaube, dass es uns an wahrem Mut fehlt. Wahrer Mut ist nicht das Nachäffen von Mut-Parolen, es ist nicht dieser Gratismut, der nichts kostet und nichts bedeutet. Es ist nicht mutig, nur mit den anderen mitzubrüllen, sich mit den anderen zu empören und sich in dieser Empörung auch noch zu gefallen. Es ist nicht mutig, lieber die Weltlage zu kommentieren als in seinem Umfeld für Wichtiges einzustehen und etwas besser zu machen. Wahrer Mut ist Engagement. Persönliche Verantwortung. Selbstständigkeit. Und Geduld. Man sollte entspannter, nüchterner mit den großen Zeitfragen umgehen.

Es soll heute, schrieben Sie jüngst in einem Essay, wesentlich mutiger sein, zu den Gelassenen als zu den Empörten zu gehören.

An Trump passt ja wirklich Vieles nicht – und darüber muss man auch reden und ihn heftig kritisieren. Aber wenn man sich nur über den Präsidenten der USA empört, dann kostet das hier wenig bis nichts. Es ist eine Stammtisch-Empörung, die die Welt nicht besser macht. Das ist ja der Zweck des Gratismutes: Reg dich über was auf, was du eh nicht ändern kannst. Aber greif nix an, was dir selber gefährlich werden könnte. Das ist Heuchelei, eine Scheinmoral. Und das ausgerechnet im Lutherjahr, den sowas so aufgeregt hat, dass er Kopf und Kragen riskiert hat, um es zu ändern. Die Menschen begehen aber auch heute noch moralischen Ablasshandel, es gilt, was damals galt …

Und das wäre?

… kauf dich von deinen Sünden und Unterlassungen los, indem du die anderen Leute anprangerst. Die Frage ist: Verbessern sie die Welt oder klagen sie nur? Letzteres ist üblich. Das ist eine pseudokritische Masse, die sich ihre Empörungsthemen sucht und sie runterbetet. Mit Haltung hat das nichts zu tun. Das ist Feigheit. Und wer glaubt, dass man damit eine demokratische Zivilgesellschaft stärkt, der irrt sich doppelt. Das tut man nur, wenn man selber die Sachen erledigt, die man als Problem erkannt hat. Moral ist ein Do-It-Yourself-Ding.

Sie schreiben: ‚Die dauernde Empörung führt zur Abstumpfung. Die rituelle Aufregung ist eine Sonderform des geistigen Tiefschlafs.‘

Ich darf das an einem Beispiel ausführen. Wie viele Leute gibt es doch, die sich öffentlich darüber empören, dass die Umwelt geschädigt und wie dramatisch der Klimawandel ist! Die Talkshows sind voll von solchen Menschen. Und wer handelt? Kaum jemand. Man empört sich, tut aber nichts; man macht die großen Themen in seinem Leben nicht konkret, stellt sie nicht in sein Leben, nicht in seine Lebensbereiche hinein. Vielmehr wird die Empörung zur Gebetsmühle, der Satz wird an die Götter gerichtet, alles wiederholt sich, es wird zu Routine, es kostet nichts, es bringt nichts. Es passt den Menschen nicht, aber sie tun nichts dagegen.

Weil es immer leichter ist, gegen etwas zu sein als für etwas?

Ganz genau! Nein zu sagen ist wichtig, gar keine Frage. Aber wer Nein sagt, muss auch sagen, wie er es besser macht. Alles andere ist moralisieren.

Wurde Empörung in unserer Gesellschaft zur Mode? Angelehnt an Stéphane Hessels Essay „Empört Euch!“?

Das ist ein gutes Beispiel! Ich habe das Buch damals mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Es ist aus der Perspektive eines alten Widerstandskämpfers durchaus berechtigt und richtig, diesen Satz zu sagen. Für ihn selbst hat das funktioniert. Die unzähligen Epigonen aber, die den Satz in Feuilletons und Essays weiter verbreiteten, diese Caféhaus-Revolutionäre, die sich an Hessel anhängten, selbst keine Lösung anboten, fand ich äußerst schwierig. Man kann einen alten Resistance-Kämpfer wie Hessel aber nicht in einen Topf werfen mit Leuten, die, wie es der Soziologe Armin Nassehi so schön sagt, „links reden und rechts leben“.

Wie würde Ihr Aufruf lauten? Beruhigt Euch?

