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Religion Moral – die neue Lust an der Empörung

Der Publizist und Philosoph Alexander Grau (50) kritisiert in seiner Streitschrift „Hypermoral – die neue Lust an der Empörung“, dass Moral in unseren Gesellschaften eine meinungsbildende Monopolstellung bekommen habe. „Moral entlastet vom Denken“, sagt Grau im Interview, „wer die richtige moralische Überzeugung hat, der braucht gar nicht erst weiter zu diskutieren“. Ein Gespräch über den neuen Zeitgeist, die Gesellschaft der Dauerempörten – und mediale Scheiterhaufen.

Beginnen wir mit einem Zitat aus Ihrem Essay? „Man hat in Zeiten der Hypermoral nicht mehr nachzudenken. Man hat sich zu bekennen.“

Es ist schwierig, sich gegen die herrschende Moral zu stellen, das war schon immer so; aber in Zeiten der Massenmedien ist das noch wesentlich schwieriger. Wir brauchen uns nur eine Talkshow vorzustellen, in der ein Politiker ein Thema – beispielsweise Atomkraft – rein technisch oder sachlich argumentiert. Der kann das gleich sein lassen! Da Menschen reflexartig auf moralistische Stichworte anspringen, muss gar nicht erst weiter diskutiert und damit auch nicht mehr weitergedacht werden.

Erstickt Moral also den Diskurs?

Ja, sie droht es. Natürlich kann und sollte jede Frage auch immer unter moralischen Aspekten diskutiert werden, inwiefern beispielsweise politische Handlungen auch verantwortbar sind. Wir leben allerdings zunehmend in einer Situation, in der der moralische Diskurs in allen westlichen Ländern die Deutungshoheit gewonnen hat und kaum noch andere Diskurse neben sich zulässt. Das moralische Argument ist das entscheidende Argument, das moralische Argument diskreditiert jedes andere Argument. Und wenn moralische Diskurse erst einmal als Leitdiskurse etabliert sind, ist es ganz schwierig, sich dort auszuklammern.

Sie stellen ja fest, dass Moral in unseren Gesellschaften „eine meinungsbildende Monopolstellung“ bekommen habe.

Wir alle möchten gut sein und zu den Guten gehören, vor allem, wenn die Guten auch noch die Mehrheit sind; und sich dann gegen diesen hochaufgeladenen Moraldiskurs zu stellen, kann einen in eine sozial sehr unangenehme Situation bringen. Man wird als Zyniker oder kaltherziger Mensch bloßgestellt, es droht die soziale Isolierung. Das meiden Menschen natürlich instinktiv. Und so verfestigt sich diese meinungsbildende Monopolstellung. Es ist kennzeichnend für den Hypermoralismus, dass er kaum noch Dissonanzen duldet. Wir haben verlernt, Kontroversen zuzulassen! Wir bewegen uns nur noch in einem relativ engen Meinungskorridor, der uns absurderweise als besonders divers und bunt verkauft wird.

Und die Gesellschaft wird mehr und mehr zu einer Gesellschaft der Dauerempörten …

Menschen haben sich immer empört. Empörung gehört zum Menschsein dazu. Geändert hat sich allerdings, worüber man sich empört. Früher empörte man sich über die Missachtung sozialer Regeln: die Missachtung der Mittagsruhe, einen ungepflegten Vorgarten, schlechtes Benehmen. Damit hat die Kulturrevolution der 1960er- und 1970er-Jahre aufgeräumt. Stattdessen empört man sich über angebliche Diskriminierungen oder Ungerechtigkeit. Spitz gesagt: Gute Erziehung wurde durch Moralismus ersetzt. Der ist auch wesentlich bequemer, da er kaum persönliche Konsequenzen hat.

Und wer es wagt, gegen diesen Moralismus zu verstoßen, mit abweichenden Meinungen, was geschieht dem?

Wer dagegen verstößt, der bekommt den geballten Zorn der Empörten und Selbstgerechten zu verspüren. Da Moralisten in dem Bewusstsein leben, das Gute an sich zu vertreten, sind etwaige Kritiker zum Abschuss freigegeben. Das können wir mit Beispielen erläutern. Thilo Sarrazin wurde mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ zur Persona non grata. Er wurde sozial geächtet. Das war die erste Debatte dieser Art. Da fand kein Diskurs mehr auf Augenhöhe statt. Es wurde gar nicht in Erwägung gezogen, ob der sozialdemokratische ehemalige Finanzsenator aus Berlin nicht vielleicht doch zumindest teilweise eine legitime Position haben könnte. Sarrazin sollte medial nur noch vorgeführt und am besten als Rassist entlarvt werden. Da kamen diese Ausschließungsächtungen zum Tragen.

