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Warum ein Japaner den Wirtschaftsraum Vorarlberg erforscht

Dr. Kenji Yamamoto, Wirtschafts- und Sozialgeograf aus Japan, hat ein besonderes Forschungsinteresse an unserem Land, weil sich die heimische Wirtschaft entgegen der wissenschaftlichen Annahme auch fernab einer großen Metropole wirtschaftlich exzellent entwickelt.

Herr Yamamoto, Sie sind Wirtschafts- und Sozialgeograf an der Teikyo-Universität in Japan. Warum ist Vorarlberg für Ihre Forschung interessant?

Das Interesse an Vorarlberg wurde bei mir durch einen Blick ins Statistische Jahrbuch Österreichs geweckt: Vorarlberg liegt vergleichsweise weit weg von Wien und ist ein kleines Land mit weniger als 400.000 Einwohnern, weist aber eine sehr gute wirtschaftliche Entwicklung auf. Für die Regionalwirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsgeografie gilt, dass eine Metropolregion eine Lokomotive für die Wirtschaftsentwicklung für Nationalökonomie und Weltwirtschaft ist. Das ist so, weil Innovationen normalerweise nicht im ländlichen Raum, sondern in den Metropolregionen entstehen. Obwohl es in Vorarlberg keine Metropole oder Großstadt gibt, hat sich dieses Land seit den 1990er-Jahren unter der wirtschaftlichen Globalisierung dynamisch entwickelt.

Und wie sieht diese Entwicklung in Ihrer Heimat aus?

Japans Bevölkerung schrumpft seit etwa 2010 und die Volkswirtschaft wächst nicht so dynamisch wie bis Anfang der 1990er-Jahre. Während ein Teil der japanischen Großfirmen wie Toyota, Nissan, Hitachi und weitere in den vergangenen zehn Jahren große Gewinne erzielt habt, hat die Mehrheit der KMU unter der wirtschaftlichen Flaute gelitten, weil die inländische Nachfrage zurückgegangen ist und die großen Firmen nicht im eigenen Land, sondern außerhalb investiert haben. Untersuchungen besagen, dass die Hälfte der Gemeinden ab dem Jahr 2040 aussterben wird, weil die Fertilitätsrate seit den 1990er-Jahren sehr niedrig ist. Die Zentralregierung Japans hat viele Gemeinden durch finanzielle Anreize und administrative Vorgaben fusioniert. So hat sich die Anzahl der Gemeinden zwischen 2000 und 2010 von mehr als 3200 auf heute etwa 1700 reduziert.

Kann diese Entwicklung noch aufgehalten werden?

Man sagt oft, dass wir den ländlichen Raum retten sollen. Aber niemand weiß, wie wir das machen sollen. Im Gegensatz zu den japanischen Regionen überwand Vorarlberg die Krise der Textilindustrie in den 1980er-Jahren erfolgreich. Ich forsche in diesem Bereich, weil ich wissen will, welche Faktoren in Vorarlberg für die wirtschaftliche Revitalisierung und erfolgreiche Entwicklung verantwortlich sind.

Ein Faktor sind sicherlich die zahlreichen innovativen Unternehmen im Land ...

Ja, es ist bemerkenswert, dass sich mit dem Rückgang der Textilindustrie sehr rasch eine erfolgreiche Metall- und Maschinenindustrie entwickelt hat. Baden-Württemberg ist als Region bei Wirtschaftsgeografen international sehr bekannt, weil es dort viele Weltmarktführer und sogenannte Hidden Champions gibt. Vorarlberg hat diese Bekanntheit international noch nicht erreicht, obwohl hier eine große Ähnlichkeit gegeben ist. Der Wirtschaftsraum Vorarlberg ist geprägt von zahlreichen großen Leitbetrieben und innovativen KMU, die hier angesiedelt sind.

Sie haben während Ihres Forschungsaufenthalts 15 Betriebe der Vorarlberger Industrie besucht und zahlreiche Interviews geführt ...

Für mich war es sehr wichtig, möglichst viele verschiedene Industriebranchen zu besuchen. Dass die Umstrukturierung von der Textil- zur Metall- und Maschinenindustrie erfolgreich gelungen ist, war mir davor schon bekannt. Überraschend war für mich die Vielzahl an erfolgreichen Unternehmen auch im Elektronikbereich. Diese weisen eine hohe Ähnlichkeit zu Firmen im kalifornischen Silicon Valley auf. Es ist auch sehr bemerkenswert, dass es nicht wenige Unternehmen mit Innovationskraft in traditionellen Branchen wie Textil- und Lebensmittelindustrie gibt und dass die hiesige Wirtschaftsstruktur trotz des kleinen Landes sehr ausgewogen ist. Ich denke dabei zum Beispiel an soziale und gemeinschaftliche Einrichtungen, die den Mitarbeitern in den Firmen angeboten werden.

Was kann ein Technologieland wie Japan in diesem Zusammenhang von Vorarlberg lernen?

Wir Japaner arbeiten nach wie vor zu viel, nicht selten auf Kosten der Freizeit und der Zeit für die Familie. Ich habe bei meinem Besuch der verschiedenen Vorarlberger Unternehmen bemerkt, dass mehrere Firmen als „Familienfreundliche Betriebe“ ausgezeichnet worden sind. Unternehmen in Japan können sich bei der Familienfreundlichkeit in den Betrieben, aber auch bei der Bereitschaft der Firmen zur Ausbildung von Jugendlichen von Vorarlberg einiges abschauen.

Was ist Ihnen im Bezug auf die Ausbildung in Vorarlberg konkret aufgefallen?

Generell ist mein Eindruck hervorragend! Im Speziellen sind mir die flachen Hierarchien aufgefallen und dass es wenig Diskrepanz zwischen Führungskräften und Mitarbeitern gibt. Die duale Ausbildung kannte ich schon zuvor, interessant war, als die Vorarlberger Unternehmer berichteten, dass die Lehrabsolventen auch nach ihrer Ausbildung großteils als wertvolle Fachkräfte in den Firmen bleiben. Auch vom Angebot der Vorarlberger HTLs bin ich begeistert: Die Absolventen sind nicht nur technisch und handwerklich gut ausgebildet, sondern bringen auch wichtiges theoretisches Wissen in den natur- und technologisch-wissenschaftlichen Fächern in die Firmen ein.

Wie werden Sie die gesammelten Informationen für Ihre Forschung verwerten?

Ich habe in ganz Vorarlberg freie Interviews geführt und sehr ausführliche Antworten bekommen. Ziel ist es, meinen Fachkollegen und Studenten anhand dieses Materials darzustellen, dass Vorarlberg ein herausragender Wirtschaftsraum ist. Und mit den Beispielen der sehr erfolgreichen und innovativen Vorarlberger Unternehmen will ich zeigen, dass es auch fernab von Metropolen große Chancen gibt. Konkret werde ich einen Forschungsaufsatz auf Japanisch schreiben, aber auch ein Buch ist denkbar – dann aber auf Englisch oder Deutsch, damit meine Fachkollegen auf der ganzen Welt davon profitieren können.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur Person
Prof. Dr. Kenji Yamamoto wurde 1952 in Japan geboren und war unter anderem an der TU München als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung tätig. Durch seine Freundschaft mit dem Vorarl­berger Prof. Dr. Peter Meusburger, den er in den 1980er-Jahren an der Universität Heidelberg kennengelernt hat, bereiste und erforschte er Vorarlberg bereits drei Mal. Yamamoto ist Professor an der Teikyo-Universität in Japan.

07.10.2017

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