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Von Märkten, Mäusen und Moral

Skandale wie bei der Kärntner Hypobank werfen regelmäßig die Frage auf, ob Marktwirtschaften aufgrund des Wettbewerbs moralisches Handeln unmöglich macht. Welche Antworten geben aktuelle Forschungen?

Als Wissenschaftler höre ich sehr viele Fachvorträge von Forschern aus der ganzen Welt. Normalerweise ist das Zuhören nicht mit Emotionen verbunden. Bei einem Vortrag im Herbst 2012 war das aber anders. Ich hatte Armin Falk von der Universität Bonn zu einem Vortrag nach Innsbruck eingeladen, und er berichtete über ein Forschungsprojekt über moralisches Verhalten. In einer Versuchsbedingung mussten sich die Studienteilnehmer entscheiden, ob sie auf zehn Euro verzichten wollten, um das Leben einer Maus zu retten, oder ob sie lieber die zehn Euro als Verdienst kassieren wollten, jedoch mit der Konsequenz, dass die Maus vergast wurde. Damit sich die Studienteilnehmer das Vergasen einer Maus besser vorstellen konnten, zeigte Armin Falk ein Video, das diesen Vorgang zeigte (dieses Video war natürlich nicht von ihm selbst gedreht worden). Den Film verwendete er auch bei seinem Vortrag in Innsbruck, und ich muss sagen, dass mir bei dem Anblick des sterbenden Tieres beinahe übel wurde.

In einer anderen Versuchsbedingung mussten die Studienteilnehmer nicht einzeln entscheiden, ob sie zehn Euro kassieren und den Tod einer Maus in Kauf nehmen wollten –hier gab einen Markt. Neun Verkäufer hatten jeweils eine „Maus“ (nicht wörtlich, aber ihre Entscheidungen waren für neun Mäuse wichtig). Sieben Käufer hatten keine Maus. Nun konnten beide Marktseiten Vorschläge machen, wie 20 Euro jeweils zwischen einem Verkäufer und einem Käufer aufgeteilt werden sollten. Wenn beide Seiten zustimmten, dann wurde die Maus getötet und der jeweilige Käufer beziehungsweise Verkäufer erhielt den vereinbarten Betrag. Im Schnitt konnte also jeder wieder zehn Euro bekommen, wenn beide den Tod einer Maus in Kauf nehmen würden.

Die Ergebnisse dieser Studie gingen um die Welt (und wurden im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht). Während in der zuerst beschriebenen Versuchsbedingung knapp unter 50 Prozent die zehn Euro wählten, einigten sich in der zweiten Versuchsbedingung – mit dem Markt – fast 80 Prozent auf die Verteilung der 20 Euro auf zwei Personen. Im Markt überlebten also deutlich weniger Mäuse. Märkte, so Armin Falk, unterminieren also moralisches Handeln im Vergleich zu einer Entscheidung, die allein getroffen wird.

Bevor die möglichen Ursachen und verschiedene Gegenmaßnahmen diskutiert werden sollen, ist es wichtig aufzudecken, was es mit den Mäusen wirklich auf sich hatte (damit Sie, als Leser, nicht aus Protest gleich beim Tierschutzbund anrufen). Die Mäuse stammten aus Forschungslaboratorien von Universitätskliniken. Solche Mäuse gibt es zu Millionen in Labors in der ganzen Welt. Für manche Versuche sind bestimmte Mäuse aufgrund genetischer Permutationen nicht mehr verwendbar. Da man diese Mäuse aber nicht einfach in die freie Wildbahn entlassen kann, werden sie normalerweise vergast. Armin Falk hatte nun folgendes Arrangement getroffen: Für jeden Fall, in dem ein Studienteilnehmer auf das Geld verzichtete, wurde eine Maus gerettet und nicht vergast, sondern sie wurde auf Armin Falks Kosten bis an ihr natürliches Lebensende im Labor betreut. In Wahrheit hatten die Entscheidungen der Studienteilnehmer also nicht das Vergasen von Mäusen zur Folge, sondern das Gegenteil. Das wussten die Teilnehmer aber nicht.

Zurück zur Frage, warum in der Versuchsbedingung mit dem Markt moralisches Handeln weniger ausgeprägt war als in der Einzelentscheidung. Zum einen verschwimmt auf Märkten die Verantwortung für unser Handeln. In einer Einzelentscheidung ist jeder immer selbst verantwortlich. Wenn es auf einem Markt aber Angebot und Nachfrage gibt, dann gehört immer noch ein Zweiter dazu, um einen Handel abzuschließen. Das verwässert die Verantwortung. Zum anderen scheint das Handeln auf Märkten das Bewusstsein für das gehandelte Produkt in den Hintergrund zu drängen im Vergleich zum Bestreben, einen guten Preis zu bekommen. Wenn man beispielsweise ein T-Shirt für vier Euro kauft, freuen sich viele Menschen über den supergünstigen Preis, denken aber nicht daran, dass das T-Shirt vielleicht deswegen so günstig ist, weil es mit Hilfe von Kinderarbeit billig produziert worden ist.

Bedeuten diese Erklärungen aber nicht, dass moralisches Handeln auf Märkten gestärkt werden könnte, wenn man den Käufern oder Verkäufern ihre Verantwortung bewusstmacht? Dieser Frage bin ich mit meinen Innsbrucker Kollegen Jürgen Huber, Michael Kirchler und Matthias Stefan nachgegangen. Wir ließen Studienteilnehmer in einem Markt über die Verteilung eines fixen Geldbetrags verhandeln, wie bei Armin Falk. Wenn kein Handel zustande kam, dann retteten wir aber keine Maus, sondern spendeten den fixen Betrag an das Kinderhilfswerk UNICEF für Masernimpfungen. Weltweit sterben jährlich über 100.000 Kinder an Masern; unsere Spenden ermöglichten insgesamt die Impfung von 2150 Kindern. Wenn in unserer Studie ein Handel zwischen einem Verkäufer und Käufer zustande kam, gab es aber keine Spende.

Um die Verantwortung bewusst zu machen, luden wir einen Arzt zu einem Vortrag über Masern und die Wichtigkeit von Impfungen ein und wir erinnerten jeden Käufer und Verkäufer vor dem Abschluss eines Handels an ihre Verantwortung, dass es bei einem Handel keine Spende zum Schutz von Kindern geben würde. Leider hatten beide Interventionen keinen Einfluss auf die Häufigkeit, mit der wir Impfstoffe spenden konnten. Märkte hatten also auch in unserer Studie die Tendenz – im Vergleich zu einer Einzelentscheidung –, moralisches Verhalten eher zurückzudrängen. In einer laufenden Studie untersuchen wir, ob andere Interventionsformen besser geeignet sind, moralisches Verhalten auf Märkten zu stärken. Wenn wir erfolgreich sind, können unsere Ergebnisse hoffentlich dazu beitragen, dass moralisches Verhalten im Wirtschaftsleben nicht zu kurz kommt.

04.03.2017

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Matthias Sutter

(* 7. Oktober 1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

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