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Mit Geduld zum (Unternehmens)Erfolg

Erfolgreiches Wirtschaften braucht eine langfristige Perspektive. Das beginnt bei den Führungskräften. Warum Geduld aber nicht nur in Unternehmen wichtig ist.

Rund 500 Unternehmer sitzen in einem lichtdurchfluteten Vortragsraum im Tiroler Ort Telfs und hängen dem Vortragenden, Kurt Matzler von der Universität Innsbruck, an den Lippen. Er referiert darüber, ob Führungskräfte in Tiroler Unternehmen geduldige und selbstkontrollierte Persönlichkeiten sind. Das Publikum ist gebannt – aber warum nur? Man könnte denken, dass es spannendere Themen für Unternehmen gibt als Geduld und Selbstkontrolle. Mein Kollege berichtet von einer Untersuchung in 259 Tiroler Unternehmen aus dem Jahr 2014. Dabei wurden Eigentümer, Vorstände oder Geschäftsführer befragt, die beispielsweise angeben sollten, wie stark sie den folgenden Aussagen zustimmten.

„Ich wünschte, ich hätte mehr Selbstdisziplin.“ „Ich bin gut darin, Versuchungen zu widerstehen.“ „Ich bin gut darin, auf langfristige Ziele hinzuarbeiten.“ Die Skala der fünf Antwortmöglichkeiten reichte dabei von „Stimme sehr zu“ bis zu „Stimme nicht zu“. Neben diesen Fragen zu persönlichen Eigenschaften wurden in der Befragung auch Daten zur Innovationstätigkeit eines Unternehmens und zur Rentabilität erhoben. Ziel der Befragung war es, Zusammenhänge zwischen den persönlichen Einstellungen der obersten Führungskräfte und dem Erfolg ihres Unternehmens zu finden. Und der Forscher wurde fündig. Wie aber kommt man überhaupt auf die Idee, nach solchen Zusammenhängen zu suchen?

Bei der Veranstaltung in Telfs war auch ich einer der Vortragenden und ich referierte über mein Buch „Die Entdeckung der Geduld“. Die Befragung in den Tiroler Unternehmen war motiviert von der Kernbotschaft meiner eigenen Forschungen zum Zusammenhang zwischen Geduld und Erfolg auf individueller Ebene, also unabhängig von der Frage, was Unternehmen erfolgreich macht. Meine Kernbotschaft lautet in einem kurzen, prägnanten Satz: Geduld und Selbstkontrolle sind ungemein wichtig für die Ausbildung, den beruflichen Erfolg und die Gesundheit eines Menschen, und sie sind gleich bedeutend wie etwa der Intelligenzquotient oder der familiäre Hintergrund.

Zum ersten Mal wurden mir diese Zusammenhänge in einer Studie mit fast 700 Tiroler Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren bewusst. Die Jugendlichen mussten mehrere Entscheidungen treffen, bei denen sie zwischen einem geringeren Betrag jetzt sofort oder einem größeren Betrag in einigen Wochen wählen mussten. Beispielsweise bestand eine Wahl zwischen 10,10 Euro sofort oder 11,10 Euro in drei Wochen. Solche oder ähnliche Entscheidungssituationen werden in der Verhaltensökonomie sehr häufig verwendet, um das Ausmaß an Geduld – Verzicht auf eine frühere, aber schlechtere Option für eine bessere in der Zukunft – und Selbstkontrolle zu messen. In meiner Studie in Tirol zeigte sich, dass jene Jugendlichen, die eher bereit waren, auf einen größeren Betrag in der Zukunft zuzuwarten, bessere Schulnoten hatten, weniger auffällig in ihrem Verhalten waren (gemessen an den Verhaltensnoten), weniger wahrscheinlich rauchten oder Alkohol konsumierten und mit höherer Wahrscheinlichkeit von ihrem Taschengeld etwas zum Sparen zur Seite legten.

Andere Studien – beispielsweise aus Neuseeland, den USA oder Schweden – zeigen ähnliche Ergebnisse. Menschen mit mehr Geduld und höherer Selbstkontrolle sind im Schnitt besser ausgebildet (selbst wenn man den Intelligenzquotienten berücksichtigt), verdienen mehr Geld, sind gesünder (indem sie weniger übergewichtig sind, seltener rauchen und trinken und sich mehr bewegen) und sind sogar deutlich weniger häufig straffällig. All diese Untersuchungen – so auch meine eigenen – gehen im Kern auf Walter Mischels Marshmallow-Experimente aus den 1960er- und 1970er-Jahren zurück, die heutzutage auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind. Walter Mischel, ein Entwicklungspsychologe mit österreichischen Wurzeln, testete, mit welchen Strategien es vier- bis fünfjährigen Kindern gelingt, ungefähr zehn Minuten der Versuchung zu widerstehen, ein vor ihnen liegendes Marshmallow zu essen. Wenn sie das schafften, bekamen sie ein zweites Marshmallow. Die Hände vor das Gesicht zu schlagen oder sich durch das Singen von Kinderliedern abzulenken, waren beispielsweise zwei sehr erfolgreiche Strategien. Weltberühmt wurde Mischel aber mit dem Ergebnis, dass jene Kinder, die im Alter von vier bis fünf Jahren auf das zweite Marsh­mallow warten konnten, als Jugendliche weniger häufig Alkohol und Drogen konsumierten, weniger oft als Teenager schwanger wurden, schulisch erfolgreicher waren, höhere Bildungsabschlüsse erwarben und über ein besseres soziales Netzwerk verfügten.

Beginnend mit Walter Mischel haben zahlreiche Studien belegt, dass Selbstkontrolle – also die Fähigkeit, einer kurzfristigen Versuchung widerstehen zu können, um ein größeres Ziel in der Zukunft zu erreichen – aus individueller Sicht die Wahrscheinlichkeit erhöht, erfolgreich zu sein. Gilt dieser Zusammenhang auch in Unternehmen? Damit komme ich wieder auf die eingangs erwähnte Studie zurück. Es zeigte sich für 259 Tiroler Unternehmen, dass jene Unternehmen im Schnitt innovativer waren und eine höhere Rentabilität hatten, deren Führungskräfte sich als selbstkontrollierter und zukunftsorientierter beschrieben. Angesichts meiner eigenen Studien, der Arbeiten von Walter Mischel und vieler anderer Forschungsprojekte zum Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und Erfolg auf individueller Ebene erscheint dieses Ergebnis vollkommen plausibel. Im Kontext von Unternehmen muss jedoch in der Zukunft erst noch die Henne-oder-Ei-Frage geklärt werden. Stellen erfolgreiche Unternehmen eher Führungskräfte ein, die selbstkontrolliert und zukunftsorientiert sind, und sind sie deswegen weiterhin erfolgreich? Oder machen selbstkontrollierte und zukunftsorientierte Führungskräfte Unternehmen erfolgreicher, die bisher nicht so erfolgreich waren?

04.02.2017

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Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

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