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„Ich wollte nie der Böse sein, ich wollte immer der Bessere sein“

Henry Maske (53), deutsche Box-Legende, hat in seinem Sport gewonnen, was es zu gewinnen gab – und mit seiner Art einst maßgeblich dazu beigetragen, dass der Boxsport in Deutschland, auch in Österreich salonfähig wurde. Im Interview mit „Thema Vorarlberg“ wirft Maske einen Blick zurück, sucht und findet Parallelen zwischen Sport und Leben – und verrät, warum er sich für benachteiligte Kinder engagiert. Sein Geld verdient Maske heute mit Fast Food. Auf das Leben nach dem Sport hat sich der gebürtige Ostdeutsche übrigens in Wien vorbereitet – inkognito.

Wer ist denn heute der beste Boxer, Herr Maske? Über alle Klassen hinweg?

Ich glaube, dass wir an Anthony Joshua zukünftig Freude haben werden, aber auch nur dann, wenn er die Möglichkeit bekommt, seine Qualitäten völlig auszuschöpfen. Und dafür braucht er gute Gegner. Und die hatten manchmal die Klitschkos nicht, deshalb waren deren Kämpfe nicht immer beeindruckend. Weil sie nicht gefordert wurden.

Boxen Sie noch?

Nein, überhaupt nicht. Boxen kann man nicht nur ein bisschen. Das geht nur ganz oder gar nicht. Im Fußball kann man sich immer noch relativ lange auf einem Niveau halten, auf dem man Spaß hat, Boxen ist anders. Das habe ich abgelegt. Ich bin heute nur noch ein gut trainierter Freizeitsportler, laufe und mache Krafttraining, fünfmal die Woche.

Boxen ist ein unglaublich harter Sport. Im Vergleich etwa zu Fußball.

Man muss da differenzieren. Selbstverständlich ist unser Sport hart. Das Ziel ist, den Gegner zu treffen und möglicherweise so zu treffen, dass er danach nicht mehr weiterboxen kann. Man will den Gegner ausknocken. Boxen ist hart, klar; Fußball ist aber deutlich heimtückischer. Denn ich unterstelle nun wirklich nicht jedem Fußballer, dass er jedes Mal nur eine Schwalbe macht, wenn er zum Flug ansetzt.

Sie haben die letzten Minuten vor einem Boxkampf einmal als die schlimmsten überhaupt beschrieben. Was empfindet man da? Angst? Hat ein Profi-Boxer überhaupt Angst im Ring?

Klar. Ein Boxer hat auf jeden Fall Angst. Wer keine Angst hat, ist dumm! Aber die Angst im Ring ist eine andere, als von außen vermutet wird. Die Angst des Boxers hat ein Bild. Er weiß, was auf ihn zukommt, er kann sich darauf einstellen. Außerhalb des Boxrings ist die Sache anders. Doch auch dort sollte Angst ein steter Begleiter durchs Leben sein, weil sie in vielen Bereichen zu Vorsicht und zu Respekt zwingt.

Wer sich im Ring dem Gegner stellt, braucht Mut.

Auf jeden Fall. Egal, ob da nur drei Personen am Ring zuschauen oder Millionen am Fernseher – wer in den Ring geht, hat ja prinzipiell schon einmal den Mut, sich möglicherweise in der Öffentlichkeit zu blamieren. Und wer verliert schon gerne, wenn andere zusehen können! Deswegen ist, glaube ich, unsere Sportart für so viele Menschen interessant. Denn wir tun etwas, was viele gerne täten, wofür sie aber nicht den Mut haben!

Sie haben vor Jahren einmal die Frage gestellt: „Wer ist denn heute noch ehrlich genug, sich hinzustellen und seine Meinung zu vertreten?“

Gilt nach wie vor! Man ist doch lieber sehr überlegt in dem, was man sagt und vorsichtig mit seinen Äußerungen, in den heutigen Zeiten der sozialen Medien noch viel mehr als je zuvor! Wer will denn heute noch eine Meinung haben, die möglicherweise nicht massenkonform ist und eher zu Konfrontation als zu Verständnis führt? Wer ist schon bereit, sich einem Shitstorm im Internet auszusetzen? Wer braucht das? Aber klar: Jede Haut ist so dünn, wie sie dauerhaft strapaziert wird, und irgendwann wird sie halt dünner.

