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Lasst die Steine kreisen!

Es ist ruhig geworden um die Steinkreise in Bürserberg. Wir werden nicht mehr mit Berichten über neue „Sensationsfunde“ beglückt. Doch für manche sind sie wirtschaftliche Realität. Noch immer geistern sie durch die Tourismusangebote: Wenige Jahre alter esoterischer Unfug lässt sich noch immer zu Geld machen.

Es ist nun schon einige Jahre her: Im Juni 2003 bat mich das Bundesdenkmalamt, eine angebliche Steinkreisanlage in Bürserberg aus geologischer Sicht zu begutachten. Man nehme solche Meldungen grundsätzlich ernst, hieß es damals. Die archäologische Grabung hatte zwar keinerlei Hinweise auf menschliche Aktivität gebracht, die über die übliche Wald- und Weidenutzung hinausgeht, doch wollte man möglichst viele Meinungen aus unterschiedlichen Fachgebieten einholen. Also fuhr ich an einem heißen Sommertag auf die Tschengla. Der Archäologe des Bundesdenkmalamts war ebenso mit von der Partie, wie der Bürgermeister sowie der (Er-)Finder der Steinkreise, Gerhard Pirchl.

Der Ort lag etwas abseits der heutigen Steinkreisanlage auf einem Hügel. Das gesamte Gelände war mit Findlingen übersät, die der abschmelzende Illgletscher gegen Ende der letzten Eiszeit dort hinterlassen hatte. Eine regelmäßige, kreisförmige Anordnung ließ sich bei bestem Willen nicht erkennen. Oder aber beliebig viele – bekanntlich liegen drei Punkte immer auf einem Kreis. Gerhard Pirchl sah wohl meinen skeptischen Blick: Die Steine seien im Laufe der Jahrhunderte umgefallen, befänden sich nicht mehr an der Stelle, wo sie ursprünglich standen. Aber mithilfe seines Pendels könne er die genaue Position rekonstruieren, und damit den ehemaligen Steinkreis.

Der Tag war heiß und schweißtreibend. Also setzten wir die Gespräche in einem nahegelegenen Gasthaus fort. Dort wurde Gerhard Pirchl nicht müde, uns über seine Fähigkeiten als Pendler und seine Entdeckung aufzuklären. Natürlich markiere der Steinkreis einen besonderen Kraftort. Denn hier laufen Wasser­adern sternförmig zusammen. Oder aber auseinander. Durch richtiges Pendeln könne man nicht nur den Verlauf der Wasser­ader nachweisen, sondern auch die Fließrichtung des Wassers. Und er, Gerhard Pirchl, sei einer der wenigen, wenn nicht gar der einzige, der richtig pendeln kann. So markiere jeder Steinkreis eine Stelle, an der Wasser entweder in die Tiefe versinkt, oder aber aufsteigt. Die Wasseradern würden es sternförmig zu- beziehungsweise ableiten.
Dass sich auf der Tschengla ein besonderer Kraftort befinde, habe er bereits im Tal bemerkt: Im Auto habe er sein Pendel immer dabei, um auch während der Fahrt Störfelder aufzuspüren. Und im Tal, auf der Autobahn, habe er eine unbändige Kraft gespürt, und sein Pendel habe ihm den Weg auf die Tschengla gewiesen. Auf die Frage, was eine Wasserader denn sei und wie wir uns solch ein Phänomen vorzustellen hätten, gab Pirchl keine Antwort. Dies herauszufinden und zu beschreiben sei Aufgabe der Wissenschaft. Ihm genüge es zu wissen, dass es Wasser­adern gibt, und dass er berufen ist, sie zu finden. Während er redete, stellte ich mir die Frage, wie viel Bier ich wohl trinken müsse, um die Steine kreisen zu sehen.

In meiner Stellungnahme für das Bundesdenkmalamt griff ich diese Ausführungen wieder auf. Ein unterirdischer Schlauch, der ohne Rücksicht auf geologische Strukturen wie Verfaltungen und Verwerfungen schnurgerade vom Talboden auf die Tschengla verläuft, ist aus hydrogeologischer Sicht völlig unmöglich. Ebenso unmöglich ist das Aufeinandertreffen beliebig vieler „Wasseradern“ in beliebigem Winkel. Und wenn Wasser auf einer Hügelkuppe sternförmig zusammenströmen soll, um dort zu versickern, so müsste es zwangsweise zuvor hangaufwärts fließen. Die Schwerkraft weiß dies zu verhindern.

Diese Argumentation überzeugte auch Gerhard Pirchl. Von seiner Idee urgeschichtlicher Steinkreise abbringen konnte sie ihn aber nicht. Die Geschichte mit den Wasseradern war schnell vergessen. Gerhard Pirchl hatte eine neue, nun „unwiderlegbare“ Erklärung gefunden: Die Ureinwohner Vorarlbergs hatten dort spezielle Rätia-Steine ausgelegt, um ein Kraftfeld zu erzeugen, das ihnen bei Regen und Nebel die Orientierung im unwegsamen Gelände erlaubte. Das Zentrum eines jeden Kraftfelds markierten sie mit einem Steinkreis.

Die Idee war überzeugend genug, um Gelder für die „Wiedererrichtung“ der Steinkreise zu lukrieren. Freilich nicht am ursprünglichen Hügel, sondern an einem besser zugänglichen Ort. Mit dem Bagger ließ Pirchl die Findlinge nach seinen Vorstellungen aufstellen. Was aber zu klein war, wurde im nahe gelegenen Graben entsorgt. Noch Jahre später war dort die Steindeponie zu erkennen. Auch die Steinadern konnte Gerhard Pirchl in einer von ihm vorgenommenen Grabung entdecken. Nur böse Menschen behaupten, dass er dabei selbst die Steine in einer Linie arrangiert hatte.
Um Bürserberg für den Esoterik-Tourismus bekannt zu machen, musste Gerhard Pirchl seine Entdeckung in die Welt hinaustragen. Seriöse wissenschaftliche Fachzeitschriften kamen dafür nicht infrage, und auch auf Fachtagungen hätte man ihn höchstens belächelt. Also organisierte er seine eigenen „wissenschaftlichen Tagungen“. Was wurde dort nicht alles schwadroniert! Natürlich hatte Pirchl seine Sichtweise umfassend dargelegt. Die anwesende Esoterik-Gemeinde beeindruckte dies wenig. Jeder Referent entwickelte seine eigene Meinung zu den Pirchl’schen Steinkreisen. Von Sendemasten der Außerirdischen bis hin zu Feentanzplätzen erstreckten sich die Interpretationen. Doch solch ein Chaos von Widersprüchen fällt in Esoterik-Kreisen nicht auf.

Seither stehen also die Steine auf der Tschengla im Kreis. Ob man sie rückbauen oder aber als Mahnmal menschlicher Verblendung stehen lassen soll, darüber scheiden sich die Geister. Wer auf der Tschengla einen Kraftort verspüren will, wird ihn verspüren, und wer für die Reise dorthin Geld ausgeben will, wird genügend davon haben. Nur ich zweifle manchmal, ob ich über die ganze Geschichte lachen oder weinen soll.

01.07.2017

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J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiärbecken. Seit 1993 Museumskurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn.

(Foto: © J. Georg Friebe)

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