Ja. Beruhigt Euch! Kommt zur Vernunft! Das wäre mein Aufruf. Weil es nichts bringt, sich aufzuregen. Es bringt nur etwas, sich die Dinge sachlich anzuschauen. Und wenn sich ständig nur inkompetente Leute zu Wort melden, dann müssen halt auch einmal die wirklich Kompetenten dazwischen gehen und konstruktive Verbesserungsvorschläge einbringen, im Geiste der guten Kritik. Sie kennen ja den Spruch: “Der Klügere gibt nach. Deshalb regieren Idioten die Welt.“ Das ist heute ja für alle klar erkennbar kein Witz mehr.

Sie haben ein Buch mit dem Titel „Zivil­kapitalismus“ geschrieben.

Ja. Zivilkapitalismus bedeutet, dass Menschen die Verpflichtung haben, sich so viel Ökonomie beizubringen, dass sie in der Zivilgesellschaft ihre ökonomischen Dinge weitgehend oder ganz in die eigene Hand nehmen können. Ich wundere mich ja immer, dass besonders im linken Milieu viel von Autonomie und Selbstbestimmung geredet wird, aber wenn es um die Praxis geht, wird man schon lieber Beamter statt Unternehmer und Selbständiger. Eine intellektuelle und moralische Elite, das ist ja das Selbstbild, muss aber liefern, nicht nur reden. Da muss man Alltagsprobleme lösen können, und zwar selbständig – und nicht nur abgehobene Diskussionen über Gemeinwirtschaft führen, die vor allen Dingen denen nützt, die sie verwalten.

Und immer besser in der Theorie als in der Praxis ...

Das ist ja eine der Wesensmerkmale der Ideologie im Wirtschaftskleid. Es gibt Leute, die in der Theorie immer alles besser wissen als die, die es gerade machen, die von der Praxis aber keine Ahnung haben. Früher waren die Eunuchen die bestimmende politische Kraft am chinesischen Kaiserhof. Ihre Nachfolger finden sich unter anderem in unserer Berufsgruppe, dem Journalismus. Bleiben wir ruhig selbstkritisch: Der Politikjournalist weiß natürlich, wie man besser Politik macht als der Politiker; der Wirtschaftsjournalist weiß natürlich besser als der Manager, wie man es hätte richtig machen müssen, der Sportjournalist ist selbst der beste Teamchef. Und so weiter und so fort. Alle wissen immer alles besser. Aber das ist natürlich Unsinn. Es ist Besserwisserei. Das heißt jetzt nicht, dass man keine Kritik üben sollte. Aber echte Kritik – konstruktive, also fachkundige, problemlösende Kritik. Sich benehmen wie ein Erwachsener. Nur Kinder quengeln rum, haben aber keine Lösung, um es künftig besser zu machen.

Apropos. Warum fürchten sich eigentlich so viele Menschen vor der Zukunft?

Wir haben keine Angst vor der Zukunft, wir haben Angst vor der Gegenwart. Die Gegenwart erscheint uns bereits zu komplex. In unserer Industriegesellschaft, in unserer industriellen Denkart ist uns Routinearbeit durch Automation abgenommen worden, weil es menschliches Streben ist, lästige, wiederholende Arbeit an Maschinen, Systeme, Methoden abzugeben. Das hat der Mensch ja seit jeher gemacht: Jedes Werkzeug war der Versuch, menschliche Muskelarbeit abzugeben. Uns bleibt, in der Gegenwart, die Kopfarbeit. Und wenn sie Kopfarbeit machen, können sie nicht mehr darauf warten, dass der Chef ihnen ständig sagt, was sie zu tun haben. Davor haben die meisten große Angst. Weil sie wissen, dass damit auch Verantwortung auf sie übergeht. Es ist ja viel einfacher, etwas zu tun, was andere anschaffen, als selbst eine Lösung zu finden. In unseren Schulen wird das übrigens weder gelernt noch trainiert, Schüler sagen nur nach, was ihnen Lehrer vorsagen, man tut so, als wären Lernen und Intelligenz dasselbe ...

Klingt, als forderten Sie ein neues Schulfach – Eigeninitiative.

So ist es. Selbstständigkeit und Eigeninitiative und Unternehmertum! Auch wenn der Ausdruck „Unternehmertum“ ideologisch verbrannt zu sein scheint und Worte wie Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung in unserer Kultur suspekt gemacht worden sind. Ich halte das für gefährlich. All die totalitären Systeme im 20. Jahrhundert haben das Kollektiv, die Gemeinschaft, den Schwarm in den Vordergrund gestellt. ‚Wir ist immer besser als ich‘ – das haben die auch alle gesagt. Da sind links und rechts oder „rinks und lechts“, wie Jandl gesagt hat, auch leicht zu verwechseln. Totalitarismus bleibt Totalitarismus. Und was die Eigeninitiative betrifft: Es gibt Leute, die haben sich in Diktaturen auch deswegen so pudelwohl gefühlt, weil sie einen Handlungs- und Entscheidungsrahmen hatten, der so minimal war, dass die Sache übersichtlich und nie anstrengend war. Dieser Typus Mensch, den gibt es natürlich auch heute. Und nicht zu wenige davon.