Für seine Meinung einstehen, Widerstand überwinden. Sind das Parallelen zwischen Ihrem Sport und dem Leben?

Ich habe vor vielen Jahren den Belgier Jan Hoet, der 1992 die Documenta geleitet hat, kennengelernt. Hoet, der leider nicht mehr unter uns ist, hat mich unglaublich begeistert. Er hatte für den Eröffnungsabend einen seiner Träume realisiert, einen Boxkampf organisiert, uns dazu eingeladen und wir haben bei ihm geboxt, Axel Schulz und ich. Boxen war für Hoet eine Metapher des Lebens. Es gab und gibt ja viele Boxfans unter Künstlern und Schriftstellern – Hemingway, Wondratschek, andere, viele haben über Boxen geschrieben. Aber Jan Hoet hat mit seinen Worten damals so fein, so bildhaft, so wiedererkennend meine Sportart beschrieben, wie ich es nur hätte unterschreiben, aber niemals hätte ausdrücken können. Weil es ja nun mal so ist: Letztendlich gehen zwei in den Ring, mit einem Dritten, der darauf achtet, dass die Regeln berücksichtigt werden. Wir haben unserem Gegner keinen Krieg angesagt, sondern einen Kampf. Der Kampf hat Regeln. Und das Ziel ist klar: Ich will den anderen treffen. Am besten wäre, wenn er mich gar nicht, ich ihn aber mindestens einmal treffe. Wenn es nur im Leben auch so klare, unmissverständliche Situationen gäbe! Dann wäre vieles einfacher! Aber das ist nun mal eben nicht die Realität.

Fand – in diesem Sinn gesprochen – Ihr bis dato schwierigster Kampf innerhalb oder außerhalb des Boxringes statt?

(Längere Pause) ... Das Leben hat immer wieder Kämpfe parat, bei denen man das Gefühl hat, dass man gar nicht gewinnen kann oder zumindest einen langen Atem beweisen muss, bis es sich entscheidet, ob man nun gewonnen oder verloren hat. Der Wettkampf im Ring ist definitiv strapaziös und ich hatte harte Kämpfe, sehr harte Kämpfe. Wenn Sie mich aber so fragen, wie Sie mich gefragt haben, dann würde ich schon sagen, dass das Leben härtere Kämpfe mit sich bringt als jene, die ich im Ring erlebt habe. Das gilt auch für mein Leben.

Sie waren der Gentleman-Boxer, der das Boxen salonfähig machte, sie waren – und sind – Gentleman in einem rauen Sport. Wollten Sie denn nie der Böse sein? Wie einst Mike Tyson?

Ich glaube, dass kaum jemand wirklich das Ziel hat, der Böse zu sein. Eigentlich wollen doch alle geliebt werden, oder? Wir wollen doch wenigstens jemanden kennenlernen, der uns das Gefühl vermittelt, uns ehrlich zu lieben und mindestens einer sollte das tun. Und wenn wir aus dieser Welt gehen, dann wünschen wir uns doch, geliebt gewesen zu sein. Böse? Es sind viele Menschen böse, das stimmt. Ob sie damit glücklicher sind, das weiß nicht. Ich wollte nie der Böse sein. Ich wollte immer der Bessere sein ...

Muss ein Boxer einen gleichwertigen Gegner eigentlich hassen, um ihn besiegen zu können?

Ich habe die Antwort jetzt gerade vorweggenommen. Wenn man seinen Gegner hassen müsste, um ihn besiegen zu können, dann hätte ich nie gewonnen.

Sie haben 1988, noch als Amateur, einmal bekannt: „Ich verabscheue, dass der Mensch zur Ware wird.“

Ja. Wobei zu der Zeit für niemanden erkennbar war, dass ich einmal Profi-Boxer werden würde. In unserem Leben, in unserem Empfinden war das gesetzmäßig: Die Mauer war da. Und die Mauer wird auch nicht morgen fallen. Feierabend. Vor diesem Hintergrund habe ich das damals gesagt. Man hatte uns ja auch vermittelt, dass der Profi ein Mensch war, der alles für Geld macht, ein Mensch, den man ausschließlich nutzt und ausnutzt und möglicherweise auch benachteiligt. Wenn man das Ganze aber richtig reflektiert und aus heutigen Gesichtspunkten beurteilt ...

Dann sollte dieser Satz nach wie vor Gültigkeit haben?

