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Tödliche Sucht

Vorarlberg hat ein Drogenproblem – und verhältnismäßig die meisten Drogentoten österreichweit. Die Nähe zur Schweiz spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Drogenabhängige stehen oft am Rande der Gesellschaft, leben jahrelang mit ihrer Suchtkrankheit. Früher spritzten sie Heroin, heute schlucken sie eher Tabletten. Eine Betroffene berichtet.

Alkohol, Zigaretten, Haschisch und schlussendlich Heroin – die Vorarlbergerin Maria hat im Alter von 25 Jahren angefangen, harte Drogen zu nehmen. Heute ist sie 48 Jahre alt und bereits ihr halbes Leben abhängig. Die Ärztin Kirsten Habedank, Leiterin der Therapiestation Lukasfeld für Drogenentzug in Meiningen, weiß, dass Maria kein Einzelfall ist: „Wir haben es mit den Problemen von alternden Opiatabhängigen zu tun.“

Maria hat Hepatitis C – wie die meisten Abhängigen, die in den 1990er-Jahren Heroin spritzten. Sie steckten sich durch Einwegspritzen an, die sie mehrmals verwendeten. Heute gibt es in ganz Österreich soziale Einrichtungen, die sterile Spritzen verteilen, um dies zu vermeiden. Trotzdem können die Folgen der Heroinsucht tödlich sein. Atem- und Herzstillstand durch Vergiftung, Ersticken am Erbrochenen oder Suizid unter Drogeneinfluss – die Todesursachen sind vielfältig. „Bei den meisten drogenbezogenen Todesfällen handelt es sich um Patienten, die schon sehr lange unter ihrer Abhängigkeit und suchtbezogenen Folgeerkrankungen leiden“, erzählt die Ärztin.

Im Jahr 2015 sind in Vorarlberg 15 Menschen an ihrer Sucht verstorben – auf die Einwohnerzahlen umgerechnet sind das sogar mehr Todesfälle als in Wien. Warum das Drogenproblem gerade in Vorarlberg so groß ist, kann Habedank nur vermuten: „Wahrscheinlich liegt das an der Nähe zur Schweiz, da die Drogen gut hereingeschmuggelt werden können.“

Daniel Lichtenegger, zuständig für Suchtmittelkriminalität im Bundeskriminalamt, bestätigt das. In einem bekannten Fall schmuggelten österreichische Täter im Jahr 2016 insgesamt 1,3 Kilogramm Heroin in Mengen bis zu 50 Gramm aus der Schweiz nach Vorarlberg. Die Dunkelziffer der geschmuggelten Drogen liegt weitaus höher. Vorarlberger Konsumenten zahlen für ein Gramm zwischen 20 und 25 Euro – der österreichische Durchschnitt liegt mit 60 Euro pro Gramm weit darüber. Der hohe Heroinkonsum in Vorarlberg lässt sich deshalb auch auf die günstigen Preise zurückführen, heißt es seitens des Bundeskriminalamts.

Laut Habedank sei der Heroinkonsum in Vorarlberg heutzutage aber eher rückläufig, da es weniger junge Neueinsteiger gebe. Nur zehn Prozent der Personen mit sogenanntem risikoreichem Opiatkonsum sind unter 25 Jahre alt. „Heroin ist nicht mehr so in, die Jüngeren greifen zunehmend zu Amphetaminen und Kokain – das passt vielleicht besser zur heutigen Zeit. Heroin wird ja auch als Loser-Droge bezeichnet. Gerade diejenigen, die in unserer Leistungsgesellschaft auf der Strecke bleiben, finden im Opiatkonsum vermeintlich die Wärme, die sie im Leben sonst nicht bekommen “, sagt die Fachärztin für Psychiatrie.

Heroin gehört zu den Substanzen mit dem höchsten Abhängigkeitspotenzial überhaupt. Die Sucht verursacht schwere psychische und soziale Folgen – von Vernachlässigung, Obdachlosigkeit bis hin zum möglichen Suizid. Bei den meisten drogenbezogenen Todesfällen spielen Heroin oder andere Opiate eine Rolle. Einen Weg ganz aus der Abhängigkeit heraus zu finden, ist schwierig. Viele suchtkranke Menschen wählen deshalb die Substitutionsbehandlung als Lösung.

