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Der Einfluss der Familie und des Lebensalters auf Geschlechterunterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft

Unzählige Studien zeigen, dass Frauen sich weniger gern einem Wettbewerb aussetzen als Männer. Das hat Folgen für die Berufswahl und auch für das Lebenseinkommen. Woher aber kommen diese Unterschiede und in welchem Lebensalter beginnen sie? Die Familie spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die kleine Sophia geht gerne in den Kindergarten. Mit ihren fünf Jahren ist sie schon das dritte Jahr dabei, kennt also ihre Gruppe ganz ausgezeichnet und ist mit vielen Kindern eng befreundet. Heute sind Forscher der Universität Innsbruck zu Gast, meine Habilitandin Daniela Glätzle-Rützler und ich. Sophia ist ganz aufgeregt, denn wir machen ein Spiel mit ihr und den anderen Kindern. Für uns ist es ein ökonomisches Experiment, aber für die Kinder ist es ein Spiel. Dabei sollen sie aus einer großen Anzahl von Körben jeweils alle sternförmigen Gegenstände herausnehmen und in einen Becher geben. In den Körben sind immer ganz viele verschiedene Gegenstände. Es ist also gar nicht so leicht, alle Sterne zu finden. Das Spiel dauert nur eine Minute. Je mehr Sterne ein Kind in dieser Zeit aus den Körben holt, desto mehr Geschenke kann es sich danach aus unserem Experimente-Shop aussuchen. Sophia ist sehr geschickt beim Herausfischen der Sterne, wie sich in einem Probedurchlauf zeigt, den wir mit den Kindern durchführen, damit sie die Aufgabe verstehen.

Dann erklären wir Sophia und den anderen Kindern, dass sie zwei Möglichkeiten haben, das Spiel zu spielen. Im einen Fall hängt die Anzahl der Geschenke, die sie bekommen können, ausschließlich davon ab, wie viele Sterne sie aus den Körben herauspicken. Das bedeutet, dass ihre Belohnung unabhängig von der Leistung der anderen Kinder ist. Im anderen Fall aber können sie pro Stern doppelt so viele Geschenke bekommen, wenn sie mehr Sterne finden als ein anderes Kind (das aus einer anderen Kindergartengruppe kommt). Hier hängt die Belohnung also davon ab, ob jemand besser als ein anderes Kind abschneidet. Obwohl Sophia geschickter als die meisten Burschen ist – wir haben das exakt gemessen –, entscheidet sie sich für die erste Variante ohne Wettbewerb. Und so machen es auch die meisten anderen Mädchen, während die Mehrheit der Burschen die zweite Variante mit Wettbewerb wählt, obwohl sie im Schnitt deutlich weniger Sterne sammeln als die Mädchen. Erfreulicherweise sind sowohl die Mädchen als auch die Burschen mit ihrer jeweiligen Wahl sehr zufrieden. Kein Kind gibt auf unsere Rückfrage zur Antwort, dass es doch lieber die andere Wahl getroffen hätte.

Daniela Glätzle-Rützler und ich waren erstaunt, wie früh die Unterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft zwischen Burschen und Mädchen einsetzen. In einer großen Studie mit über 1500 Burschen und Mädchen im Alter von drei bis 18 Jahren fanden wir heraus, dass schon im Kindergartenalter, also ab drei bis vier Jahren, Mädchen sehr viel häufiger als Burschen einen Wettbewerb meiden. Zahlreiche Studien belegen, dass solche Geschlechterunterschiede im Erwachsenenalter vorhanden sind, aber Daniela und ich waren die ersten, die zeigen konnten, dass sie schon im frühen Kindesalter existieren und danach praktisch nicht mehr weggehen.

Das wirft die Frage auf, woher diese Unterschiede kommen. Eine Gruppe norwegischer Ökonomen um Bertil Tungodden untersuchte, welchen Einfluss der familiäre Hintergrund auf die Wettbewerbsbereitschaft von Burschen und Mädchen hat. Dazu ließen sie eine repräsentative Gruppe von über 500 Jugendlichen im Alter von 14 bis 15 Jahren ein typisches Wettbewerbsexperiment spielen und setzten dann das Verhalten der Burschen und Mädchen mit dem Einkommen, der Ausbildung und den Wertvorstellungen der Eltern in Beziehung.

Die norwegischen Jugendlichen mussten zweistellige Zahlen addieren. Dabei konnten sie entweder eine norwegische Krone pro Rechnung verdienen, unabhängig von der Leistung anderer, oder drei norwegische Kronen pro Rechnung, wenn sie besser als der Durchschnitt aller Teilnehmer abschnitten. Tungodden und seine Kollegen fanden den üblichen Geschlechterunterschied in der Wahl der Auszahlungsform. 52 Prozent der Burschen wählten die Wettbewerbsform, aber nur 32 Prozent der Mädchen. Dann aber fanden sie heraus, dass der familiäre Hintergrund einen starken Einfluss auf diese Unterschiede hat. In Familien mit mittlerem und höherem Einkommen waren die Geschlechterunterschiede sehr stark, in Familien mit geringem Einkommen und niedriger Ausbildung der Eltern gab es hingegen keine Geschlechterunterschiede, obwohl Burschen und Mädchen aus diesen Familien deutlich weniger oft den Wettbewerb wählten. Die spannendste Einsicht kam aber, als die Gruppe um Tungodden die bessergestellten Familien näher betrachtete. Die Ausbildung und berufliche Stellung des Vaters hatte den entscheidenden Einfluss. Je höher die Ausbildung, die berufliche Stellung und das Einkommen der Väter, umso wettbewerbsfreudiger waren ihre Söhne. Väter hatten aber keinen Einfluss auf die Wettbewerbsbereitschaft ihrer Töchter. Mütter übrigens auch nicht. Deren Ausbildung und berufliche Stellung hatten weder auf das Wettbewerbsverhalten ihrer Töchter noch ihrer Söhne einen Einfluss. Diese Befunde legen den Schluss nahe, dass das Vorbild beruflich relativ erfolgreicher Väter deren Söhne zur Nachahmung veranlasst, sodass diese sehr wettbewerbsfreudig werden. Obwohl Norwegen ein sehr egalitäres Land im Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter ist, scheint das berufliche Rollenbild der Väter – die auch durch Wettbewerbsbereitschaft die Karriereleiter hinaufgeklettert sind – einen entscheidenden Einfluss auf die Geschlechterunterschiede im Wettbewerbsverhalten von Burschen und Mädchen zu haben. Dies gilt zumindest in einer Kultur, in der Männer tendenziell einen größeren Einfluss haben. In anderen Kulturen ist das anders, wie ich nächsten Monat darstellen werde.

03.02.2018

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Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

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