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Drachen – ein Grenzfall der Wissenschaft

Mit schöner Regelmäßigkeit geistern sie durch die Sensationsmeldungen: Obwohl aus wissenschaftlicher Sicht längst in den Bereich der Sagen verwiesen, sind Nessie, Yeti & Co. noch immer für Schlagzeilen gut. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sie dem Drachen Gesellschaft leisten – denn dass jenes Fabeltier real existieren könnte, wird von niemandem mehr ernsthaft spekuliert.

Sich mit dem Drachen zu beschäftigen, hielten die Pioniere der Naturwissenschaften noch für ein lohnendes Thema. Ja sogar in den Kuriositätenkabinetten und Wunderkammern des 16. und 17 Jahrhunderts waren Drachen zu finden – freilich gebastelt aus getrockneten Rochen oder aus Teilen von Krokodil, Dornschwanzechse und Fledermaus zusammengeleimt. Dass findige Händler mit solchen Kreationen zu Geld zu gelangen trachteten, steht außer Zweifel. Die Frage war viel eher, warum diese in den Naturaliensammlungen als wissenschaftliche Belege verwahrt wurden. Für einen Naturforscher hätte es doch einfach gewesen sein müssen, diese Machwerke als Fälschungen zu entlarven. Doch diese Frage lässt einen Aspekt der Wissenschaftsgeschichte außer Acht: „Es wird nötig sein, eine Sammlung und Naturgeschichte aller Monstrositäten und wunderbaren Naturentwicklungen zu entwerfen, ja von allem Neuen, Seltenen und Ungewohnten in der Natur.“ So formulierte Francis Bacon im Jahr 1620 den Auftrag an die Naturalienkabinette. Auch die Abwege und Grenzfälle der Natur jenseits des Regelfalles sollten dort dokumentiert werden, damit sie den Geist vom Wirklichen auf das Mögliche führen. Dies rückt die Drachenpräparate in ein anderes Licht: Natürlich waren sie als Fälschung erkannt worden, aber als lehrreiche und anschauliche Visualisierung des Möglichen in den Grenzbereichen der Tierwelt erschienen sie dennoch als sammelnswert.
Außerhalb der Forscherkreise war solches Theoretisieren fremd. In den Unterhaltungsmedien der damaligen Zeit finden wir andere Herangehensweisen an das Phänomen Drache. Dass noch nie jemand solch ein Tier gesehen hat, liegt doch einzig und allein daran, dass Drachen in wilden, unzugänglichen Gegenden hausen, in die sich ein Mensch nie vorwagen würde. Adler sind seine Gefährten, und andere Raubtiere. Dorthin verschleppen diese ihre Beute, als Nahrung für sich und ihren Nachwuchs. Übrig blieben die Samen der Tiere. Diese – so formulierte es einer der Irrwege in der Wissenschaftsgeschichte – blieben in der Luft lange erhalten, konnten sich vermischen und unter geeigneten Bedingungen wieder Leben hervorbringen. Sogar Versteinerungen wurden damit erklärt, dass sich aus den umherschwirrenden Samen realer Lebewesen in einer Art steinernen Gebärmutter versteinerte Abbilder der Tiere entwickelten. War diese Hypothese auch rasch wieder verworfen – abseits der Wissenschaft blieb sie eine plausible Erklärung für die Existenz diversester Mischwesen, unter ihnen die Drachen. Dass Drachen wirklich existieren könnten, dafür lieferte die Natur die besten Beweise: Wenn am Ende des Alp­sommers das eine oder andere Stück Vieh fehlte und auch sein Kadaver nicht gefunden wurde, so hatte es der Drache verschlungen. Doch selbst bei dieser nahrhaften Verpflegung lebten Drachen nicht ewig. Nach ihrem Tod gingen sie den Weg allen Irdischen. Zurück blieben die Knochen, und die ließen sich in mancher Höhle zuhauf finden – im unzulänglichen Schein einer flackernden Fackel konnte man leicht einen Bärenschädel für das Haupt eines Drachen halten.

Als Missgeburt außerhalb der Göttlichen Ordnung, die dem Menschen nur Schaden zufügt, wurde der Drache zur Personifizierung des Bösen. Im Volk diente er als Erklärung von Hochwasser und Muren, die gleich einem Drachen alles verschlingen, was ihnen im Weg steht. Im antiken Mythos war er der Gegenspieler des gottgleichen Helden, eine Prüfung, die dieser bewältigen musste, um seinem Status gerecht zu werden. In den Heldenepen des Mittelalters lebte diese Tradition fort. In der christlichen Religion schließlich wurde er zum Abbild des Teufels und zum Symbol der Hölle. In der Vita des bekanntesten Drachentöters, des Heiligen Georg (über dessen reales Leben kaum etwas bekannt ist) vermischen sich die Motive: Georg ist der strahlende Held der Antike, der die schönste aller Königstöchter vor dem Untier rettet. Gleichzeitig ist er der Überwinder des Heidentums, das im Drachen repräsentiert ist: Die Gerettete und ihr Volk lassen sich taufen. Andere Heilige haben es ihm nachgemacht. Bei der Heiligen Margarethe symbolisiert der Drache die Selbstzweifel, die sie im Gefängnis zu verschlingen drohen. Erst in der Rückbesinnung auf Gott kann sie diese – und damit das Untier – überwinden. Nicht nur als Attribute von Heiligen finden wir den Drachen in mittelalterlichen Kirchen. In jeder Darstellung des Jüngsten Gerichts werden zur Linken Gottes (also aus Sicht des Betrachters rechts) die Verdammten von Teufeln und Dämonen zum Tor der Hölle getrieben. Und immer ist es ein weit aufgesperrter Rachen, der sie verschlingt.

Als hätte es nie eine Aufklärung gegeben, ranken sich auch heute noch Spekulationen um diese Fabelwesen und pendeln zwischen Esoterik und Fantasy. Aber nicht alles, was gedacht werden kann, muss zwangsweise auch existieren. Drachen sind Ausgeburten der Fantasie. Wie alle Fabelwesen dokumentieren sie Geschichten – Geschichten über die Angst vor dem Unerklärlichen und von deren Überwindung. Und diese Geschichten wollen erzählt werden.

04.11.2017

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J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiärbecken. Seit 1993 Museumskurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn.

(Foto: © J. Georg Friebe)

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