In Vorarlberg sind über 600 Personen in Substitutionsbehandlung, Maria ist eine davon. Die 48-Jährige bekommt Medikamente als Drogenersatz verordnet. Methadon stellt in Österreich die Hauptsubstanz dar, bei Unverträglichkeiten verordnen Ärzte alternativ andere Stoffe wie retardierte Morphine. Seit 20 Jahren geht Maria täglich in die Apotheke, wo sie Morphine in Tablettenform erhält und unter Beobachtung schlucken muss. Einmal im Monat werden ihre Arme auf Einstiche und ihr Urin auf andere Drogen überprüft.

Die Leiterin der Therapiestation betont, dass Abhängige zunehmend Substitutionsmittel missbrauchten. Bei zwölf von den 15 drogenbezogenen Todesfällen in Vorarlberg konnten Substitutionsmittel wie retardierte Morphine nachgewiesen werden. Laut Habedank verordnen Ärzte diese in Vorarlberg nur zurückhaltend, weswegen die Süchtigen sie meistens auf dem Schwarzmarkt kaufen.
Für Maria nichts Neues: „Die Leute werden immer wieder irgendwo was dazu kaufen, damit sie das Gefühl haben, das sie vom Heroin kennen. Da sehe ich das Problem. Wir sind in Vorarlberg unterdosiert, die Substitutionsmittel sind so niedrig eingestellt wie sonst fast nirgends in Österreich.“ Zufrieden ist sie mit der Situation nicht. „Die Substitutionsmittel heben nur die Entzugserscheinungen auf – das reicht nicht.“ Sie fordert eine heroingestützte Behandlung wie in der Schweiz, bei der schwer abhängigen Personen pharmazeutisches Heroin verschrieben wird. Dadurch fiele es vielen leichter, wirklich clean zu werden. Mit schwach eingestellten Substitutionsmitteln könne man kaum aus der Spirale herauskommen.

Kirsten Habedank erklärt, dass der Schwerpunkt in Vorarlberg auf der Drogenentzugstherapie liegt. Eine Therapie-Möglichkeit für Patienten in Substitutionsbehandlung gibt es in der Region nicht. Auch Ärzte zu finden, die Substitutionsmittel verschreiben und die Patienten begleiten, erweist sich oft als schwierig.

Im Gegensatz zur Substitutionsbehandlung ist das Ziel der Entzugstherapie vollständige Abstinenz. Die meisten der Behandelten sind Opiatabhängige; in der Therapiestation Lukasfeld beispielsweise 70 Prozent der Patienten. Während der Therapie gilt striktes Alkoholverbot, einzig Nikotin wird toleriert. „Ein abstinentes Leben zu führen, ist oft viel schwieriger als Substitution. Die abstinenzorientierte Behandlung birgt immer das Risiko eines schweren Rückfalls, der auch tödlich enden kann“, betont die Ärztin.
Abstinenz ist für Maria keine Option mehr. Nach 23 Jahren Sucht hat es für die Oberländerin nun Priorität, anderen helfen zu können: „Ich kann nicht mehr arbeiten. Ich probiere jetzt halt so, mein Wissen weiterzugeben und den Leuten zu helfen, die neu einsteigen. Und rate ihnen, nicht gleich ins Substitutionsprogramm zu gehen. Sie sollen zuerst versuchen, wirklich clean zu werden.“

Opiate
Stoffe, die aus der Milch von Schlafmohn gewonnen werden. Aufgrund der betäubenden Wirkung wurden Opiate ursprünglich als Arzneimittel verwendet, bis die Abhängigkeit zum Problem wurde. Das älteste Opiat ist Morphin. Heroin ist ein synthetisches Opiat, das die Bayer AG 1896 als Schmerz- und Hustenmittel auf den Markt brachte.

Substitutionsmittel
Drogenersatzstoffe wie beispielsweise Methadon oder retardierte Morphine, die von Ärzten verschrieben werden.

Methadon
Das am häufigsten verwendete Mittel für opiatabhängige Patienten in dauerhafter Substitutionsbehandlung. Es erweist sich in der Langzeitverordnung als bemerkenswert sicher.

Retardierte Morphine
Substitutionsmittel zur Behandlung von Heroinabhängigen – diese werden hauptsächlich Patienten verschrieben, die unter starken Nebenwirkungen von Methadon leiden. Retardierte Morphine wirken stärker euphorisierend als Methadon. Überdosierungen können tödlich sein, wenn sie gespritzt werden. Ärzte verordnen Morphine zunehmend auch als Schmerzmittel.

07.10.2017

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