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Duell der Pioniere

Ein Duell mit Pistolen sollte 1910 einen Streit unter Skipionieren entscheiden. Zwischen dem Bregenzer Georg Bilgeri und dem Niederösterreicher Mathias Zdarsky war ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft bei der Entwicklung des Skilaufs entbrannt.

Im Jahr 1910 forderte der Bregenzer Offizier Georg Bilgeri seinen Kontrahenten Mathias Szardsky aus Lilienfeld (Niederösterreich) zum Duell mit Pistolen auf. Dieser kam der Aufforderung, Adjutanten zu stellen, nicht nach und wollte lediglich wissen, womit er denn den Herausforderer beleidigt habe. Nachdem dieses Verhalten nicht den üblichen Regeln entsprach, legten auch die Vertreter Bilgeris ihr Amt nieder und betrachteten die Sache in ihrem Sinne als erledigt. Bei den Vorgesetzten hatte das Verhalten Bilgeris allerdings für wenig Freude gesorgt und letztlich zu seiner Versetzung nach Ungarn geführt, was den öffentlich ausgetragenen Konflikt der beiden Skipioniere zum Erliegen brachte.

Der Ursprung der Fehde lag in der Tatsache begründet, dass sowohl Bilgeri als auch Zdarsky Anspruch auf eine Innovation im immer populärer werdenden Skilauf erhoben. Mathias Zdarsky ließ sich bereits 1890 Ski aus Norwegen kommen und entwickelte daraufhin eine neuartige Skibindung. Bilgeri nahm an der Bindung einige Veränderungen vor und begann diese unter dem Namen „Bilgeri-Bindung“ in der Fabrik seines Bruders in Hörbranz mit großem Erfolg herzustellen. Dies sehr zum Unmut seines niederösterreichischen Konkurrenten, der ein patentrechtliches Verfahren einleitete. Letztlich entschied das Patentamt, dass Bilgeri eine größere Entschädigungszahlung zu entrichten hatte.

Der Streit zwischen den beiden Skipionieren hatte jedoch nicht nur finanzielle Gründe; vielmehr ging es um Anerkennung und Ruhm bei der Weiterentwicklung der noch jungen Sportart. Als Bilgeri 1910 in seinem Lehrbuch „Der alpine Skilauf“ im Vorwort schreibt, dass es bisher noch kein Werk über den alpinen Skilauf gebe, fühlte sich Zdarsky übergangen, hatte er doch schon 1897 ein Lehrbuch zur Methodik des alpinen Skilaufs herausgegeben. Konkret äußerte er den Vorwurf in der Zeitschrift „Schnee. Wochenschrift des Alpen-Skivereins“: „Alles andere in der Skifahrtechnik in seinem Buche ,Der alpine Skilauf’ ist meiner Skifahrtechnik zwar nicht wörtlich nachgesagt, aber dem Sinne nach vollkommen nachgeschrieben, und das ist, ohne den Autor der Quelle zu nennen, im höchsten Grade unanständig.“

Laut Gudrun Kirnbauer, die sich in ihrer Dissertation, die später dann in der Schriftenreihe der Landesbibliothek veröffentlicht wurde, eingehend mit Georg Bilgeri befasste, handelt es sich bei Bilgeris Schrift keineswegs um ein Plagiat, da sich die empfohlene Skitechnik in entscheidenden Punkten sehr wohl von der Zdarskys unterschied. Der größte Unterschied war in der Verwendung des Stocks zu sehen: Während Zdarsky noch die „Alpenlanze“, also die Einstocktechnik, bevorzugte, empfahl Bilgeri schon zwei Stöcke und favorisierte somit die norwegische Balancetechnik. Mit der Verwendung von zwei Stöcken wurde die innovative Stemmbogentechnik erst möglich.

