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Raumkraft oder Wasserkraft?

Im Juni 1931, also gerade in einer Phase, in der das Kabinett Ender ums Überleben kämpfte, wandte sich der prominente Politiker und Priester Aemilian Schoepfer (langjähriger Abgeordneter im Land- und Nationalrat, Gründer des Tyrolia-Verlags) an Otto Ender persönlich mit der Bitte, Carl Schappeller (1875–1947) im oberösterreichischen Aurolzmünster zu unterstützen. Wer war Schappeller? Er war – in aller Kürze – ein wegen ärztlich bestätigter Geisteskrankheit pensionierter Postbeamter, der jedoch zahlreiche prominente Fürsprecher davon überzeugen konnte, er habe die „Raumkraft“ erfunden. Er behauptete, mithilfe dieser geheimnisvollen Kraft, Silber, Platin und Gold gewinnen, aber auch Ernteerträge steigern zu können. Selbst der Erzabt von St. Peter in Salzburg, Petrus Klotz, setzte sich für ihn ein, und unter seinen Geldgebern, die ihm den Erwerb des schönen Schlosses Aurolzmünster in Oberösterreich ermöglichten, wurde auch immer wieder der deutsche Ex-Kaiser Wilhelm II. genannt. Otto Ender gab die ernüchternde Antwort , er würde der Sache „nähertreten“, wenn Schappeller drei von Ender nominierte Ingenieure empfangen würde, die die Sache prüfen könnten und dann befürworteten.

Ender war als Landeshauptmann von Vorarlberg mit den Fragen der Energiegewinnung wohlvertraut, allerdings aus juristischer und ökonomischer Perspektive. In den Jahren zuvor war er als Landeshauptmann am Abschluss von Verträgen maßgeblich beteiligt, die den Ausbau der Stromversorgung unter Beteiligung ausländischer Kapitalgeber ermöglichten, gleichzeitig aber die Interessen der Bevölkerung und des Landes gewährleisteten. Denn bis nach dem Ersten Weltkrieg lag die Stromversorgung des Landes weitgehend in privaten Händen. Warum?

Vorarlberg war schon um 1910 das am stärksten industrialisierte Land der Monarchie, und das hatte unter anderem mit der Wasserkraft zu tun. Viele der Industriebetriebe hatten sich hier angesiedelt, weil sie Bäche und Flüsse nutzen konnten. Schon um 1835 existierten 16 Wasserkraftanlagen, die damals allerdings auf rein mechanischem Wege nur eine Leistung von 315 PS erbrachten. Immerhin wurden damit 414 Webstühle und 117.982 Spindeln betrieben. Natürlich wurden auch Dampfmaschinen eingesetzt, die erste 1854 von der Firma Johann Baptist Salzmann in Dornbirn. Wenige Jahre später besaß beinahe jede größere Fabrik einen Fabriksschlot.
Höchst attraktiv war eine neue Form der Energiegewinnung, die sowohl effizient als auch sauber war. Elektrizität war eines der großen Zauberwörter des 19. Jahrhunderts. Sobald durch die Entwicklung der entsprechenden mathematischen Konzepte (etwa die Eulersche Turbinengleichung) und der technischen Geräte sowohl zur Produktion (Generator, Akkumulator, Dynamo) als auch zur Nutzung der neuen Energieform (elektrischer Webstuhl) vorhanden waren, waren Unternehmer bereit, durch Techniker Prototypen entwickeln zu lassen und sie einzusetzen. Sowie also die Nutzung der Wasserkräfte zur Gewinnung von Strom zwecks Betrieb von Beleuchtungsanlagen und anderem Gerät möglich war, entstanden betriebseigene Anlagen. 1881 wurde von F. M. Hämmerle eine Telefonanlage in­stalliert, die am 10. August dieses Jahres übrigens Kaiser Franz Joseph höchstpersönlich eröffnen durfte (der Bregenzer Wirt Ferdinand Kinz ließ übrigens nur ein Jahr später seine Weinstube mit dem Pfänderhotel verbinden), 1883 setzte die Firma die erste Dynamomaschine ein und eröffnete 1893 im Werk Gisingen eine große Kraftwerksanlage mit 1100 kW. Neben Hämmerle war es vor allem ein weiterer Textilindustrieller, der die Elektrifizierung seiner Fabriken betrieb und sogar noch weit darüber hinausging.
Friedrich Wilhelm Schindler (1856–1920) ließ 1891 in Rieden bei Bregenz eine Kraftwerksanlage errichten, die zur Keimzelle der späteren Vorarlberger Kraftwerke wurde. Doch Schindler entwickelte darüber hinaus zahlreiche Anwendungsbereiche für Elektrizität: Ein staunender Besucher seines „elektrischen Hauses“, der Villa Grünau in Kennelbach, berichtete 1893, er habe einen elektrischen Herd gesehen, einen elektrischen Samowar, eine elektrische Bügelvorrichtung, das Haus werde elektrisch geheizt. Schindler habe die Besucher „ein Stück des 20. Jahrhunderts sehen lassen“. Folgerichtig gründete Schindler, der schon mehrere Erfindungen hatte patentieren lassen, 1898 die Firma Elektra Bregenz.

