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Ein häufiges Wechseln des Arbeitsplatzes verringert die Chancen auf eine neue Stelle

Die durchschnittliche Verweildauer von Arbeitnehmern bei ein und demselben Unternehmen wird immer kürzer. Das heißt, dass immer mehr Menschen immer häufiger ihren Arbeitsplatz wechseln. Dabei wird Firmentreue von Arbeitgebern geschätzt, wenn sie die Lebensläufe von Stellenbewerbern beurteilen. Warum ist das so und wie wirkt sich das auf Menschen, die auf Arbeitssuche sind, aus?

Mobilität auf dem Arbeitsmarkt wird häufig als positiv wahrgenommen. Als dynamisch gilt, wer die Möglichkeiten des Arbeitsmarktes zu nutzen weiß und Erfahrungen in vielen Betrieben sammelt. Dagegen scheint Firmentreue – oftmals über Jahrzehnte hinweg – eine altmodische Einstellung zu sein, die dem modernen Arbeitsmarkt nicht mehr gerecht wird. Tatsächlich ist es für die Bereicherung des eigenen Erfahrungsschatzes nicht schlecht, wenn man auch einmal andere Arbeitsabläufe kennenlernt, andere Organisationsformen, andere Vorgesetzte und Mitarbeiter oder einfach eine andere Tätigkeit in einem anderen Unternehmen. Aus Unternehmenssicht sind aber Arbeitsplatzwechsel mit hohen Kosten verbunden. Neue Mitarbeiter müssen angelernt werden, sich in die bestehenden Strukturen nach Möglichkeit ohne Konflikte eingliedern und die Arbeitsabläufe verinnerlichen und damit zum Erfolg der jeweiligen Abteilung beitragen. Das kostet Zeit und damit Geld. Wenn es also darum geht, jemanden neu einzustellen, dann ist es für ein Unternehmen wichtig, ob sich jemand schnell in seine neue Arbeitsumgebung eingliedern und die Werte des Unternehmens übernehmen kann. Dabei spielen neben der formalen Ausbildung eines Stellenbewerbers „weiche“ Faktoren wie Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Teamfähigkeit, Loyalität und Ausdauer eine bedeutende Rolle. Diese weichen Faktoren sind aber bei der Einstellung eines neuen Mitarbeiters nur schwer mess- und überprüfbar. Eine spannende Studie aus der Schweiz zeigt nun, welche Informationen aus dem Lebenslauf eines Stellenbewerbers für Personalchefs entscheidend sind, um diese weichen Faktoren einzuschätzen: Es ist die Häufigkeit, mit der ansonsten vollkommen vergleichbare Bewerber in ihrem bisherigen Berufsleben den Arbeitgeber gewechselt haben. Zu viele Arbeitsplatzwechsel hinterlassen einen schlechten Eindruck und verringern die Chancen von Bewerbern, überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Unter der Leitung von Roberto Weber von der Universität Zürich haben die Schweizer Forscher eine Feldstudie durchgeführt, bei der sie auf über 800 offene Stellenausschreibungen in der deutschsprachigen Schweiz jeweils zwei Bewerbungen eingesandt haben. Für diese Bewerbungen kreierten sie fiktive Bewerber, die alle 26 Jahre alt waren, acht Jahre Berufserfahrung nach dem Abschluss einer kaufmännischen Schulausbildung mit sehr guten Noten hatten, mehrere (und dieselben) Fremdsprachen beherrschten und ähnliche Namen und kein ungewöhnliches Aussehen hatten. Für jede offene Stelle schickten die Forscher zwei Bewerbungen, die sich lediglich in der Anzahl der Arbeitgeber im bisherigen Berufsleben unterschieden. Im einen Fall hatte der Bewerber beziehungsweise die Bewerberin alle acht Jahre nach dem Schulabschluss beim selben Unternehmen gearbeitet, während im anderen Fall die betreffende Person im Schnitt alle zwei Jahre den Arbeitgeber gewechselt und somit in Summe vier Arbeitgeber in ihrem Lebenslauf stehen hatte. Die vier Arbeitgeber und die Tätigkeiten in den vier Firmen waren exakt vergleichbar mit dem einen Arbeitgeber, bei dem der andere Bewerber acht Jahre lang gearbeitet hatte. In einem ersten Schritt untersuchte Roberto Weber mit seinem Team dann die Frage, wie häufig die beiden verschiedenen Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurden. Bereits hier zeigten sich starke Unterschiede. Der Bewerber mit nur einem Arbeitgeber wurde im Schnitt etwa 40 Prozent häufiger eingeladen als der Bewerber mit den vier Arbeitgebern. In einem zweiten Schritt versuchten die Studienautoren dann zu ergründen, worauf diese unterschiedlichen Erfolgsquoten zurückzuführen sind. Dazu interviewten sie 83 Personalverantwortliche in Schweizer Firmen, legten ihnen jeweils zwei verschiedene Lebensläufe vor, die entweder einen oder vier Arbeitgeber anführten, und ließen die Personaler dann die jeweiligen Bewerber bewerten. Wie nicht anders zu erwarten, schnitten die Bewerber hinsichtlich der Kategorien „Fähigkeiten“ und „Ausbildung“ gleich gut ab – schließlich waren die Lebensläufe absichtlich so konstruiert, dass die beiden Bewerber diesbezüglich vollkommen vergleichbar waren. Allerdings zeigten sich stark unterschiedliche Einschätzungen vor allem bei den Faktoren „Teamfähigkeit“, „Ausdauer“ und „Zuverlässigkeit“. Bewerber mit nur einem Arbeitgeber seit ihrem Berufseinstieg vor acht Jahren wurden bei diesen Faktoren systematisch besser beurteilt. Ihnen wurde also eher zugetraut, dass sie in Teams effizient zusammenarbeiten können, dass sie geduldig und ausdauernd auf Ziele hinarbeiten können, auch wenn diese einen langen Atem erfordern, und dass sie in der Erfüllung ihrer Aufgaben zuverlässig sind. Diese Eigenschaften sind für potenzielle Arbeitgeber offensichtlich wichtig. Da diese Eigenschaften aber nicht direkt messbar sind und sich erst in der täglichen Zusammenarbeit zeigen, interpretieren Arbeitgeber die Information über die Anzahl der Arbeitsplatzwechsel als Hinweis darauf, wie gut ein Bewerber für eine offene Stelle bei diesen weichen Faktoren abschneidet. Die Fähigkeit, länger bei einem Unternehmen zu bleiben, mag manchem also zwar als altmodisch erscheinen, sie hat beim Wettbewerb um eine neue Stelle aber einen positiven Wert, der sich auszahlen kann.

04.11.2017

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Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

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