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Unterbergers Tagebuch: Der Direktorenschmäh in den Schulen

Erstaunlicher Jubel in allen Medien über das zuletzt – ohnedies nur in vagen Grundzügen – vereinbarte Bildungspaket. Dieses bringt aber in Wahrheit nicht einmal im Promillebereich liegende Fortschritte. Und statt der Autonomie gibt es eine weitere Entmündigung der Eltern. Der einzige „Fortschritt“: Man hat eine Gruppe von Schuldigen gefunden, die künftig an allem schuld ist, wenn es (natürlich) auch künftig mit den Ergebnissen des Bildungssystems nicht bergauf geht.

Diese neue Gruppe sind die Schul­direktoren. Ihnen wurden ein paar Mini­rechtleins eingeräumt. So können sie den Schulbeginn in der Früh ein wenig verändern. So haben sie freie Hand bei der Aufnahme neuer Lehrer. So können sie einen neuen inhaltlichen Schwerpunkt der Schule festlegen. Und wegen dieser winzigen Rechte sollen die Direktoren jetzt zu Hauptschuldigen werden. Geht’s noch lächerlicher? Jedermann mit auch nur minimalem Einblick ins Schulgeschehen weiß, dass es jetzt schon extrem schwer geworden ist, überhaupt irgendjemanden für einen leerwerdenden Direktorsposten zu finden. Die Bezahlung ist kaum besser als die der übrigen Lehrer (lediglich 18 Prozent Differenz). Die Verantwortung war jetzt schon groß, nicht nur in pädagogischer Hinsicht, sondern auch in finanzieller. Die Direktoren mussten immer mit einem eher knappen Budget das Auslangen finden. Und nun kommt auch noch die Rolle als Sündenbock dazu, die ihnen von Medien und Politik zugeschrieben wird.

Noch dazu hat man jetzt etwas eingeführt, was objektiv zwar sinnvoll klingt, was aber subjektiv die Motivation weiter reduziert, sich für einen Schulleiterposten zu bewerben: Direktorsbestellungen gelten künftig nur für fünf Jahre. Naturgemäß wird das manche noch mehr kopfscheu machen, sich zu bewerben. Sie müssen ja künftig mit der öffentlichen Blamage und Demütigung rechnen, weil einer Obrigkeit die Tätigkeit des Direktors nach fünf Jahren nicht gefallen hat. Dadurch macht man die Direktoren noch viel abhängiger von der politischen Macht, als sie es jetzt schon sind. Das neue Motto der Politik für den Umgang mit den Schulen: Wenn du nicht parierst, dann fliegst du beim nächsten Mal. Man macht also jetzt bei den Direktoren das, was man sich gegenüber Schülern immer weniger traut.

Die den Direktoren nun zugeschriebenen Auswahlmöglichkeiten bei der Lehreraufnahme klingen nett, sind aber ohne Veränderung der Rahmenbedingungen absurd. Denn:

  • In vielen Fächern gibt es ja einen Lehrermangel und keinen Überschuss, sodass diese Maßnahme nur zu einer Abschiebung der Verantwortung für das Nichtfinden geeigneter Lehrer von der Behörde auf die Direktoren führt.
  • Die Direktoren haben auch keine Möglichkeiten, besonders qualifizierte Lehrkräfte in Mangelfächern besser zu bezahlen, um diese so an die Schule binden zu können.
  • Zehnmal wichtiger als die Kompetenz bei der Aufnahme wäre die Kompetenz für die Kündigung ungeeigneter Lehrer. Nur wenn die Direktoren Lehrer verabschieden könnten, wäre das wirklich eine Verbesserung für Schule und Schüler.

Auch eine weitere Neuerung wird alles andere als die Attraktivität der Jobs erhöhen: Schuldirektoren können künftig für mehrere Schulen gleichzeitig zuständig sein. Das erscheint zwar bei Kleinschulen auf dem Land, die unbedingt erhaltenswert sind, an sich absolut sinnvoll. Nur ist es eben für potenzielle Schul­direktoren recht wenig attraktiv, wenn sie künftig einen Gutteil ihrer Arbeitszeit autofahrend zwischen den Schulen verbringen müssen.

