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„Die Welt ist, was mich zu Fall bringt“

Gerald A. Matt sprach mit dem Schriftsteller und Publizisten Franz Schuh anlässlich seines 70. Geburtstages über Eitelkeit, Freiheit, Verzicht, Philosophie und „Sämtliche Leidenschaften“. Franz Schuh ist einer der führenden und unkonventionellsten Denker Österreichs, einer, der intellektuelle Kapriolen schlägt, der Welt mit anhaltender Skepsis begegnet und das Paradoxe liebt. Schuh sagt über sich selbst: „Ich habe den Sinn für die Negation körperlich und geistig eingebaut“ – und bezeichnet sich auch als Anhänger einer „nicht resignativen Melancholie“.

Bei einem bekannten Kritiker las ich: „Schuhs Aphorismen können sich mit den besten von Elias Canetti messen.“

Das wäre vermessen. Allerdings hatte Canetti zur Vermessenheit selbst eine Neigung. Bei einem Canetti-Symposium – sympathischerweise in Palermo, also weit fort – hat jemand folgenden Dialog überliefert: ‚Herr Canetti, Sie haben doch Vieles von Alfred Adler gelernt.‘ Darauf Canetti: ‚Nein, Adler hat Vieles von mir gelernt!‘

Würdest du das auch antworten?

Nein, aber das ist bei Canetti lehrreich – diese Grenze zwischen Eitelkeit, die manche Menschen bei anderen überhaupt nicht ertragen, und dem notwendigen und gerechtfertigten Selbstschutz, der darin besteht, dass man die eigene Bedeutung den anderen auch mitteilt.

Die Eitelkeit ist ja auch ein Thema in deiner Literatur.

Ich glaube, dass der Vorwurf der Eitelkeit erstens selber – und das ist natürlich eine billige Retourkutsche – eitel ist und dass zweitens der Vorwurf meistens eines übersieht: Menschen, die sich präsentieren (müssen), die in einer Präsentationsmaschine stecken, erfahren, dass diese – ganz unabhängig von den Personen – die Eitelkeit hervorruft und zum Vorschein bringt, die nachher von genau dieser Maschine kritisiert wird. Eitelkeit ist von einer persönlichen Eigenschaft zum Automatismus geworden. Aber es gibt zum Glück souveräne Auseinandersetzungen mit ihr, eine ist von Karl Kraus: ‚Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist. Sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist.‘

Auf deinen Wunsch hin haben wir uns im Café Hegelhof getroffen. Du hast über Hegel dissertiert, offenkundig ziehst du Hegel vielen anderen vor.

Dazu möchte ich auf jeden Fall gesagt haben, dass es einst in der Gegend auch das Café Fichtehof gegeben hat und Fichte ist ein wirkungsmächtiger Philosoph gewesen, mit dem ich mich als Student in einer 80-seitigen Seminararbeit auseinandersetzen durfte. Die Arbeit ist verschwunden wie vieles verschwindet an Papier in diesen Zeiten, und natürlich war für mich Fichte auch eine Vorarbeit zu Hegel, so wie das Café Fichtehof eine Vorarbeit zum Café Hegelhof war.
 

Du hast mir einmal gesagt: ‚Man kann Philosophie richtig gut lehren und kein Philosoph sein, man kann Philosoph sein und nur schlecht Philosophie lehren.‘

So schlicht, so wahr. Ich habe die fixe Idee, dass Philosophen Leute sind, die neben ihren erstklassigen Gedankengängen eine Art von fixer Idee haben. Kant ist auch deswegen ein Philosoph, weil er unerbittlich gedacht hat, unbedingt muss ich den Verstand, den ich habe, mit der Sinnenhaftigkeit, die ich auch habe, zusammenbringen. Das haben zwar andere vor ihm auch versucht, aber es war seine Idee, dass es erst auf seine Art funktionieren würde. Günther Anders – ein Philosoph im Sinne der fixen Idee, der hier in Wien gelebt hat in seinen letzten Lebensjahren – war deswegen ein Philosoph, weil er die Idee von der ‚Antiquiertheit des Menschen‘ hatte: Das, was wir uns unter Subjektivität, unter Autonomie vorstellen, also ‚der Mensch‘, ist durch die Technik und die Art und Weise, wie die Dinge und die Waren uns über den Kopf gewachsen sind, überholt. Deren Souveränität macht uns zu antiken Möbelstücken, die in der Gegend herumstehen. Das ist eine fixe Idee, solche fixen Ideen können nahe am Blödsinn sein. Aber durch die intellektuelle Disziplin, die diese Menschen haben, sind sie in der Lage, den vielleicht blödsinnigen Kern mit einer Radikalität zu verbinden und zu vertreten, die zeigt: So ist der Mensch, wenn er denkt.

