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Burn–out – Erschöpfungszustand unserer Zeit

Heute ist man ständig erreichbar, alles muss sofort erledigt werden. Die Globalisierung führt zu einer breiten Konkurrenzsituation, in unserer computerbasierten Welt kann die Kontrolle durch einen Vorgesetzten durchaus quälend sein: Immer mehr Menschen können diesem Druck nicht standhalten. Etwa drei Prozent der Bevölkerung Österreichs leiden unter Burn-out. „Erstaunlich ist, dass verhältnismäßig wenige Manager betroffen sind, sondern Allein­erziehende, die täglich den Spagat zwischen Teilzeitjob, Kind und Kegel und – im Worst Case – auch noch dem Familienangehörigen, der Pflege braucht, schaffen müssen“, beschreibt Primar Dr. Jan Di Pauli von der Abteilung für Erwachsenenpsychiatrie am LKH Rankweil das Phänomen unserer Zeit. „Es trifft Menschen, die nicht zur Ruhe kommen können!“

Das Gefühl, ausgelaugt oder überlastet zu sein, kennt wahrscheinlich jeder. Wenn dieser Zustand nur einige Tage anhält, gilt er nicht als gesundheitsgefährdend. Man profitiert vom freien Wochenende, vom Urlaub – und kann dann wieder durchstarten. Hält das Gefühl der Erschöpfung jedoch mehrere Wochen oder Monate an, kann das zu ernstzunehmenden Problemen im Beruf und im Privatleben führen.

Perfektionisten seid achtsam!

„Burn-out, auch Erschöpfungs- oder arbeitsplatzbezogene Depression genannt, wird von der WHO als Untergruppe der Depressionen klassifiziert. Die Symptome sind sehr ähnlich, allerdings ist das Burn-out wesentlich durch Erschöpfung geprägt, während bei der „klassischen“ Depression das Gefühl tiefgreifender Trauer im Vordergrund steht“, erklärt Prim. Dr. Jan Di Pauli. Betroffen sind vor allem Menschen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, also in einer Phase, in der es häufig auch Lebensumbrüche (zum Beispiel Trennungen) gibt. Perfektionismus, erhöhte individuelle Empfindlichkeit und anstrengende Arbeitssituationen (unzureichende Übersicht über die eigenen Arbeitsprozesse, starke Kontrolle, jedoch keine Unterstützung vom Vorgesetzten, kein Feedback, kein Teamgefühl) begünstigen Burn-out. Zeigen Frauen Burnout-Symptome, wenden sie sich tendenziell schneller an einen Experten, während Männer in langfristig überfordernden Arbeitssituationen oft ein aggressives Verhalten zeigen und selten zum Arzt gehen. Dienstleister trifft die Diagnose öfter.

Das biopsychosoziale Modell – drei Faktoren als Auslöser

„Beim Burn-out handelt es sich um ein multifaktorielles Ereignis, das im biopsychosozialen Modell gut beschrieben wird“, erläutert Psychiater Di Pauli. Es gibt demnach eine individuelle Vulnerabilität, die manche Personen anfälliger für Stress macht. Die psychische Komponente setzt sich unter anderem aus dem Anspruch an die eigene Leistung, Perfektionismus, Gewissenhaftigkeit und dem Selbstwertgefühl zusammen. Der dritte wesentliche Faktor ist das soziale Umfeld. Zu viel oder zu wenig Kontrolle im Beruf, Über- oder Unterforderung, gepaart mit wenig Unterstützung kann sich negativ auf die Psyche auswirken. Das Gefühl der Erfolglosigkeit kann sich aufgrund der Demotivation in realen Misserfolg umwandeln. Betroffene Arbeitnehmer stehen ihrem Beruf zynisch gegenüber, werten ihn ab und zeigen weniger Empathie und Engagement.

Längere Phase der Abgeschlagenheit = Burn-out?

Eine lange andauernde Erschöpfung kann jedoch auch andere Ursachen haben. Prim. Di Pauli weist darauf hin, dass bei der Diagnostik bereits die Hausärzte als erste Anlaufstelle wichtig sind, um etwaige Mängel (Eisenmangel oder Schilddrüsenunterfunktion) abzuklären. Können keine organischen Ursachen für die übermäßige Müdigkeit gefunden werden, wird der Patient zum niedergelassenen Psychiater überwiesen. Der Stress, der auf den Arbeitnehmer einwirkt, kann sich durchaus auch in Form von körperlichen Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen äußern. Die Diagnose wird in einem ausführlichen Patientengespräch gestellt. Meist ist eine ambulante Behandlung ausreichend, in schweren Fällen, wenn beispielsweise Selbstmordgedanken geäußert werden, ist eine stationäre Aufnahme notwendig.

Behandlung der Erschöpfungsdepression

Ist die Diagnose Burn-out gestellt, wird ganz ähnlich wie bei einer Depression behandelt. Psychopharmaka kommen ebenso zum Einsatz wie eine zielgerichtete psychotherapeutische Therapie. Mit dem Patienten wird das notwendige persönliche Stress- und Ressourcenmanagement erarbeitet und versucht, auf wesentliche Fragen Antworten zu finden: Wie kann ich mich zukünftig besser abgrenzen? Sollte ich über einen Jobwechsel nachdenken? Was brauche ich, um im Beruf glücklich zu sein? Die Lösungsansätze zielen in jedem Fall auf eine Veränderung der belastenden Arbeits- bzw. Alltagssituation ab. Auch das Erlernen von Entspannungstechniken kann zielführend sein. Im stationären Setting können außerdem Musik-, Tanz-, Sport- und Ergotherapie die Behandlung ergänzen.

05.03.2016

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Andrea Marosi-Kuster

(40), studierte Biologin, arbeitet in der Unternehmenskommunikation der Vorarlberger Kranken­haus-Betriebsges.m.b.H.

(Foto: © Matthias Weissengruber)

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