Noch infamer ist eine weitere neue Kompetenz der Direktoren: Sie können künftig höhere Klassengrößen verfügen als bisher erlaubt. Und zwar ohne auf die Zustimmung von Eltern und Lehrern warten zu müssen. Damit werden alle Absichtserklärungen der Politik der letzten Jahre konterkariert, dass man eigentlich durch eine Verkleinerung der Klassengrößen die Qualität des Unterrichts erhöhen wolle.
Gewiss: Die Korrelation zwischen kleineren Klassen und Unterrichtsqualität ist lange nicht so eindeutig, wie oft getan wird. Die Klassengröße kann daher im Zuge allgemeinen Sparzwanges auch durchaus zur Diskussion gestellt werden. Nur ist es einfach nur noch zynisch, das eine zu betonen und das andere zu tun. Noch dazu, wenn die Politik (die Landesschulräte) das Unangenehme nicht selber tun will, sondern es einfach den Schuldirektoren zuschiebt, die dann durch knappe Budgets indirekt gezwungen werden, die Schülerzahl in einer Klasse zu erhöhen …

Der entmachtete Bürger

Noch widerlicher ist, dass dabei die demokratische Mitbestimmung des Schulgemeinschaftsausschusses eingeschränkt wird. Damit werden die Eltern als eigentliche Auftraggeber der Schule weiter an den Rand gedrängt. Diese Aushebelung der Schuldemokratie wird von der SPÖ derzeit auch noch in einer zweiten Hinsicht betrieben: Sie will die Mitbestimmung der Eltern bei der Umstellung einer Schule auf Ganztagesschule oder eines Gymnasiums auf eine Gesamtschule aushebeln.

Die ganze Autonomiereform liegt exakt auf der Linie vieler anderer „Reformen“ dieser Koalition: In der Regierungspropaganda wird zwar ständig von mehr Demokratie gesprochen. In Wahrheit aber hat man von der Verlängerung der Legislaturperiode um ein Jahr bis zur Abschaffung der Publikumswahl im ORF die Mitsprache der Bürger immer weiter reduziert. Seit ein paar Wochen wird auch heftig diskutiert, wie man die Rolle der Bürger in der Geschworenen-Gerichtsbarkeit zurückdrängen oder gar ganz abschaffen kann. Natürlich gehört auch die ständig weitergehende Einschränkung der Meinungsfreiheit in diesen Bereich.
In der Regierungspropaganda ist viel die Rede von mehr Transparenz und weniger Amtsgeheimnis, die ein neues Gesetz bringen soll. Aber in Wahrheit bedeutet der diesbezügliche Entwurf eine noch bessere Möglichkeit der Geheimhaltung und Vertuschung, die halt künftig unter dem Tarnmantel des Datenschutzes laufen soll. Und wo die Regierung insbesondere den besonders für Korruption und Schiebung anfälligen Bereich der Beschaffung (also des Einkaufs durch Ämter und Politiker) generell weiter geheimhalten will.

Um nicht missverstanden zu werden: Echte Autonomie der Schulen wäre nicht nur positiv, sondern auch ein entscheidender Schlüssel im Kampf für eine Verbesserung des Bildungssystems (neben all den dringend notwendigen und natürlich für die Schulen sehr relevanten Maßnahmen im Bereich Migration und Asyl). Aber eine echte Autonomie müsste ganz anders aussehen. In drei Schlagworten:

  1. Lehrer müssten wieder viel mehr Möglichkeiten haben, auf Disziplinlosigkeiten zu reagieren.
  2. Schulen müssten sich durch Aufnahmsprüfungen und -Bewertungen ihre Schüler aussuchen können.
  3. Direktoren sollen nicht mehr von der Obrigkeit bestellt, sondern von Eltern und Lehrern gewählt werden können.

Jubel kommt aus den Bundesländern. Verständlich. Denn diese – und damit sind auch alle Parteien mit an Bord – bekommen durch die Entscheidung über Wiederbestellung jedes Direktors mehr Rechte über die Schulen. Daher ist keines dagegen.

Bundespolitisch ist die ganze Reform gleichsam ein taktisches Muss: Man will jetzt unbedingt irgendwie einen Erfolg zimmern, damit man wenigstens irgendetwas vorweisen kann. Und man will der FPÖ Wind aus den Segeln nehmen, insbesondere vor den Präsidentenwahlen. Immerhin zeigt ja die neueste Umfrage, dass schon 82 Prozent der Österreicher der Politik ganz oder teilweise misstrauen.

05.11.2016

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Andreas Unterberger

67, ist Kolumnist und schreibt seit sieben Jahren unter www.andreas-unterberger.at Österreichs meistgelesenen Internet-Blog. Er ist Jurist und hat zehn Jahre an der Universität Wien Politikwissenschaft vorgetragen. Er war 20 Jahre Außenpolitik-Journalist und 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ und „Wiener Zeitung“. Sein jüngstes Buch heißt „Schafft die Politik ab“.

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