Ja und nein. Im Endeffekt ist der Mensch nicht nur im Sport, sondern auch im Leben zur Ware geworden. Freilich in dem Sinn, dass wir uns alle, der Mensch für sich betrachtet, gut und bestmöglich verkaufen wollen. Um daraus resultierend ein gutes Leben zu haben. Was nun den Sport betrifft: Im Gegensatz zu dem, was man uns über Profis gesagt hatte, habe ich mich selbst als Profi später nie schlecht gefühlt oder ausgenützt. Freilich bringt der Sport, wenn wir als jüngstes Beispiel den Fußballer Neymar und die 222 Millionen Euro Ablöse nehmen, derartige Extreme, dass dieser alte Satz nochmals eine richtig kritische Bedeutung erfährt. Wie kann ein Mensch so viel Geld Wert sein? Auch wenn er etwas unbestreitbar gut kann, wie kann das sein? Diese Summen sind unfassbar beängstigend für jeden Normalverbraucher, der ja nicht annähernd in der Lage ist, in seinem Leben auch nur einen Bruchteil, ein Mü dieser Mengen an Geld jemals zu verdienen – wenngleich man den einzelnen Sportlern die gezahlten Summen nicht vorhalten und nicht neiden kann.

Apropos. Sie lebten nach der Wende noch als Profi-Weltmeister mit Ihrer Familie in einem Plattenbau in Frankfurt/Oder. Und trotz­dem gab es auch damals schon Neider ...

Das können sie sich vorstellen! Die Wende kommt, und die ersten Einschläge der bisher völlig anderen Welt treffen ein, etwa in Form von Arbeitslosigkeit. Das hatte es zuvor nicht gegeben. Dann hieß es auf einmal, Profi-Boxer würden im Westen Millionen verdienen, ein Heidengeld. Und der Maske? Ich wohnte zwar immer noch in dem 90-Mietparteienhaus in der 15. Etage, aber unten im Hof hatte ich meinen Dreier-BMW stehen, einen roten, den mir mein Manager zur Verfügung stellte. Und da ging’s ab. Neider riefen: Ist doch irre, oder? Jetzt hat der da in der DDR trainiert und gelernt und jetzt geht er im Westen sich Geld verdienen! Der muss doch Millionär sein, schon jetzt! Na ja, der eine oder andere ist in seinen Gedanken nun mal recht kurz und äußert das auch dementsprechend. Es hat sich dann allerdings im Laufe der Zeit gelegt, die Leute haben mich und meine Familie respektiert. Und wir wissen es ja auch alle selbst: Ganz persönliche Ängste lassen manchmal Auswüchse zu, für die man sich manchmal selber schämen müsste, die aber trotzdem vielleicht auch menschlich sind. Ist doch so, oder?

Sie verdienen ihr Geld heute mit McDonalds, sind Franchisenehmer von zehn Filialen, haben 300 Angestellte. Wie kommt ein Sportler zu Fast Food? Ist das nicht ein Widerspruch?

Das ist für viele ein Widerspruch. Aber ich sage Ihnen eines: Jeden Tag Mohrrüben zu essen und seien sie noch so gesund, kann ja auch nicht dauerhaft förderlich sein. Das richtige Maß finden und halten zu können, das ist auch hier das Richtige. Im Übrigen sollten wir es uns nicht immer so leicht machen, andere dafür verantwortlich machen, was wir selbst im Zweifel tun, aber auch lassen können. Es zwingt einen ja niemand dahin. Es ist eine leckere Sache, die mit besten und sicheren Zutaten erstellt wird, was leider nicht selbstverständlich ist. Ich entscheide selbst, wie oft ich diese leckere Sache esse.

Sie mussten, wie jeder andere bei McDonalds auch, das Geschäft von der Pike auf lernen. Also brutzelte auch der Box­weltmeister Burger, frittierte Pommes, nahm Bestellungen auf.

Ja. Das hab ich zunächst in einer kleinen Stadt in Schottland gemacht, möglichst weit weg, damit mich nur ja niemand erkennt. Aber da habe ich schnell gemerkt, dass es mit der Kommunikation an der Kasse für mich ganz problematisch wird; so etwa wie im tiefsten Bayern, wenn ich hochdeutsch spreche – und die gar nicht wissen, was los ist. Also bin ich zu euch nach Österreich, nach Wien, hab bei einem deutschen Kollegen, der dort Restaurants hat, gearbeitet, das war sehr gut. Unter optisch veränderten Bedingungen kam ich da meist auch ganz entspannt durch.

