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1000-jähriger Ort der Begegnung

Die jüngsten Erneuerungen in der Propstei St. Gerold zeigen, wie regionale Wertschöpfung im Tourismus funktionieren kann. Sechs Millionen Euro investierte man in die erste Etappe der Gesamtsanierung. Profitiert haben unter anderem Tischler aus dem Tal, die sich wegen des großen Auftragsvolumens kurzerhand zusammengeschlossen haben. Gemeinsam mit dem Vorarlberger Architekt Hermann Kaufmann entstanden unter anderem eine neue Küche, Gasträume, der Klosterladen sowie ein Seminarraum. Der heilige Gerold, der hier im 11. Jahrhundert als Eremit gelebt haben soll, würde staunen.

Traditionell und doch weltoffen

Dieser einzigartige Ort im UNESCO-Biosphärenpark Großes Walsertal übt seit jeher eine überregionale Anziehungskraft aus. Zurzeit sind es 10.000 Nächtigungen und 50 Seminare, die jährlich gebucht werden. Mehr als die Hälfte der Übernachtungsgäste kommt aus der Schweiz, weitere 35 Prozent aus Österreich, 15 Prozent aus Deutschland. Bei den Tagesgästen ist der Inländeranteil etwas höher.
Warum sie kommen? Das Bedürfnis, in Ruhe zu sich selbst zu finden und dabei vielleicht die Schönheiten des Lebens neu zu entdecken oder den Blick fürs Wesentliche wieder zu finden, scheint tief in uns verwurzelt zu sein. Mit diesen Sehnsüchten offen umzugehen liegt im Trend der Zeit und ist längst kein Nischenprodukt mehr. Insofern spricht aus dem Seminarprogramm von St. Gerold Weltoffenheit und Modernität: Yoga, Zen und Feldenkrais werden ebenso angeboten wie Exerzitien und Achtsamkeitsseminare. Besondere Aufmerksamkeit erhalten außerdem Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, beispielsweise im heilpädagogischen Reiten. Dazu kommen ausgewählte Konzerte und Kulturveranstaltungen.

Resonanzkörper aus heimischem Holz

Das 70-seitige Rahmenprogramm für 2017 entfaltet an diesem speziellen Ort eine besondere Wirkung. Experten der Urlaubsmarke Vorarlberg würden an dieser Stelle ins Schwärmen kommen, weil der Besucher eines Jazzkonzertes in der Propstei in Resonanz mit sich und der Natur kommt. Er nimmt sich als Teil eines größeren Ganzen wahr, quasi der Biosphäre, die ja den Raum mit Leben eines Himmelskörpers meint. Diese Erfahrung ist ihm sehr viel wert – wie auch immer, das Zusammenspiel zwischen touristischem, kulturellem und spirituellem Angebot mit der Natur hat hier eine gewisse Kraft.

Seit dem Jahr 2000 ist das Große Walsertal ein von der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) anerkanntes Biosphärenreservat. Es reiht sich damit in eine Liste von weltweiten Modellregionen für nachhaltiges Leben und Wirtschaften. In einem Biosphärenpark sollen Mensch und Natur miteinander in Wechselwirkung treten und sich positiv ergänzen. Diesen Gedanken hat die Propstei bei ihrer jüngsten Investition in die Tat umgesetzt. Beispielsweise ist der zentrale Werkstoff des Projektes heimisches Holz. Zum einen Teil Fichte, zum anderen Eschenholz. Über die Hälfte der verarbeiteten Esche stammt aus dem eigenen Propsteiwald. Das Auftragsvolumen für die Holzmöbel war für die einzelnen Tischler im Tal zu groß. Ergo haben sie sich zusammengetan und die Aufgabe gemeinsam bewältigt. So konnte auch dieser Teil der Wertschöpfung in der Region gehalten werden.

Die Tourismusstrategie in einer Kräutersalbe

St. Gerold zeigt, wie die Vorarlberger Tourismusstrategie 2020 gelebt wird. Regionalität, Gastfreundschaft, Nachhaltigkeit und Vernetzung – so die vier Säulen der Strategie – blühen an diesem Ort sozusagen gerade frisch auf. Allein ein kleiner Bummel durch den ebenfalls neu errichteten Klosterladen zeigt dies: Käse von den umliegenden Alpen, Eigenprodukte wie Kürbiskernöl, Marillen-Marmelade oder handgeschöpfte Schokolade liegen bereit. Saisonal verfügbare Kräutertinkturen, Tees, Balsam und Seifen liefern die Alchemilla-Frauen. Hinter dem lateinischen Namen des Frauenmantels (Alchemilla) steht eine Gruppe von Frauen im Biosphärenpark Großes Walsertal, die sich gemeinsam dem Thema Kräuter widmet. Diese Frauen wollen die Vielfalt der Natur- und Kulturpflanzen sichtbar machen.

In der neuen Küche werden Produkte aus dem Klostergarten, der eigenen Landwirtschaft, dem Tal sowie der Region frisch verarbeitet. Die Milch kommt vom Pächter des Propsteihofs, Bernd Pfister, der Fisch von Güfel in Meiningen, die Forellen aus dem eigenen Teich, Kräuter und Gemüse zum Teil aus dem eigenen Garten und das Brot vom Bäcker im Tal.

Serviert und gekocht wird von Mitarbeitern, die zum allergrößten Teil ebenfalls aus dem Großen Walsertal sind. Als Arbeitgeber übernehmen Tourismusbetriebe in Gebirgsregionen nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine soziale Verantwortung. Schließlich sind die Hänge im Biosphärenpark dermaßen steil, dass zwar hunderte Orchideenarten und heilsame Kräuter darauf wachsen, für einen Industriestandort sind sie jedoch kaum geeignet.

Die Vision der Vorarlberger Tourismusstrategie 2020 ist es, europaweit eine Vorreiterrolle in den Werten Regionalität, Gastfreundschaft, Nachhaltigkeit und Vernetzung zu spielen. St. Gerold leistet dabei einen wichtigen Beitrag. Geschäftsführerin Birgit Sauter-Paulitsch bringt sich im Netzwerk „Gastgeben auf Vorarlberger Art“ ein, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit den Berufskollegen des Landes auszutauschen.

01.04.2017

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Christina Meusburger

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