Also Eigeninitiative. Die Bevormundungskultur des Staats nimmt aber ständig zu ...

Ja. Kaum etwas ist dümmer als zu behaupten, dass der paternalistische Staat zurückgedrängt worden wäre. Das sind Fake-News. Der Staat hat seine Aufgaben, das lässt sich mit Zahlen gut belegen, fast überall massiv ausgedehnt in den vergangenen 30, 40 Jahren. Aber was schwerer wiegt, ist sein kultureller Einfluss. Die Vielzahl der Gesetze und Vorschriften sorgt dafür, dass nicht nur Beamte und öffentlich Bedienstete der Bürokratie zuzurechnen sind, sondern ein erheblicher Teil der Angestellten und Selbstständigen auch. Denn die exekutieren ja die Flut an Vorschriften und Regeln, die zum wahren Geschäftsmodell der Bürokraten gehören. Compliance Regeln müssen eingehalten werden. Wir sind im Grunde genommen gut damit ausgelastet, nutzloses Regelwerk zu erfüllen.

In Wahrheit ist der Staat natürlich viel zu groß und viel zu einflussreich, aber das liegt, mit Verlaub, nicht am Staat selbst, der ja eine anonyme Struktur ist, es liegt an uns selbst, die wir das mitmachen, manchmal murrend, aber eben mit dem falschen Mut, der nichts ändert. Bürger, die nichts selbst gestalten und alles hinnehmen, müssen sich nicht wundern, dass jemand kommt und mit ihnen macht, was sie mit sich machen lassen. Auch die Bürokratie des Staates nimmt nur den Raum ein, die der Bürger ihm am Markt der Öffentlichkeit gibt. Auch das ist, ironischerweise, Marktwirtschaft, Wettbewerb: Was die einen liegen lassen, die Entscheidungsfähigkeit, schnappen sich die anderen.

Da schließt sich der Kreis.

Ja. Da schließt sich der Kreis. Wenn man nicht nur sagt, was falsch läuft, sondern auch, wie es besser ginge, und diese Vorschläge auch nur ein bisschen über die generelle Problemlösung „Dann muss es halt der Staat machen“ hinausgehen würden, wäre gesellschaftlich viel gewonnen! Ich möchte aber immer so verstanden werden, dass ich mich über die Empörer nur empöre. Ich suche nicht nach Sündenböcken. Weil die Sündenbock-Theorie genau der verkehrte Weg ist und die Leute sehr gerne übersehen, dass sich das eigentliche Problem exakt vor ihnen im Spiegel befindet: Und da müssen sie anfangen.

Sie raten in Ihren Essays ja den Menschen, Überraschungen willkommen zu heißen ...

So ist es. In keiner einzigen Version des wahren Lebens oder der Natur oder der Geistesgeschichte gibt es den Satz: ‚Es lässt sich alles planen und es kommt so, wie ich es heute sage.‘ Also: Mach aus dem, was kommt, das Beste! Gestalte es! Es ist alles drin, da gibt es eine große Bandbreite. Frei nach Clint Eastwood: Wir reiten in die Stadt, der Rest ergibt sich. Es passiert schon was. Schauen wir mal, was geht. Von Heinz Brandt stammt der Satz: ‚Früher einmal wusste ich die Antworten. Heute ahne ich die Fragen.‘ Das ist Eastwood, etwas zahmer und intellektueller. Wenn man genug Lebenserfahrung hat, weiß man, dass die Dinge nie so kommen, wie man glaubt. Deshalb ist es wichtig, mit allem zu rechnen, das Neue freundlich anzunehmen und nicht vor allem Angst zu haben, was man nicht kennt. Dann muss man sich halt mit dem Neuen anfreunden! Nestroy sagte, zu Tode gefürchtet ist auch gestorben – aber was in unserer Gesellschaft halt besonders gerne getan wird, ist, vor lauter Angst gar nichts zu tun. Mut und Zuversicht kann man sich nicht leihen. Man muss dafür arbeiten. Alles andere ist feig.

Vielen Dank für das Gespräch!

03.06.2017

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