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Aspekte der Wirklichkeit - Von Wahrheit, alternativen Fakten und einem Hut namens Trilby

Es ist so eine Sache mit der Wahrheit. Die einen vermuten sie in den mathematischen Zeichen und Symbolen, die anderen ziehen im Namen Gottes für sie in den Krieg. Für einen glühenden Fußballanhänger offenbart sie sich auf dem grünen Rasen, für die alten Germanen liegt sie im roten Rebensaft. Und dem Kater, der mich seit dem vergangenen Sommer regelmäßig auf meiner Terrasse besucht, ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit völlig egal.

Die Wahrheit, die wir aus unserem Wirklichkeitsverständnis ableiten, ist ein vielschichtiges Gebilde. Sie ist kein singuläres Etwas, wie manche glauben, kein heiliger Gral, den wir nur zu suchen brauchen, und wenn wir ihn fänden, wären wir all unsere Sorgen los. Wir streben nach Erkenntnis und vergessen dabei allzu oft, dass unser Verstand nicht auf Wahrheit modelliert ist. Wie in Platons Höhlengleichnis sitzen wir gefangen in unseren Sinnesapparaten und sehen nur die Schatten der Gegenstände, die an uns vorüberziehen. Das Erkenntnisvermögen unseres Geistes ist abhängig von den Notwendigkeiten der evolutionären Anpassung, wir können nur das als etwas Wahres wahrnehmen, was wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Das ist der Bezugsrahmen unseres Handelns – aber eben ein Rahmen, der uns begrenzt und das Spektrum unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten einengt. Wir haben keine Ahnung, wie es ist, mit den Augen eines Adlers zu sehen, uns mit den seismografischen Fähigkeiten einer Schlange durch das Dickicht eines Dschungels zu bewegen oder uns mithilfe eines Seitenliniensystems, wie es Fische haben, durch die Weltmeere zu manövrieren. Das Ding an sich, wie es Kant in seinen erkenntnistheoretischen Schriften formuliert, bleibt uns verborgen, unsere Welt ist niemals die Welt, wie sie ist, es ist die Welt, die wir durch unseren ganz eigenen Komplex aus Wahrnehmung und Kognition hervorbringen. Sie ist genauso spezifisch und eigenartig wie die der Hunde, Vögel oder Ameisen. Und das bringt mich zu meinem Besucherkater, den es, und das behaupte ich im vollen Bewusstsein meiner menschlichen Überheblichkeit, keinen Deut interessiert, ob sich sein Leben durch die Suche nach einer höheren Wahrheit bereichert. Seine Wahrheit ist der Augenblick, das Markieren des Reviers und die Suche nach einer Partnerin, mit der er seinen biologischen Auftrag erfüllt. Er hat kein Bedürfnis nach Wahrheit, weil er keinen Begriff davon hat. Er hat keine Sprache, in der er sich über eine abstrakte Sache wie Wahrheit Gedanken machen könnte; sein Miauen und Fauchen ist auf soziale Interaktion ausgerichtet, etwas Praktisches, eine Form der Zeichenwiedergabe, die auf jeden moralischen Impetus verzichtet. Angewidert von der sprachlichen Überfrachtung unserer Erkenntnissuche war es Ludwig Wittgenstein, der sich als erster Philosoph mit den Nöten der Sprache auseinandersetzte. Von ihm ist der Ausspruch „Was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen, und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Für ihn gehören sinnlose und unsinnige Sätze abgeschafft, also jene Sätze, die nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden können, da ihnen in der Wirklichkeit nichts entspricht. Sein Traum war es, eine Präzisionssprache zu entwickeln, welche die Realität objektiv zu beschreiben im Stande sei. Dass dieser Versuch kläglich scheiterte, ist nicht zuletzt in der Funktion der Sprache selbst begründet, die sich nicht aus dem Bedürfnis nach Genauigkeit und Wahrheit entwickelte, sondern aus dem Wunsch nach Verständigung, Unterhaltung und Zerstreuung. Und somit zur Praxis. Wittgenstein war nicht an der Wahrheit interessiert, weil beliebig und willkürlich, sondern an den Tatsachen.

