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So sicher ist Vorarlberg. Top-Aufklärungsquote – subjektive Ängste

Die Sicherheitslage in Vorarlberg ist stabil. Kontinuierlich zugenommen hat allerdings der Bereich der Internetkriminalität. Und bei Gewalt- und Wirtschaftsdelikten gab es 2016 ebenfalls eine deutliche Steigerung. Dass Vorarlberg dennoch zu Recht als sicheres Land gilt, unterstreicht die Aufklärungsquote der heimischen Exekutive: Die war 2016 mit 61,7 Prozent abermals die höchste Österreichs.

19.926 Straftaten kamen im Vorjahr in Vorarlberg zur Anzeige. Dies stellt zwar eine leichte Zunahme verglichen mit den drei vorangegangenen Jahren dar, liegt jedoch unter den Zahlen zwischen 2007 und 2012. Gestiegen ist hingegen die Aufklärungsquote von bereits beachtlichen 57,4 Prozent der Fälle im Jahr 2015 auf 61,7 Prozent 2016.

„In Vorarlberg wird sehr gute Tatortarbeit geleistet“, erklärt Polizeidirekter Hans-Peter Ludescher. „Durch die Vernetzung der Dienststellen und den Informationsabgleich ist eine sehr erfolgreiche Fallermittlung möglich. Dahinter stehen natürlich ganz viele motivierte Beamte, die großartige Arbeit leisten.“ Doch auch die Mithilfe und Unterstützung der Bevölkerung sei ein wichtiger Faktor. Ludescher: „Es gibt viele couragierte Menschen, die uns bei der Aufklärung und Verhinderung von Straftaten helfen. Im Rahmen des Sicherheitspreises des Kuratoriums Sicheres Österreich zeichnen wir jedes Jahr eine Reihe von Personen aus, die uns unterstützt haben.“ Das Projekt „Gemeinsam.Sicher“, das auf einen Sicherheitsdialog zwischen der Exekutive und der Bevölkerung setzt, soll die Zusammenarbeit zwischen der Bevölkerung und der Polizei weiter verstärken. 22.392 Straftaten wurden noch im Jahr 2007 angezeigt, seit 2013 liegt diese Zahl stets knapp unter 20.000. Die heimische Exekutive spricht in diesem Zusammenhang von einer stabilen Sicherheitslage. Diese an sich erfreulichen statistischen Zahlen scheinen weite Teile der Bevölkerung aber nicht zu beruhigen. Viele Vorarlberger fühlen sich – selbst in Anbetracht der exzellenten Aufklärungsquoten – nicht mehr so sicher im Land wie früher. Polizeidirektor Ludescher sucht nach einer Erklärung für diese subjektive Einschätzung: „Es dringen viele Informationen und negative Geschehnisse zu uns – auch aus dem umliegenden Ausland. Da machen sich die Menschen natürlich Sorgen. Die Informationsflut, der wir dabei ausgesetzt sind, trägt mit zu dem Unsicherheitsgefühl bei. Dazu kommen soziale Ängste, gegen die die Polizei keine Handhabe hat.“

Schlüsselt man die Kriminalitätsstatistik auf und betrachtet den Trend der sogenannten „Big Five“ – Gewalt- und Einbruchsdelikte, Kfz-Diebstähle, Internet- und Wirtschaftskriminalität –, dann ergibt sich ein Bild, das nicht in den Rahmen der kaum schwankenden Gesamtdeliktszahlen der jüngeren Vergangenheit passt. Hier gab es 2016 Ausreißer – nach oben und nach unten.
Dies gilt ganz speziell für die Internetkriminalität. Sie hat ganz offensichtlich mit der rasanten Entwicklung im weltweiten Netz Schritt gehalten. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Gerade einmal 68 Anzeigen wurden 2007 registriert. Im Vorjahr waren es hingegen bereits 474 – um fast 47 Prozent mehr als 2015. Die 474 Anzeigen bedeuten den vorläufigen Höhepunkt einer im Prinzip kontinuierlichen negativen Entwicklung von Internetbetrügereien.

Ein Beispiel: 2016 gingen bei einigen Firmen und Personen per Mail kostenpflichtige Abmahnungsschreiben einer „Rechtsanwaltskanzlei“ mit Sitz in Berlin ein. Darin wurde auf eine angebliche Urheberrechtsverletzung durch die unerlaubte Verwertung eines Erotikfilms und den daraus entstandenen Rechtsansprüchen verwiesen. 950 Euro hätte jeder Empfänger bezahlen sollen. Falls nicht, kämen Ersatzansprüche in Höhe von über 8000 Euro zum Tragen. Wie die Ermittlungen des Landeskriminalamts ergaben, existierte die Rechtsanwaltskanzlei allerdings gar nicht.

Laut Polizeidirektor Ludescher versucht die Exekutive, beispielsweise mit Präventionsprojekten an Schulen, junge Menschen auf die Gefahren im Internet hinzuweisen und gibt außerdem Tipps zum sicheren Umgang mit dem Internet. Darüber hinaus werde die Öffentlichkeit regelmäßig über aktuelle Vorfälle und Methoden der Täter informiert.

Stark zugenommen hat 2016 im Vergleich zu 2015 die Wirtschaftskriminalität. 2408 Anzeigen sind ein Anstieg um 26,9 Prozent. Dies trifft ebenfalls auf die Gewaltdelikte zu, bei denen es eine Steigerung von 13,1 Prozent gab. Unvergessen im Jahr 2016 ist in diesem Zusammenhang der Amoklauf von Nenzing mit zwei Todesopfern und mehr als zehn zum Teil Schwerverletzten. In der Statistik kommt das brutale Verbrechen übrigens erst 2017 zum Tragen, da die entsprechende Anzeige noch nicht fertig geschrieben wurde.