Wie kann man als Denker, Schriftsteller mit philosophischen Ambitionen, der niemals eine feste Anstellung angenommen hat, mit diesem Freiheitsdrang, mit dieser Unabhängigkeit in dieser Gesellschaft überleben?

Kaum. Ich bin aber skeptisch, was den Freiheitsdrang betrifft. Es gibt eine Unterscheidung zwischen Freiheit wovon und Freiheit wofür – eigentlich hat man Freiheit dazu, um eine Bindung einzugehen. Österreich ermöglichte von 1970 an Nischenexistenzen, die in anderen total verwalteten Gesellschaften undenkbar wären. Deshalb bin ich diesem Land und seiner Organisationsform dankbar. Es ist eine nostalgische Dankbarkeit, denn man hört der Rhetorik von Kurz an, dass nicht nur die Grenzen gegen das Außen, sondern das auch die Lücken im Inneren geschlossen werden. Für mein Überleben durfte ich natürlich die Ansprüche nicht auf das Niveau eines Facharbeiters hinaufschrauben. Man muss in der Lage sein, in einer Verzichtsszenerie zu leben. Elfriede Gerstl, die Dichterin, hat Jahrzehnte in Armut gelebt. Sie hätte die Erwähnung ihrer Armut verabscheut, denn sie hat sich auch nicht als Opfer gefühlt. Aber frei gewählt hat sie die Armut ebenfalls nicht – sondern um eine bestimmte Arbeit zu tun, kann man nur so leben, mit wenig Rücksicht auf die eigene Wohlfahrt. Dass von solchen Menschen dann ‚die Kultur‘ profitiert, deren Schranzen stolz eine Dichterin – wenn sie gestorben ist – vorweisen können, bleibt ein immerwährender Skandal.

Zum Teil kompensiert der künstlerische oder intellektuelle Anspruch doch den materiellen.

Leider – das ist die kleinbürgerliche Disposition. Herbert Marcuse nennt es die ‚affirmative Kultur‘, in der man sich einbildet, man könnte materielle Konflikte oder materielle Benachteiligung mit geistigen Kräften und Genüssen ausbalancieren. Bis zu einem gewissen Grad ist das möglich, aber es ist auf keinen Fall ein Modell, das man grundsätzlich anderen vorschreiben kann. Wenn einem selber das zwiespältige Glück beschert ist, dass man in seiner Not durchhält, dann darf man noch lange nicht sagen, lernt ordentlich und seid gebildet, dann kann es euch wurscht sein, ob es euch elend geht.

Es gibt ja dein Buch ‚Das Widersetzliche der Literatur‘. Das Widersetzliche, ein Wesensmerkmal von Literatur und Philosophie?

Es ist ein klassischer idealistischer Glaube, Idealismus auch im Sinne des philosophischen Idealismus: So etwas wie ein geglücktes Werk, das Menschen wie Elfriede Gerstl oder Konrad Bayer zustande gebracht haben, widersetzt sich einem gesellschaftlichen Mainstream und seinem heruntergekommenen Qualitätsbewusstsein. Die ästhetische Genauigkeit wirft auch ein Licht auf das gewaltförmig Vage in der Politik. Der Mainstream hat seine Berechtigung, er ist das, was die meisten miteinander verbindet. Diese oft auch gefährliche Verbundenheit ist aber mit zu wenig Widerspruch konfrontiert, auch weil man im Verbund gelernt hat, den Widerspruch für die eigene Affirmation zu instrumentalisieren: ‚Wann endlich werdet ihr euch gegen uns durchsetzen!‘, ruft der Minister erwartungsvoll den Künstlern bei der Eröffnung der Festspiele zu.