Wenn wir nach den Tatsachen und Fakten fragen, dann suchen wir jene Wirklichkeitsaspekte, die wir experimentell und wiederholbar nachweisen können. Paul Watzlawick spricht in diesem Zusammenhang von der Wirklichkeit erster Ordnung. In ihr geht es rein um das Faktische, Beobachtbare. In unserer Vorstellung sind Tatsachen etwas Festes und Beständiges. Sie sind nicht der persönlichen Willkür unterworfen wie etwa Meinungen, die wir uns über sie bilden oder individuelle Beziehungen, die wir zu ihnen haben. Wie stark wir uns an diese Vorstellung klammern, zeigt sich dann am eindrücklichsten, wenn an den Fundamenten dieser Überzeugungen gerüttelt wird. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehe wir zu, wie der amerikanische Präsident Donald Trump und seine Beraterin Kellyanne Conway in Bilderstürmer-Manier die herkömmlichen Auffassungen von wahr und falsch pulverisieren, mit „Fake News“ und alternativen Fakten unser Grundverständnis von Wahrheit und Wirklichkeit ad absurdum führen. Doch was steckt dahinter? Böse Absicht, Dummheit oder ein perfides Spiel mit unserer Voreingenommenheit? Wahrscheinlich von allem ein bisschen und noch einiges mehr. Tatsachen und Fakten sind mit Wittgenstein gesprochen alles, was der Fall ist. Doch was ist damit gemeint? Ein Beispiel: Kürzlich habe ich mir einen schicken Trilby-Hut gekauft. Mit seinem speziellen Aussehen und seiner eigenen Konstitution ist er ein Gegenstand, den wir angreifen, vermessen und auf seine chemische Zusammensetzung hin prüfen können. Also ein Teil der faktischen Welt. Ich bin der festen Überzeugung, dass er mir ausgezeichnet steht. Doch meine Freundin findet, er passe nicht zu meinen Augen, meine Mutter hingegen meint, ich sehe damit aus wie Johnny Depp in „Don Juan“ und mein Bruder sagt, mit diesem Hut ähnle ich doch eher Fozzie Bär aus der Muppet Show. Wir sehen, dass wir uns über eine Tatsache unterschiedliche Meinungen bilden. Im Falle des Hutes mag das noch belanglos oder witzig sein, aber wie sieht es mit Völkermord, Rassismus oder Kindesmissbrauch aus? Wenn wir beginnen, Tatsachen in Meinungen zu verwandeln oder Ansichten als Fakten zu verkaufen, dann schlagen wir zwei Wege ein, wobei der eine ins Relative, der andere ins Totalitäre führt. Beides keine erbaulichen Alternativen. Wie leichtfertig wir mit Tatsachen und Fakten umgehen, zeigt sich auch an so mancher wissenschaftlichen Studie. Fragwürdige Zielsetzungen, unsaubere Methoden und widersprüchliche Ergebnisse machen aus ihnen Instrumente, die unser interessegeleitetes Handeln legitimieren. Aus Aushängschildern unserer analytischen Fähigkeiten werden so Nährböden für unterschiedliche Interpretationen.

Doch um wieder auf den Hut zurückzukommen. Wir können uns seiner Existenz vergewissern, indem wir ihn im Schaufenster betrachten, ihn uns auf den Kopf setzen oder den Stoff auf seine spezifische Beschaffenheit untersuchen. Wir haben einen unmittelbaren Zugang zu ihm. Doch das ist beileibe nicht bei allem so. Daher schenken wir Menschen Vertrauen, die uns mit Tatsachen und Fakten versorgen, seien es Wissenschaftler, Journalisten, Internetblogger oder der Feinkostverkäufer im Supermarkt um die Ecke. Uns ist es nicht möglich, jede Information auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, daher verlassen wir uns auf die Integrität anderer. Und um die ist es nicht immer gut bestellt, wie wir wissen. Wir können etwas glauben, infrage stellen oder ganz verwerfen. Unsere Entscheidung hängt vom Vertrauensvorschuss ab, den wir Personen, Institutionen oder gesellschaftlichen Autoritäten ausbezahlen.