Ein ungeduldiger Zeitgenosse fragte allerdings schon 1893 im „Vorarlberger Volksblatt“, warum sich hierzulande „noch gar nichts von elektrischen Triebwerken“ rege. Schon ein Jahr zuvor war immerhin die Beleuchtung des Bregenzer Bahnhofs und des Hotel „Montfort“ elektrifiziert worden, durch die Wiener Firma Kremenezky, Mayer & Co. Allerdings dominierte noch lange der Dampfbetrieb, denn es lag die Produktion der elektrischen Energie selbst noch im Argen. Wasserkraftwerke wurden eben fast ausschließlich als Kleinanlagen errichtet, da angesichts der verfügbaren Kohlevorkommen der Monarchie die großen Investitionen nicht rentabel schienen. Auch das Kraftwerk Rieden, das ab 1901 den Ort Rieden, ab 1903 Bregenz und in den Folgejahren immer mehr Ortschaften mit Strom versorgte, hatte regelmäßig große Schwierigkeiten, der Stromversorgung nachzukommen. Vor allem bei niedrigen Wasserständen der Bregenzer Ache im Winter musste mit forciertem Dampfbetrieb Strom produziert werden, dunkle Schwaden über dem Kraftwerk waren die Folge. Schindler initiierte ein weiteres Kraftwerk in Andelsbuch und gründete im Jahr 1907 eine eigenes Unternehmen, die Elektrizitätswerke Jenny & Schindler OHG, die 1916 in die Vorarlberger Kraftwerke GmbH (VKW) umgewandelt wurde. Sukzessive erweiterte die – mittlerweile in eine Aktiengesellschaft umgewandelte – VKW die Zahl ihrer Stromabnehmer bis sie um 1928 beinahe ein Drittel aller Gemeinden mit Strom versorgte. 1929 wurden die Aktien der VKW vom Land Vorarlberg erworben. 14 Prozent wurden an Privatpersonen und Unternehmen weiterverkauft, 33 Prozent an die angeschlossenen Gemeinden.

Otto Ender (1875–1960) hatte die schwierige Entwicklung der Elektrizitätswirtschaft, in der technische Fragen mit ökonomischen und juristischen zu einer komplexen Materie verschmolzen, mitverfolgt. Seit Kriegsende 1918 und dem Zerfall der Monarchie und damit dem Verlust der reichen Kohleabbaugebiete in Böhmen hatte die Frage der Energiegewinnung neue Brisanz gewonnen. Kohlen waren nun Mangelware. Seit seiner Inthronisierung als Landeshauptmann im November 1918 hatte Ender direkt mit der Materie zu tun und war sowohl mit dem wichtigen „Landesvertrag 1922“, durch den das Gampadelswerk und die Projekte der Illwerke finanziert wurden, als auch mit dem Erwerb der VKW betraut gewesen. Enders Mann für alle Fragen der E-Wirtschaft und Wasserkraft war übrigens auch ein Geistlicher: Barnabas Fink, Pfarrer von Hittisau und langjähriger Landtagsabgeordneter. Fink wurde selbst von seinen politischen Gegnern respektiert, weil er in Fragen der Energiegewinnung – anders als sein Tiroler Kollege Schoepfer – niemals versuchte, übersinnliche Kräfte zu mobilisieren.

05.03.2016

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