Unter optisch veränderten Bedingungen?

Ich hab eine Brille aufgesetzt, die Haare anders getragen, mir einen Bart stehen lassen. Und bis auf den Chef wusste niemand, wer ich wirklich war. Manchmal kam es trotzdem vor, dass ein Kunde mich ansah, stutze und sagte: „Sie sind doch der Henry Maske!“ Ich habe in solchen Fällen gesagt: „Das hör ich öfter, alles gut“ – und bin dann schnell aus dem direkten Einzugsbereich des Geschäftes nach hinten gegangen ...

Sie haben 1999 eine Stiftung ins Leben gerufen, die gesellschaftlich benachteiligten Kindern hilft. Und wer Sie zum Thema reden hört, merkt sofort: Ihnen sind diese Kinder ein echtes Anliegen ...

Wenn man prominent ist, wird man gefragt und gebeten, mal an der Stelle und mal an der anderen Stelle zu helfen. Das war auch bei mir so. Aber irgendwann kam der Punkt, als ich mir sagte, ich würde gerne etwas Eigenes machen. Ursache war dieser Mehmet, dieser Jugendliche, der dafür gesorgt hatte, dass man – wie immer in gewissen Abständen – wieder einmal über unsere Jugend von heute diskutiert hat, die ja so gruselig, faul, verkommen und träge sei. Ich hatte zu dieser Zeit ein gutes Standing bei jungen Leuten, war ja auch noch ein paar Tage jünger, mir sind Jugendliche sehr respektvoll begegnet – auch solche, bei denen ich zuerst gedacht hatte, die seien zu cool, um auch nur in meine Richtung zu schauen. Aber es geht ja nicht nur um solche Jugendliche. Es gab und gibt ja auch viele junge Menschen, die zu Recht unseren Respekt verdient haben, und das war der Grund, warum ich das seinerzeit begonnen habe.
Kinder und Jugendliche können im Henry­-Maske-Camp Ferien machen.

Es gibt ja nach wie vor viele Kinder und Jugendliche, die nicht in den Urlaub fahren können. Bei uns haben rund 850 pro Jahr die Möglichkeit dazu, damit können auch diese Kinder, genauso wie andere am ersten Schultag erzählen, wie toll es war, was sie in Ferien erlebt haben. Ansonsten müssten sie in diesen Momenten, und die kennen wir alle, meistens draußen stehen. Aber ich erzähl Ihnen da noch eine Geschichte: Es kommen ja viele unterschiedliche Kinder zu uns, da gibt es auch welche, die eine gewisse Nähe suchen. Und da war so ein Mädel, 15 Jahre alt, die immer an meiner Seite blieb, die mich den ganzen Tag begleitet hat. Und als mein Aufenthalt endete, sah sie mich an und sagte: „Herr Maske, diese Woche war die schönste Woche meines Lebens.“ Jetzt müssen Sie wissen, dass unser Camp ganz nett ist, wenn wir schönes Wetter haben, es gibt viel Wasser, eine Menge Grün. Doch das Haupthaus mit Küche und Mensa ist sanierungsbedürftig, die Bungalows sind sanierungsbedürftig, das Camp ist schön, aber nichts Besonderes. Und sie sagt, es sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Da hab ich mir gedacht: „Mensch Mädel, was hast du doch für ein armes Leben.“ Es ist immer ein Aufwand, das notwendige Geld für die Kinder zusammen zu bekommen. Da ist man manchmal am Zweifeln und sagt sich, lass es doch einfach. Aber dann erinnere ich mich an dieses Mädchen und an andere Kinder und sage mir, nein es ist gut, dass man es macht. Auch wenn man die Welt definitiv nicht verändern kann, ist es für die paar, die es in dem Moment erreicht, immer noch mehr als weniger.

Vermissen sie heute noch den Ring, vermissen sie heute noch die Kämpfe?

Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. Was ich erlebt habe, war wunderbar, die schweren und schwierigen Zeiten waren wahrscheinlich genauso bedeutsam wie die angenehmen. Als sich meine Karriere dem Ende zuneigte, habe ich mich oft gefragt, wie kommst du hier raus, wie kommst du in die neue Welt? Dass es mir gelungen ist, darüber bin ich sehr froh. Und deswegen ist alles gut, wie es ist.
 
Vielen Dank für das Gespräch!

02.09.2017

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