Was an der aktuellen Debatte über Wahrheit und falsche Informationen irritiert, ist die allgemeine Entrüstung, der kollektive Aufschrei, der durch unsere Gesellschaft hallt. Dass Menschen Tatsachen, die ihnen bekannt sind, nicht zur Kenntnis nehmen oder so verdrehen, dass sie daraus einen Vorteil ziehen, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Schon Platon lobte die Kunst des Lügens als eine „Fähigkeit des klugen Mannes“, während Erasmus von Rotterdam behauptete, die „Wahrhaftigkeit stehe nur dem Toren gut zu Gesicht“ – und seit Pinocchio wissen wir, dass Lügen nicht nur kurze Beine, sondern auch lange Nasen haben. Doch auch die jüngere Geschichte ist voll von Menschen, die unverfroren das Gegenteil von dem behaupten, was vorgefallen ist, nur um ihre Interessen zu wahren. „I did not have sexual relations with that woman“, säuselte Bill Clinton mit seinem reumütigen Dackelblick in die Kameras. Der Ausspruch wurde zu einem Klassiker der Lügengeschichte und katapultierte Monica Lewinsky endgültig in den Olymp der medialen Banalitäten. Aber auch in unserem persönlichen Alltag ist uns das militärische Prinzip des Tarnens und Täuschens nicht völlig fremd. Im Wettkampf um Arbeitsplätze, Lebenspartner und soziale Anerkennung werfen wir vieles in die Waagschale, das bei genauer Betrachtung nicht so recht zu uns passen möchte. Wir verstellen uns, übernehmen Verhaltensmuster, weil wir glauben, sie seien gesellschaftlich erwünscht und würden uns weiterbringen. Wir kaufen Ratgeber und besuchen Seminare, um unsere Persönlichkeit zu entwickeln, jedoch meist nicht im schönsten Wortsinne, um etwas freizulegen, oder, wie es der griechische Dichter Pindar ausdrückt „Werde, der du bist“, sondern um uns mit Attitüden zu verkleiden, die uns zu jemandem machen, der wir sein sollten. Authentizität ist zwar gefragt, aber meist nicht gewünscht. Wir setzen lieber auf die Schminke, und nicht auf das Gesicht. Sicher ist sicher.

Täuschungen haben schon lange den Beigeschmack der moralischen Verwerflichkeit verloren, sie sind über die Jahre salonfähig geworden. Heute sprechen wir von politischem Geschick, wirtschaftlicher Raffinesse oder persönlicher List, um uns das Verdrehen der Tatsachen bekömmlich zu machen. Das heißt nicht, dass es früher besser war. Ganz im Gegenteil. So war beispielsweise das Verhältnis von Politik und Wahrheit schon immer ein ganz besonderes. Spinoza meinte gar, dass der Inhaber der Regierung geradezu ein Verbrechen begehen würde, wollte er zum Schaden seiner Regierung Versprechen halten. Wenn wir uns diesen Satz auf unserer von Aufrichtigkeit und Anstand geprägten Zunge zergehen lassen, dann mutet das aktuelle Aufbegehren politisch Verantwortlicher gegenüber „Fake News“ doch etwas seltsam an. Es macht anscheinend einen Unterschied, wer falsche Informationen verbreitet, als würde es sich hierbei um einen substantiellen Unterschied handeln, und nicht um einen graduellen. Also, Falschinformationen, die einem Politiker helfen, sind gut, Falschinformationen, die einem Politiker schaden, sind schlecht. Es ist somit keine Frage der Moral, sondern der Nützlichkeit. Die Rechnung ist so einfach wie bekannt, und trotzdem zahlen wir die Zeche immer wieder aufs Neue. Und noch ein Satz zu Donald Trump. Was an diesem Mann verstört, ist weniger sein ganz persönlicher Umgang mit den Fakten, sein prahlender Sexismus oder seine verletzende Fremdenfeindlichkeit – es ist vielmehr die Tatsache, dass er seine Wahlversprechen auch gegen jede Vernunft und Konvention einhält. Ein Umstand, der uns gelernten Demokraten und verblümten Moralisten nicht so recht ins gewohnte Schema aus Lippenbekenntnissen und Scheinheiligkeiten passen will. Ein Mann, der keinen Grund sieht, der Lüge schöne Kleider anzuziehen, entpuppt sich als Säule der Redlichkeit. Irgendwie lustig, oder?

Im Gegensatz zu Donald Trump war der österreichische Philosoph und Psychotherapeut Paul Watzlawick ein besonnener Mensch mit einem feinen Gespür für die komplexen Zusammenhänge von Wahrheit, Wirklichkeit und Kommunikation. Zu Recht wies er darauf hin, dass unsere Auffassung der Welt Ergebnis einer permanenten Zeichenvermittlung sei, eine Übereinkunft von Menschen, die sich je nach sozialer Prägung und kulturellem Hintergrund auf eine Wirklichkeit einigen. Dieser Pluralismus ist grundsätzlich nichts Schlechtes, solange wir nicht alles drehen und wenden, wie es uns in den Kram passt. Tatsachen mutwillig mit Ansichten zu vertauschen ist keine Bagatelle, sowenig wie Ideen als allgemeingültige Wahrheiten anzupreisen. Die Suche nach einer Wahrheit, die losgelöst von allen Zwängen über unseren Köpfen schwebt, ist zwar ein spannendes Unterfangen mit vielen Wendungen, Überraschungen und Erkenntnissen, aber vermutlich ebenso wenig von Erfolg gekrönt wie der Versuch, aus meinem Besucherkater ein Rennpferd zu machen.

01.04.2017

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Thomas Metzler

ist Philosoph, Publizist, Kommunikations­designer und Medien­experte. Er lebt und arbeitet in Vorarlberg.

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