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Genau vor hundert Jahren

Am 3. Juni 1917 verbreitete sich in Vorarlberg die Nachricht, dass Kaiser Karl und Kaiserin Zita nur zwei Tage später auf einen Kurzbesuch in Vorarlberg eintreffen würden. Kaiserbesuche hatten in Vorarlberg Seltenheitswert, so war Franz Joseph I. während seiner 68-jährigen Regentschaft nur viermal (1850, 1881, 1884 und 1909) im Ländle gewesen. Während der Langzeitkaiser allseits bekannt war, rückte Karl erst 1914 als offizieller Thronfolger ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Als er 1887 in Persenbeug, Niederösterreich, geboren wurde, dachte wohl niemand, dass er jemals den Thron des Habsburgerreichs besteigen würde, waren doch etliche Verwandte in der Thronfolge vor ihm gereiht. Zunächst verstarb aber der Sohn Franz Josephs, Kronprinz Rudolf, unter mysteriösen Umständen in Mayerling, und nachdem 1886 Karl Ludwig, der jüngere Bruder Franz Josephs, schon nicht mehr lebte, ging die Thronfolge an dessen ältesten Sohn Franz Ferdinand über. Er aber wurde 1914 gemeinsam mit seiner Ehefrau in Sarajevo erschossen, wonach als nächster sein Bruder Otto an der Reihe gewesen wäre, der aber schon 1906 verstorben war. Somit war dessen Sohn Karl der offizielle Thronfolger, der sich schon 1911 mit Zita von Bourbon-Parma standesgemäß verheiratet hatte.

Der Zeitpunkt für die Thronfolge war 1916 ein denkbar schlechter, war doch der 1. Weltkrieg voll im Gange und die Risse im österreichischen Vielvölkerstaat nicht mehr zu übersehen. Da auch die militärischen Erfolge mehr und mehr ausblieben, wurde auch dem nicht direkt vom Kriegsgeschehen betroffenen Hinterland alles an Opfern abverlangt. So zählte allein Vorarlberg bis zu Kriegsende über 5000 gefallene Soldaten, zu denen noch viele Verwundete und Invalide hinzukamen. Auch in Vorarlberg wurde mit Fortdauer des Krieges die Versorgungslage immer prekärer, sodass viele Lebensmittel rationiert werden mussten.

Dennoch löste 1917 der Besuch des Kaisers eine Welle der patriotischen Euphorie aus – so findet sich etwa keine zeitgenössische Quelle, die sich offen kritisch geäußert hätte. Allerdings kein Wunder bei der umfassenden Zensur, die damals alle Veröffentlichungen streng kontrollierte.

Im Vorarlberger Volkskalender von 1918 berichtet Pfarrer Josef Walser begeistert über den Besuch der kaiserlichen Paares. Demnach trafen sie am 5. Juni um 7 Uhr von Tirol kommend in Feldkirch ein, wo eine Besichtigung des Doms und des Jesuitenkollegs Stella Matutina auf dem Programm standen. Nach einem Kurzaufenthalt im Bahnhof Dornbirn traf der luxuriöse Hofzug um 9.30 Uhr bereits in Bregenz ein.

Landeshauptmann Adolf Rhomberg begrüßte das Kaiserpaar mit überschwänglichen Worten: „Einem strahlenden Sonnenblicke gleich, der, aus schweren Wolken sich Bahn brechend, Dörfer und Gefilde erwärmt und die Bewohner inmitten schwerer Sorge aufatmen lässt, erfüllte die Kunde von der Absicht Eurer Majestät, noch während der gegenwärtigen Zeit des tobenden Weltkrieges, das westlichste Kronland der Monarchie, das kleine Grenzland am Rheine, …, mit Ihrem Besuche zu beglücken, mit Jubel und begeisterter Freude.“ Vom Bahnhof ging es dann zum Rathaus, wo nach der Begrüßung durch Bürgermeister Ferdinand Kinz der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Bregenz anstand. In ebendieses Buch trug sich Zita 65 Jahre später mit derselben Feder wie 1917 ein weiteres Mal ein.

