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Exportland Vorarlberg - Gegenwart und alte Zeiten

Die Wirtschafts-Standort Vorarlberg GmbH nennt Vorarlberg Exportchampion, ihren Publikationen zufolge überragt Vorarlberg, gemessen an der Exportquote pro Einwohner, selbst wirtschaftsstarke Regionen wie Baden-Württemberg und Bayern. Und selbst mit einem in unseren Breiten bekannten eidgenössischen Kanton muss der Vergleich nicht gescheut werden, wobei die Werte verblüffen: Die Exporte aus dem Kanton St. Gallen und die aus Vorarlberg beliefen sich im Vorjahr jeweils auf aufgerundete 9,5 Milliarden Euro. Höchstens marginal unterschiedlich sind also die jeweiligen Exportvolumina, verblüffend ident sind auch die Importe: Im Kanton St. Gallen betrugen sie 2016, wie auch beim Export von Franken in Euro umgerechnet, rund 7,2 Milliarden, während sich die Importe nach Vorarlberg im selben Zeitraum auf 7,1 Milliarden Euro beliefen.

Die Ausnahme in Österreich

Der Vergleich mit dem Schweizer Kanton macht sicher. Und den österreichweiten Vergleich muss Vorarlberg sowieso nicht scheuen: Vorarlberg hat, im Gegensatz zu Gesamtösterreich, eine positive Handelsbilanz und ist insgesamt das Bundesland mit der stärksten Exportorientierung. Der Exportwert pro Einwohner liegt in Vorarlberg deutlich über, der Importwert aber deutlich unter dem gesamtösterreichischen Durchschnittswert. Die Zahlen und Vergleiche belegen deutlich die Bedeutung des Wirtschaftsstandortes Vorarlberg, sie sind auch deutlicher Ausdruck der internationalen Leistungsfähigkeit der heimischen Wirtschaft. „Die Vorarlberger Exportleistungen beweisen täglich die hohe Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft“, sagt Wirtschaftskammer-Direktor Helmut Steurer. Über die Jahre hinweg steigerte die hiesige Wirtschaft ihre Ausfuhren, gewann neue Marktanteile, in allen Weltgegenden. Seit dem Jahr 2006, also innert einer Dekade, stieg der Export aus Vorarlberg um drei Milliarden Euro. 2015 wurde übrigens erstmals die Neun-Milliarden-Grenze überschritten, 2011 erstmals die Acht-Milliarden-Euro-Grenze.

Soll heißen: Es geht rasant dahin, der Trend scheint ungebrochen; seit dem Beitritt zur Europäischen Union haben sich Vorarlbergs Exporte nahezu verfünffacht. Wobei Deutschland nach wie vor mit Abstand Hauptabsatzmarkt und die Schweiz wiederum klar Zielland Nummer zwei sind; mit deutlichen Abständen folgen Italien, die USA und Frankreich.

Eine gewisse Notwendigkeit

Warum ist Vorarlbergs Wirtschaft eigentlich derart exportstark? Werfen wir an dieser Stelle doch einen Blick zurück zu den Anfängen des Exports – und zum Umstand, dass sich die hiesige Unternehmerschaft von Anfang an mehr dem süddeutschen und Ostschweizer und weniger dem restösterreichischen Markt zugewandt hatte. Ursache dafür? War auch die Geografie. Vorarlbergs Wirtschaft musste sich, um ab einer gewissen Größe überhaupt erfolgreich wirtschaften zu können, früh schon über die nationalen Grenzen hinaus entwickeln. Gerhard E. Blum, der Konzernchef, hatte in „Thema Vorarlberg“ in diesem Zusammenhang gesagt: „Bei uns waren die Grenzen immer offen. Daraus hat sich ein gewisser Spaß am Exportieren entwickelt, aber auch eine gewisse Notwendigkeit, den Schritt ins Ausland zu gehen – denn der Heimmarkt war in vielen Fällen einfach zu klein.“