Die Statistik widerlegt die subjektive Einschätzung großer Teile der Bevölkerung, dass die Zahl von Einbrüchen in Wohnungen und Wohnhäuser in jüngster Vergangenheit dramatisch angestiegen ist. Zum Vergleich: 353 Anzeigen wurden 2007 gemacht, 343 im Jahr 2008 und 274 im Jahr 2009. Lediglich 180 waren es im Vorjahr. Die 180 bedeuten sogar einen starken Rückgang von 24,4 Prozent gegenüber 2015.

Fast das ganze Land überzogen hat 2016 eine Einbruchsserie in Clubheime und Freizeitanlagen. Beim letzten Einbruch in Bartholomäberg stahlen die Täter einen Tresor. Den fand die Polizei tags darauf nach einem Hinweis aus der Bevölkerung am Illufer. Wenig später klickten dort für drei Rumänen die Handschellen. Zwei der Männer gestanden, mit einem weiteren Landsmann mindestens sieben solcher Einbruchsdiebstähle in Vorarlberger Clubheime begangen zu haben. Ein Volltreffer für die Exekutive: Insgesamt dürften rund 40 Einbruchsdiebstähle auf das Konto der Verdächtigen gehen, wie sich letztendlich herauskristallisierte. Positives gibt es bei Kfz-Diebstählen zu vermelden: Die Zahl dieser Delikte sank 2016 um ein Drittel. 31 Fälle gelangten zur Anzeige.

Neue Herausforderungen

Wie die Statistik zeigt, steht die Exekutive laufend vor neuen Herausforderungen und Aufgaben. Die lassen sich natürlich nur mit einem adäquaten Personalstand bewältigen. „Die uns zugesagten zusätzlichen Planstellen werden Schritt für Schritt eingerichtet“, beruhigt Ludescher. Besonders wichtig sei es aber, für diese Positionen auch Personal zu finden. Daran würde intensiv gearbeitet. Gerade einige der neuen Planstellen eröffnen laut Ludescher interessante Aufstiegsmöglichkeiten – bis hin zu einem Bachelor-/ Masterstudium.

„Die Personalwerbung und die Personalentwicklung stellen eine der wichtigsten Herausforderungen für die kommenden Jahre dar“, betont Ludescher. „Zu guter Letzt wollen wir, dass Vorarlberg weiterhin ein so sicheres Land bleibt und eine ähnlich hohe Aufklärungsquote erreicht.“

 

Aufklärungsquote mit einem Makel

Die Aufklärungsquote von mehr als 60 Prozent, die außerdem die höchste aller österreichischen Bundesländer darstellt, macht die Vorarlberger Polizei – zu Recht – stolz. Ein Wermutstropfen bleibt jedoch. Und der trägt den Namen „Postkartenräuber“. Seit August 2008 jagen die heimischen Kriminalisten dieses Phantom, von dem lediglich qualitativ suboptimale Bilder aus verschiedenen Überwachungskameras existieren.

Elf Überfälle hat der Unbekannte seit damals auf Banken und Poststellen in Vorarlberg verübt. In der Kriminalitätsstatistik von 2016 scheint er ebenfalls auf – unter den ungelösten Fällen. Am 28. Jänner des Vorjahrs hat der Mann die Sparkassenfiliale in Feldkirch-Tisis überfallen. Dies war der bisher letzte Überfall in Vorarlberg des rund 1,85 Meter großen Unbekannten, den die Kriminalisten für 45 bis 65 Jahre alt halten. Sein Lebensmittelpunkt soll zwischen Dornbirn und Bregenz liegen.

Im Vorjahr hat der Mann das – auch von einem Profiler – gezeichnete Bild der Vorarlberger Ermittler zumindest ein wenig zerstört. Denn entgegen allen Einschätzungen wagte er im Rahmen seiner „Verbrecherkarriere“ erstmals den Schritt über die Landesgrenze. Im Juli und November 2016 überfiel er zwei Geldinstitute in Opfenbach (Landkreis Lindau). Und in Sachen Maskierung ließ er sich ebenfalls Neues einfallen: Er trug jeweils eine Spiderman-Maske über dem Kopf, was dem bislang wegen seiner Korrespondenz mit der Polizei mittels Postkarte eben als Postkartenräuber bekannten Täter die Zusatzbezeichnung Spinnenmann einbrachte. Es dürfte für die heimische Exekutive keinen Trost bedeuten, dass die deutschen Kollegen bei der Ausforschung des Täters bislang auch keinen Erfolg hatten.

Die Arbeit der Kriminalisten leidet nach so vielen Jahren darunter, dass Hinweise aus der Bevölkerung trotz Aussicht auf eine Belohnung nur noch äußerst spärlich eintreffen. Alle angewandten Ermittlungsansätze waren ergebnislos, an dem einen oder anderen Rädchen dreht die Exekutive allerdings nach wie vor.

Während Teile der Bevölkerung inzwischen bereits Sympathie für den Gewaltverbrecher hegen, der in ihren Augen die Polizei an der Nase herumführt, gilt es freilich folgende Frage zu beantworten: Warum erkennt niemand den Mann auf den Fahndungsfotos? Diese können zwar nicht mit Premiumqualität aufwarten – Verwandten, Bekannten oder Nachbarn müssten seine äußerlichen Züge aber dennoch vertraut sein.

01.04.2017

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