Nach dem Besuch der Stadtpfarrkirche galt ein Besuch dem Kloster Mehrerau und dem dort untergebrachten Reservespital.

Mit dem Auto ging die Fahrt dann nach Lochau, wo schon das Dampfschiff „Kaiser Franz Joseph I.“ für eine Ausfahrt bereitstand. Der Salondampfer Kaiser „Franz Josef I.“ befuhr seit 1885 den Bodensee, wurde 1919 in „Salondampfer Dornbirn“ umbenannt und 1940 verschrottet.

Besondere Aufmerksamkeit des Kaiserpaares galt dabei Schloss Wartegg bei Rorschach, befand es sich doch im Besitz der Familie Parma, der Zita entstammte. Die Ironie der Geschichte dabei: Die Kaiserfamilie sollte nach dem Zusammenbruch der Monarchie genau in diesem Schloss für einige Wochen Zuflucht finden. Das dichtgedrängte Programm führte die Gäste danach schnell wieder zum Bahnhof Bregenz und das Mittagessen wurde schon wieder im Zug eingenommen. Zwei Aufenthalte in den Bahnhöfen von Bludenz und Langen am Arlberg sorgten für den Abschluss des Kurzbesuches.

Karl sollte Vorarlberg noch zwei weitere Male durchqueren, allerdings unter gänzlich anderen Umständen. Franz J. Fröwis hat 1998 in den Bludenzer Geschichtsblättern die Geschehnisse minutiös dokumentiert: Am 24. März 1919 trafen Karl und Zita abermals mit einem Sonderzug in Feldkirch ein, um den Weg ins schweizerische Asyl anzutreten. Die damalige Stimmung wurde von Stefan Zweig beschrieben, der sich zu diesem Zeitpunkt zufälligerweise gerade im Bahnhof Feldkirch befand: „Ich schrak zusammen: der letzte Kaiser von Österreich, der Erbe der habsburgischen Dynastie, die 700 Jahre das Land regierte, verließ sein Reich!“

Ein drittes Mal rollte ein Sonderzug am 6. April 1921 mit Karl an Bord durch Feldkirch, diesmal auf der Rückreise aus Ungarn, wo er versucht hatte, das Habsburgerreich wieder neu zu errichten. Nachdem der Versuch gescheitert war, wurde er als Gefangener wieder in die Schweiz eskortiert. Dabei musste er gerade am Bahnhof Feldkirch eine böse Überraschung erleben, da an der Bahnstrecke ein Galgen mit einer daran aufgehängten Puppe in österreichischer Militäruniform aufgestellt wurde. Zudem spielten zwei Eisenbahner Spottlieder wie „Muß (sic!) i denn zum Städtele hinaus“ oder „O du lieber Augustin, alles ist hin“ auf den ehemaligen Kaiser.

Die Fotos des Kaiserbesuchs sind der umfangreichen Ansichtskartensammlung (etwa 30.000) der Vorarlberger Landesbibliothek entnommen. Ein großer Teil der Sammlung (Bodensee, Bregenz, Dornbirn, Feldkirch, Bludenz, Bregenzerwald, Leiblachtal, Klostertal, Rankweil) ist bereits digitalisiert und via volare (https://pid.volare.vorarlberg.at/) online verfügbar. Die Motive, die auf den Karten abgebildet sind, enthalten sowohl die klassischen touristischen Motive sowie Bilder von zahlreichen Gasthäusern und Hotels als auch Abbildungen von aktuellen Ereignissen, die später nicht mehr auf Postkarten abgebildet wurden. Die Karten sind zum Teil druckfrisch, andere wurden beschrieben, mit Briefmarken beklebt und mit der Post versandt.

03.06.2017

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Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

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