Erkenntnisse, 1953 formuliert

Dass diese Erkenntnis bereits frühzeitig „common sense“ war, zeigt auch ein 1953 publiziertes – und in den Beständen der Landesbibliothek auffindbares – Büchlein zum Vorarlberger Export. Dort heißt es: „Die Nachbarschaft und die Stammesverwandtschaft mit Deutsch-Schweizern und Schwaben sowie das Bodenrelief, das gegen Osten durch Gebirge abgeschirmt ist und sich gegen Westen und Nordwesten öffnet, erklären, dass sich die Wirtschaft Vorarlbergs in enger Anlehnung an den Schweizer und süddeutschen Raum entwickelt hat, wo schon früh leistungsfähige Industrien entstanden.“ Restösterreich, auch die Bundeshauptstadt, blieben da eher außen vor, relativ groß seien doch die Entfernungen zur Versorgung des innerösterreichischen Marktes, „besonders des Verbraucherzentrums Wien“.

Eine stolze Meldung

Die ökonomische Position Vorarlbergs entspreche also weitgehend der geografischen Position: „Die Außenhandelsabhängigkeit eines Landes ist im Allgemeinen umso größer, je kleiner das Land und je höher sein Leistungsstand ist.“ Und stolz wurde vermeldet: „Es ist für ein Land mit nur 200.000 Einwohnern, deren kleine Landwirtschaft die Ernährung des Landes nur für sechs Wochen im Jahr gewährleistet, eine bedeutende Leistung, einen jährlichen Verkaufswert von industriellen Erzeugnissen in Höhe von drei Milliarden Schilling auf den Markt zu bringen und davon etwa 90 Prozent entweder im übrigen Bundesgebiet der Republik oder im Ausland abzusetzen.“ Damit ist auch quantifiziert, wie viel damals Anfang der 1950er ins Ausland exportiert worden war; und es ist auch der Kurs der folgenden Jahre und Jahrzehnte vorweggenommen.

Weltweit erfolgreich

Zwei Milliarden Menschen werden heute täglich von Rollen bewegt, die von faigle, einem Harder Familienunternehmen, gefertigt werden. Omicron electronics exportiert in mehr als 140 Länder weltweit. Die Doppelmayr/Garaventa-Gruppe, Weltmarktführer im Seilbahnbau, hat bis heute über 14.500 Seilbahnsysteme in 89 Staaten realisiert. Alpla, das Harder Familienunternehmen, sagt von sich, dass „jeder Mensch mindestens einmal täglich“ einem ihrer Produkte begegne; vorstellbar, bei insgesamt 172 Standorten, die Alpla in 45 Ländern auf vier Kontinenten betreibt. Rauch, Pfanner? Weltweit in den Sortimenten. Und wenn es bei Borussia Dortmund aktuell eher finster ausschaut, dann liegt das an den Fußballern – nicht aber an der Zumtobel Group, die ihr Know-how unter anderem auch auf der legendären Südtribüne des Dortmunder Signal Iduna Parks zum Einsatz bringt. Apropos Fußball – in den Umkleideräumen des FC Chelsea finden sich Blum-Beschläge. Der Beschlägehersteller liefert in 120 Länder, Produkte des Weltmarktführers finden sich auch in der Air Force One, dem Flugzeug des US Präsidenten.

Branchen im Wandel

Drehen wir das Rad der Zeit nochmals zurück? In einer Studie des Wirtschaftsförderungsinstituts heißt es 1964, dass „die zunehmende Exportorientierung Vorarlbergs auch damit zusammenhängt, dass verschiedene textile und nichttextile Firmen, die zunächst vorwiegend für den Inlandsmarkt tätig waren, in eine Betriebsgröße hineinwuchsen, die stärkere Exportbemühungen notwendig machte“. In diesem Jahr waren von Vor­arlberg aus Waren und Leistungen im Wert von damals 2,8 Milliarden Schilling exportiert worden, wobei 56 Prozent auf Waren, neun Prozent auf elektrischen Strom und 35 Prozent auf den – wie es damals noch nonchalant hieß – „Ausländer-Fremdenverkehr“ entfallen waren. Die besagten 56 Prozent aber bestanden zu vier Fünfteln aus Textilien und Bekleidung.