Nicht nur bei Sarrazin, oder?

Da gibt es viele Beispiele. Nehmen wir ein aktuelles: Vor ein paar Wochen hatte Wilhelm Hopf, Leiter eines Verlages in Münster, eine Erklärung unterzeichnet, die sich gegen illegale Masseneinwanderung richtete und für das Recht, dagegen auf friedliche, gewaltfreie Art zu demonstrieren. Prompt erschien eine Unterschriftenliste von Autoren und Herausgebern, die ankündigten, ihre Zusammenarbeit mit dem Verlag aufzukündigen, diesen also ökonomisch zu ruinieren; übrigens mit der schönen Begründung, man stehe dafür, Ressentiments und Ausgrenzung zu bekämpfen. Einen Tag später widerrief Herr Hopf seiner Unterzeichnung und distanzierte sich von ihr. Sein Brief ist eine Selbstanklage, wie man sie nur von stalinistischen Schauprozessen kennt.

Und was zeigen diese beiden Beispiele?

Dass unsere politischen und moralischen Diskurse mit Tabus zugestellt sind, die man gar nicht berühren darf.

Und wer setzt diese Tabus fest? Wer definiert?

Eine gute Frage! Es fällt auf, dass diese Tabus durchwegs aus dem linken politischen Spektrum kommen, es fällt auf, dass linksliberale Positionen in gewissen Bereichen die Deutungshoheit haben. In vielen meinungsbildenden Institutionen fungieren Leute als Gatekeeper, die diesem Spektrum zuzuordnen sind. Im Übrigen trägt der grassierende Moralismus nicht nur zu einer intellektuellen Vereinfachung, sondern auch zu einer extremen Ideologisierung aller möglichen Debatten und Streitfragen bei.

Ist Moral ergo Ursprung aller Ideologie?

Lange Zeit, überwiegend in der Menschheitsgeschichte, war es gerade umgekehrt. Moral war immer Teil einer Ideologie, meistens einer Religion. Erst in der Moderne, verstärkt seit den 1950er- und 1960er-Jahren – zumindest in der westlichen Kultur –, begann sich das zu ändern: Moral wurde selbst zur Ideologie. Moral orientiert sich heute nicht mehr an anderen Aspekten, Moral kreist nur noch um sich selbst. Sie ist sozusagen selbstbegründend geworden. Moral ist unsere letzte Religion. Man hat seinen festen Glauben, seine feste Überzeugung, die Welt wird in eine Sphäre des Dunkels und eine des Lichtes gezeichnet. Und das Gute ist ein universaler Linksliberalismus, in dessen Sinne die Welt moralisch missioniert werden soll …

Von einer Elite, die – wie Sie schreiben – „das Projekt einer radikalen Umgestaltung der Lebenswelt in ihrem Sinne verfolgt“?

Träger dieser Hypermoral, dieser religiös hochgekochten Moral, sind tatsächlich die sogenannten neuen Eliten, die ganz anders strukturiert sind als traditionelle alte Eliten, vor allem auch in ihrer grundlegenden ideologischen Ausrichtung. Waren alte Eliten traditionell eigentlich immer konservativ und auf Bewahrung bedacht, ist die neue Elite – und so gibt sie sich ja auch – sehr modernistisch, fortschrittlich, international, offen, tolerant. In deren Lebenswelten mögen derlei Werte wichtig sein, auch für Karrieren. Aber diese Ideologie soll nun missionarisch allen anderen Menschen aufgezwungen werden. Und dabei werden keine abweichenden Meinungen toleriert. Jeder, der diesem Ideal nicht folgt und an der Lebenswelt dieser Minderheit vielleicht auch gar nicht Teil hat, wird von dieser internationalistischen Elite und ihren Anhängern abgetan, diskreditiert, von oben herab behandelt.

Widmen wir uns noch den Medien? Sie sagen ja auch, Medien würden sich als Gouvernanten inszenieren, als Hüter der kommunikativen Moral …

Den Medien kommt in diesem Spiel eine ganz zentrale Rolle zu. Man versteht das Phänomen des Hypermoralismus nicht, wenn man die Rolle der Medien nicht miteinbezieht. Ohne die Medien, ohne die Massenmedien, würde das Ganze gar nicht funktionieren. Weil nur Medien, gerade die elektronischen Medien, jene Bilder und Schlagzeilen liefern, die anderen erst der Aufhänger sind, um sich zu empören und diesen ganzen moralischen Diskurs überhaupt anzustoßen. Denn Medien müssen fast zwangsläufig vereinfachen. Es muss eine Komplexitätsreduktion stattfinden, notwendigerweise. Genau die lädt aber gerade dazu ein, moralische Wertung in den Vordergrund zu schieben. Und einfach zu verurteilen, anstatt eine differenzierte Analyse vorzulegen …

