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„Man muss den Menschen die Angst nehmen“

Siegmar Thomas (52), Entwicklungsleiter bei „AlphaGate Automatisierungstechnik“, fordert in Vorarlberg mehr Mut im digitalen Bereich. „Man prescht nicht nach vorne, man überlegt tausendmal, bevor man den ersten Schritt macht“, sagt der Mathematiker und Physiker, „das mag in anderen Bereichen funktionieren, nicht aber in diesem so dynamischen Bereich.“

Welchen Ausdruck verwenden Sie in Ihrer Firma? Digitale Revolution? Transformation?

Im Endeffekt? Gar keinen. Diese Ausdrücke! Wir haben auch hier in Mitteleuropa helle Köpfe, aber das Ganze hat erst einen Hype erfahren, nachdem die deutsche Regierung den Begriff von der Industrie 4.0 geprägt hat. Es ist schade, dass nicht die Industrie oder die Wissenschaft selbst den ersten Schritt gesetzt hat; Wissenschaftler und Techniker sollten sich darüber schon Gedanken machen. Denn das Silicon Valley ist ja auch nicht entstanden, weil Politiker das so angeregt hatten. Noch etwas zur Industrie 4.0: Die Idee der Politik ist, Europa im Bereich der Produktion wieder wettbewerbsfähig zu machen. Das halte ich für einen Schwachsinn. Denn die Produktion wird immer dort stattfinden, wo die Lohnkosten günstiger sind; also sollten wir uns darauf konzentrieren, vor Ort in Bildung zu investieren, neue Technologien zu entwickeln und damit Arbeitsplätze zu schaffen und nicht darauf zu pochen: Wir wollen hier produzieren. Das bringt wenig.

Was ist Sache in Vorarlberg?

Wir haben in Vorarlberg auch helle Köpfe, haben auch gute Firmen; aber insgesamt sind wir zu spät dran, gibt es zu wenig Neues. Das ist auch eine Kritik am österreichischen System der Forschungsförderung. Wenn ein kleines Unternehmen einen Antrag auf Förderung einreicht, wird zuerst die Formalität bewertet, dann erst die Idee. Es sind derart viele Formalitäten zu berücksichtigen, dass Unternehmen, die um Förderung ansuchen wollen, eigens einen Mitarbeiter dafür abstellen müssen. Da sind wir doch am falschen Weg! Denn viele kleine und mittlere Unternehmen haben die dafür notwendige Personalkapazität nicht. Es profitieren also nur die Großen, die Kleinen bleiben auf der Strecke. Das aber ist bizarr: Denn Ideen kommen zumeist aus kleinen Unternehmen. Die Kleinen sind innovativ, und das aus einem recht einfachen Grund: Sie haben nicht so viel an bereits bestehenden Produkten, welche den Return on Investment erreichen müssen, sie können es sich leisten, Neues zu wagen, sie müssen auch neue Märkte erschließen und deswegen stetig Neues hervorbringen. Das ist der Unterschied zwischen Groß und Klein. Aber eben die Sache mit der Investition und den Förderungen …

Hält Vorarlberg einem Vergleich mit der Bodenseeregion stand?

Für Vorarlberg und für Süddeutschland gilt: Es gibt viel zu wenige Newcomer, zu wenige Start-ups, die sich in und mit diesem Bereich beschäftigen. In der Schweiz ist das anders. In St. Gallen, in Zürich tut sich da wesentlich mehr. Da gibt es die New­comer, die mit Big Data, mit Analysen und Algorithmik und auch mit Fragen der künstlichen Intelligenz experimentieren. Dort sind auch die Firmen, die die guten Leute abwerben! Bei uns versucht man – gesamthaft gesehen – dagegen eher, so wenig wie möglich neu zu machen. Man setzt auf Bewährtes und Erprobtes, was aber in diesem Bereich falsch ist.

Warum?

Weil man nur aus Fehlern lernt. Thomas Alva Edison hat nach 2000 Versuchen gesagt, jetzt kennt er 2000 Möglichkeiten, wie es nicht funktioniert. Und genau so sollte man auch als Wissenschaftler, auch als Unternehmer denken: Nicht immer nur das mögliche Versagen im Hinterkopf zu haben, nein, man muss sich trauen, muss rausgehen, muss Neues ausprobieren. Das habe ich zuletzt Studenten an der FH Dornbirn gesagt: Man muss den Menschen die Angst nehmen – die Angst zu versagen, genauso wie die Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten. Es ist bezeichnend, wie im Silicon Valley und im Gegensatz dazu in Mitteleuropa Neues entsteht. Wenn ein Start-up in unseren Breiten Kapital und Investitionen braucht, bekommt es tausend Gründe genannt, warum etwas nicht funktionieren wird – aber die zwei, drei innovativen Gründe, wegen denen man das Neue wagen sollte, die gehen unter. Vielleicht ist es aber auch die Kultur hier. Man prescht nicht nach vorne, man überlegt tausendmal, bevor man den ersten Schritt macht. Das mag in anderen Bereichen funktionieren, nicht aber in diesem so dynamischen Bereich. Vorarlbergs Unternehmen begegnen Neuem nicht aktiv genug.

Ausweg?

Es braucht neue Ideen, junge Unternehmen und die müssen auch Fuß fassen. Es gäbe gute Leute in Vorarlberg. Aber die müssen gehalten werden, die müssen gefördert werden, die müssen auch auf das vorbereitet werden, auf das es in diesem dynamischen Bereich letztendlich ankommt: Nicht zu managen, sondern Ideen zu generieren. Spinnen, im positiven Sinn. Das wird viel zu wenig gelehrt. Es braucht keine Wissensverwalter, es braucht Wissensgestalter. Und noch etwas möchte ich sagen: Neues Denken ist gefragt. Denn der digitale Wandel passiert nicht im Draht oder im Sensor, er passiert in der Gesellschaft, in den Firmen, er passiert in unserem Bewusstsein. Wir müssen anfangen, anders zu denken. Das wäre hoch an der Zeit: Vielleicht wird man ja in 50 Jahren sagen, dass das, was heute passiert, lahm war. Wirklich lahm!

Sie sprechen Bildung an ...

Aufgabe des Bildungssystems müsste sein, Kindern von früh auf die Angst vor Neuem zu nehmen und den richtigen Umgang mit Neuem zu finden: Mir ist in Österreich kein Fach bekannt, in keiner Schulform, in dem das gelehrt würde. Ein großer Fehler! Denn eines ist klar: Man wird lebenslang lernen müssen, um mit der Entwicklung in diesem technologischen Bereich Schritt halten zu können. Aber das wiederum wird auch das Interessante sein. Ich will doch nicht, wenn ich aus der Schule komme, mit dem Denken aufhören müssen. Das wäre ja auch ein Armutszeugnis.

Vielen Dank für das Gespräch!

04.03.2017

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Andreas Dünser

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