Die Textilindustrie! Jahrzehntelang hatten deren Produkte die Vorarlberger Wirtschaft und damit auch den Export dominiert. 1961 hatte Hans Huebner in einer Fachpublikation eben jene Anekdote veröffentlicht, die auch heute noch die textilen Dimensionen der damaligen Zeiten zeigen: „Als ich im April 1959 in Bangkok weilte, fragte ich einen Kaufmann, ob Vorarlberg für ihn ein Begriff sei. Da langte der gute Mann in die Lade, zog eine Statistik heraus und bewies mir, dass 28 Prozent der österreichischen Warenausfuhr nach Thailand Stickereien aus Lustenau und Altach seien.“

Vorarlberger Textilprodukte waren in der Tat der Exportschlager schlechthin; angesichts des Erfolgs gab man sich denn auch nicht sonderlich bescheiden. „Es gibt keinen Erdteil und kein noch so fernes Land, in dem man nicht auf die Frage, was Vorarlberg sei, die Antwort erhielte: Das ist das Land, aus dem die Lustenauer Stickereien kommen.“ Dieses Zitat stammt nicht aus der Werbebroschüre einer einzelnen Firma, sondern aus einem offiziellen Branchenbericht. Geliefert wurde nach Großbritannien, Australien, Holland, Belgien, Kanada und Schweden, insgesamt in über 80 Staaten.

Hauptabnehmer aber war – mit Ausnahme der EFTA-Zeit, als die Schweiz vorübergehend Handelspartner Nummer eins der Vorarlberger Unternehmer wurde – Deutschland. Das ist auch heute noch so. Nur das mit den Textilien hat sich gewandelt. Wenngleich sich der „textile“ Export- Anteil im Vorjahr auf durchaus stattliche neun Prozent der gesamten Ausfuhr belief, sind die exportstärksten Branchen längst andere geworden: Den Export dominiert heute die Warenobergruppe „Eisen und Metallwaren“ – 2016 mit einem 28-prozentigen Anteil –, gefolgt von der Kessel- und Maschinenindustrie (21 Prozent) und der Nahrungs- und Genussmittelindustrie, die ebenfalls wie die Textiler einen neunprozentigen Exportanteil verbuchen konnten.

2016 beliefen sich Vorarlberger Exporte nach Deutschland übrigens auf 2,77 Milliarden Euro. Die Zahlenreihe in der Grafik (unten) zeigt den deutlichen Trend der vergangenen Jahre. Wobei innerhalb Deutschlands wiederum Bayern der Hauptabsatzmarkt ist. 39 Milliarden Euro betragen die gesamtösterreichischen Exporte nach Deutschland, 60 Prozent davon laut Michael Scherz, dem langjährigen Wirtschaftsdelegierten in München, nach Bayern. Würden die Handelspartner nicht nur nach Staaten eingeteilt, sondern auch nach Bundesländern und Regionen, Bayern wäre Österreichs Handelspartner Nummer eins, mit weitem Abstand, gefolgt von den USA. Laut Scherz gehen 40 Prozent der Vorarlberger Exporte nach Bayern. Im Unterschied zu anderen Bundesländern ist Vorarlberg allerdings auch stark in Baden-Württemberg. Und da schließt sich der Kreis. Denn der Großteil aller europäischen Exportgeschäfte werden laut Scherz in einem Radius von nur 300 Kilometern getätigt: „Man handelt bevorzugt mit dem Nachbarn. Da hat man juristische Sicherheit, man versteht sich, hat die gleichen Systeme - und im Falle Deutschlands auch dieselbe Sprache.“ Widersprechen würde da vermutlich nur Karl Krauss. Doch auch abseits des Krausschen Bonmots, wonach sich Deutsche und Österreicher nur durch die gemeinsame Sprache unterscheiden würden, lässt sich laut Scherz auch eines sagen: „Vorarlberg ist für die Größe des Landes in deutschen Bundesländern sehr stark und gut positioniert – und genießt einen hervorragenden Ruf.“

03.12.2017

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Andreas Dünser

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