Sie nennen Massenmedien in Ihrer Streitschrift auch die moderne Inquisition …

Ja. Das ist natürlich polemisch gemeint, aber in gewissem Sinne sind die Medien die moderne Bühne, der mediale Scheiterhaufen, auf dem der Sünder heutzutage hingerichtet wird, natürlich nicht mehr körperlich, sondern symbolisch. Aber unterschätzen darf man das trotzdem nicht, denn Fälle wie Sarrazin oder andere zeigen, dass die Scheiterhaufen der elektronischen Medien heißer brennen und länger glühen. Jemand, der in diesem medialen Diskurs einmal ausgegrenzt oder stigmatisiert wurde, muss sich schon sehr viel Asche aufs Haupt streuen und sehr lange das Büßergewand tragen, bis er eventuell wieder – und dann natürlich wieder medial in der sehr gut verkaufbaren Rolle des reuigen Sünders – integriert wird. Integriert in den Kreis derer, die bestimmen, was genehm ist und was nicht. Es gibt viele Beispiele, die zeigen, wie schwierig das ist. Wahrscheinlich hat man vor der Spanischen Inquisition leichter Absolution erhalten als heutzutage.

Stellen Sie deshalb fest: Massenmedial geprägte Demokratien modernen Zuschnitts können Sachfragen kaum anders kommunizieren als im Modus der Erregung und Empörung?

Das wäre meine medienwissenschaftliche These, ja. Nichts unterhält so sehr wie das Gute und das Böse und die Empörung und die Verurteilung. Und erst der Täter, der vorgeführt wird! Auch hier trägt der Vergleich mit der Inquisition. Natürlich waren die Marktplätze damals voll, wenn die Scheiterhaufen brannten; das ist einfach maximal unterhaltsam und das funktioniert immer noch.

Noch eines Ihrer Zitate: Aus dem Streben nach Selbstverwirklichung wird das Diktat der Offenheit.

Das ist einer dieser paradoxen Effekte, die wir in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker erlebt haben. Die Emanzipationsgesellschaft strebt nach Offenheit. Das ist erst einmal nur konsequent. Wir wollen alle individuell sein und dabei nicht eingeschränkt werden. Also erwarten wir, dass unsere Umwelt tolerant und offen ist für unsere Emanzipations- oder Selbstverwirklichungswünsche – und seien die noch so eskapistisch! Das ist der zugrundeliegende Diskurs: Toleriert meine Selbstverwirklichungsideen, alles andere ist diskriminierend! Genau an dem Punkt kippt das Ganze jedoch und es tritt ein paradoxer Effekt ein: Eben weil uns unsere persönliche Entfaltung wichtig ist und wir uns nicht einschränken lassen wollen, kommt es zu einem Diktat der Offenheit oder einem Zwang zur Toleranz! Wehe dem, der nicht offen ist und nicht tolerant, dem schlägt der geballte Zorn der Offenen und Toleranten entgegen! So schlägt das Ganze in sein Gegenteil um. Offenheit und Toleranz werden geradezu zur Ideologie. Wenn Offenheit zur Ideologie wird, dann verschließt sie sich aber selbst. Und so sitzen viele Menschen in einer Offenheits-Blase, in der genau definiert wird, was als offen zu gelten hat und was nicht. Es ist absurd.

Nehmen wir einen Ihrer Sätze als Schlusswort? „Wer die richtige moralische Haltung hat, braucht keine Sachkenntnis.“

Moral entlastet vom Denken. Wer die richtige moralische Überzeugung hat, der braucht gar nicht weiter zu diskutieren. Moralisierung ist Entsachlichung, ganz bewusst, um Debatten, über die man ja auf einer sachlichen oder technischen Ebene streiten könnte, im Kern abzuwürgen. Und wer dem herrschenden Diskurs widerspricht und auf etwas insistiert, was ungern gehört wird …

Ist der moderne Ketzer?

Ja. Das ist der moderne Ketzer. Und für die Moralisten ist klar: Wer abweicht, hat entweder die empathische Ebene nicht begriffen. Dann ist derjenige der Kaltherzige. Oder er hat den moralischen Aspekt nicht begriffen. Dann ist er eben bösartig. Es gibt in Zeiten des Hypermoralismus bei Widerspruch nur noch diese beiden Pole.

Vielen Dank für das Gespräch!

05.05.2018

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