Stefan Kruckenhauser, Leiter des Bundessportheims in St. Christoph, Fotograf und Vater des „Wedelns“, sah die Sache differenzierter und konnte beiden Seiten etwas abgewinnen: „Bilgeri übernahm die Lehrweise und Technik Zdarskys und verband sie mit dem Zweistockfahren der Norweger … Das Vorgehen Bilgeris war methodisch und skitechnisch gesehen eher ein Rückschritt, gemessen am einfachen Lehrweg und an der einfachen Bewegung des Zdarsky-Schwunges.“

Unbestritten ist jedoch die immense Breitenwirkung, die Bilgeri zunächst im militärischen Skilauf und später auch im zivilen Bereich entfaltete. Seine Lehrtätigkeit führte ihn weit über Österreich hinaus nach Ungarn, Schweden, in die Schweiz (allein hier besuchten 5000 Soldaten seine Kurse) und sogar in die Türkei, wo er tausenden Rekruten das Skifahren lehrte. Bilgeris Kurse waren systematisch geplant, nach pädagogischen Prinzipien aufgebaut und immer mit einer Portion Humor gewürzt. Arnold Lunn, Präsident des britischen Skiclubs, bezeichnete Bilgeri gar als den erfahrensten und ersten Alpinisten der Welt. Nicht nur die Qualität, sondern auch die Quantität seiner Skikurse sei legendär. So habe er im Laufe seiner Skilehrertätigkeit in über 1000 Kursen etwa 45.000 Menschen das Skifahren gelehrt. Damalige Skikurse hatten mit Individualunterricht nicht viel zu tun. Den Rekord, was die Teilnehmeranzahl angeht, hält allerdings sein Konkurrent Mathias Zdarsky: Er soll in den Karpaten 1915 einen Kurs für gleichzeitig 1600 Teilnehmer abgehalten haben.

Bilgeri soll in der Runde seiner Angehörigen gesagt haben: „Krank werden möcht ich nicht, alt werden möcht ich nicht, und sterben möcht ich im Schnee.“ Seine Wünsche gingen größtenteils in Erfüllung, denn trotz angeschlagener Gesundheit ließ er es sich am 4. Dezember 1934 nicht nehmen, am Patscherkofel bei Innsbruck einen Skikurs abzuhalten. Während des Kurses brach er plötzlich zusammen und erlag wenig später einer Lungenblutung, die durch einen Arterienriss hervorgerufen worden war. Zur Beisetzung in Bregenz entsandte das Bundesministerium für Landesverteidigung ein Ehrenbataillon, obwohl Bilgeri seit 1920 nicht mehr für das Militär aktiv tätig war.

Im Gedenken an den Skipionier, Offizier und Bürger der Stadt Bregenz wurde am 15. Mai 1968 die frühere Alpenjägerkaserne in Oberst-Bilgeri-Kaserne umbenannt. 1860 wurde der Beschluss gefasst, die neue Kaserne zu errichten, da die damaligen Standorte (St. Anna-Kaserne, Seekaserne und Landwehrkaserne) nicht mehr den Anforderungen entsprachen.

 

Factobox Georg Bilgeri

  • 1873 - geboren in Bregenz
  • 1894 - Beginn der militärischen Laufbahn
  • 1903 - Leitung des ersten Militärskikurses
  • 1910 - Veröffentlichung eines Ski-Lehrbuches
  • 1917 - Alpinreferent der 10. österreichischen Armee
  • 1920 - Versetzung in den Ruhestand
  • 1934 - 4. Dezember: plötzlicher Tod in Innsbruck
  • 1934 - 8. Dezember: Begräbnis in Bregenz

Weiterführende Literatur in der Vorarlberger Landesbibliothek:

  • Fitz, Erwin Die Bilgeri-Kaserne und ihre Truppen in Krieg und Frieden, 1988
  • Kirnbauer, Gudrun; Fetz, Friedrich: Skipionier Georg Bilgeri. Bregenz/Feldkirch, 2001
  • Rupp, Willi Anekdoten vom Schipionier Georg Bilgeri. In: Vorarlberger Volks­kalender, 1985, Seiten 62-65

01.04.2017

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Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

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