In deinen Büchern gibt es Themen, die immer wieder vorkommen – Liebe, Macht, Heiterkeit, Kunst, Tod. Und in ‚Sämtliche Leidenschaften‘ heißt der Ich-Erzähler sogar Franz Schuh, ein Künstler, der sich durch sein Leben frettet. Wie autobiografisch ist dein Werk?

Ich bin nicht jemand, wie das andere großartige Schriftsteller tun, der autobiografisch schreibt, um die Wahrheit seiner Existenz zu erkunden. Ich verwende den autobiografischen Rahmen dazu, um Biografien zu erlügen. In ‚Sämtliche Leidenschaften‘ arbeite ich als Frühstückskoch in einem Wiener Café, noch dazu eine Idee, die geklaut ist: Eine Kollegin verdingte sich tatsächlich so.

Ein Satz von dir lautet: ‚Die Welt ist, was mich zu Fall bringt‘, die Parole eines Skeptikers.

Der Kalauer gehört zur zeitgenössischen österreichischen Literatur. Die wäre ohne Kalauer ein ziemlicher Leerlauf und öde. Und ein Kalauer mit Wittgenstein – sträflicher geht’s nimmer.

Apropos österreichische Literatur, viele Kritiker sind der Meinung, Schuh knüpfe an Karl Kraus an, die Wiener Avantgarde, Konrad Bayer. Bist Du glücklich mit dieser Verortung?

Die Nähe zu Karl Kraus ist tödlich, unmöglich. Über Kraus hat Benjamin – ‚apodiktisch‘, wie man sagt – geurteilt: ‚Nichts trostloser als seine Adepten, nichts gottverlassener als seine Gegner.‘ Aber wen ich natürlich um Verwandtschaft anbetteln würde, das sind Schriftsteller wie Polgar, Friedell oder die unberührbare Größe von heute: Max Goldt.
Leute also, die auch ein unglaubliches kulturelles kulturgeschichtliches Umfeld in ihrer Literatur mitverarbeiten, wie Friedell zum Beispiel. Und die gleichzeitig nicht diese Disziplin an den Tag legten, die man vom Leben abziehen muss, die zum Beispiel Thomas Mann hatte. Die aber auch nicht den absoluten Zwang der höchsten aller Künste kennen, den Kafka verkörpert. Es ist nicht nur die Frage, wie willst du schreiben, sondern auch, wie willst du leben. Und bei Friedell hilft mir die Erinnerung an seine Fehler: Er war im Ersten Weltkrieg ein gottverdammter Chauvinist.

Da hast auch in Filmen gespielt, und auch in der Fernsehserie ‚Tohuwabohu‘ – hätte dich das Schauspielersein gereizt?

Der Schauspieler ist für mich etwas ganz Wunderbares – so viel verdienst du als Autor nie. Tohuwabohu: Regie und Buch Helmut Zenker. Zenker war als Schriftsteller ein Ausnahmetalent in der Tradition Ödön von Horváths. Der erste Kottan-Film ‚Hartlgasse 16a‘ war ein geniales Kunstwerk. Der Künstler Zenker ist dann – ja – durchs Blödeln in die Relativierung seiner eigenen Ansätze geraten, aber auch als Blödler war er besser als seine Konkurrenten in der Verblödungsmaschine Fernsehen.

Von ‚Tohuwabohu‘ über Fichte und Peter Alexander bis zum Werbespot, das ist alles Welt, die dich interessiert, das heißt, es geht nicht um das Erhabene, es geht eigentlich um den Alltag, um die Welt um uns herum.

Ja, auch wenn Max Goldt gesagt hat, ‚Alltag‘ sei eine verwaschene essayistische Kategorie, glaube ich doch, dass in unserer Art von Gesellschaft die Alltäglichkeit das zentrale Medium ist. Alles – mit Ausnahme des Todes – führt in den Alltag zurück. Aber wenn du ins Burgtheater gehst, gehst du nachher in ein Restaurant, du gehst aus dem Fest raus und der Alltag hat dich wieder.

Vielen Dank für das Gespräch!

03.06.2017

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Gerald A. Matt

Kunstmanager, Publizist und Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien

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