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Wozu finanzielle Grundbildung – financial literacy – gut ist

Wir alle haben täglich mit finanziellen Entscheidungen zu tun, die vielfach langfristige Folgen für uns haben. Trotzdem fehlt einem großen Teil unserer Bevölkerung ein ausreichendes Maß an finanzieller Grundbildung. Was bedeutet das für finanzielle Entscheidungen?

Wie würden Sie die folgenden drei Fragen beantworten?

1. Angenommen, Sie haben 100 Euro Guthaben auf Ihrem Sparkonto. Dieses Guthaben wird mit zwei Prozent pro Jahr verzinst und Sie lassen es fünf Jahre auf diesem Konto. Was meinen Sie: Wie viel Guthaben weist ihr Sparkonto nach fünf Jahren auf?
a) mehr als 102 Euro,
b) genau 102 Euro oder
c) weniger als 102 Euro?

2) Angenommen, die Verzinsung Ihres Sparkontos beträgt ein Prozent pro Jahr und die Inflationsrate beträgt zwei Prozent pro Jahr. Was glauben Sie: Werden Sie nach einem Jahr mit dem Guthaben des Sparkontos
a) genauso viel,
b) mehr oder
c) weniger
als heute kaufen können?

3) Ist die folgende Aussage richtig oder falsch: Die Anlage in einer einzelnen Aktie bietet in der Regel einen sichereren Gewinn als die Anlage in einem Aktienfonds.

Diese drei Fragen werden sehr häufig in repräsentativen Befragungen verwendet, um das Maß an finanzieller Grundbildung in verschiedenen Staaten zu erheben. Im Englischen wird dafür der Ausdruck „financial literacy“ verwendet. Die OECD bezeichnet financial literacy als essentielle Lebenskompetenz, weil sie Menschen helfen soll, finanzielle Aspekte des täglichen Lebens richtig zu beurteilen und demnach sinnvolle und informierte Konsum- und Sparentscheidungen zu treffen.

Wie aber steht es um die finanzielle Grundbildung in der Welt und in unseren Breitengraden? Während die drei eingangs gestellten Fragen relativ einfach sind – die richtigen Antworten sind a), c) und „falsch“ –, ist es erstaunlich, dass weltweit nur ungefähr ein Drittel der befragten Personen alle drei Fragen richtig beantworten kann. In hoch entwickelten Volkswirtschaften ist die Rate in der Regel etwas höher. In Deutschland etwa können 53 Prozent der Befragten jede der drei Fragen richtig beantworten. Betrachtet man jede Frage einzeln, werden die ersten beiden Fragen von jeweils etwa 80 Prozent der Befragten korrekt beantwortet, die dritte Frage aber nur von 60 Prozent. In Summe aber beantworten immerhin 47 Prozent der Deutschen mindestens eine der drei Fragen falsch oder kreuzen „Ich weiß nicht“ an. Im Schnitt machen Frauen mehr Fehler als Männer. Menschen im Alter von 36 bis 50 Jahren haben die höchste Wahrscheinlichkeit (61 Prozent), alle drei Fragen richtig zu beantworten, Personen über 65 die niedrigste (43 Prozent). Besonders stark ist der Zusammenhang von schulischer und universitärer Ausbildung und dem Grad an finanzieller Grundbildung. Während mehr als 70 Prozent der Menschen mit einem Hochschulabschluss alle drei Fragen korrekt lösen, sind es nur etwa 22 Prozent der Personen mit einem Pflichtschulabschluss.

Warum ist finanzielle Grundbildung überhaupt wichtig? Betrachten Sie zur Illustration die erste Frage, die sich auf die Wirkung von Zinseszinseffekten bezieht. Bei einem Guthaben sind Zinseszinsen – solange wir nicht von Negativzinsen sprechen – eine schöne Sache. Bei Schulden allerdings können Zinseszinseffekte sehr schnell zu höheren Belastungen führen, als der Schuldner sich das ausgemalt hat. Eine falsche Einschätzung von solchen Zinseszinseffekten – etwa bei Ratenkäufen – kann dann schnell in eine Schuldenfalle führen. Die Schuldnerberatungsstellen haben täglich mit Menschen zu tun, denen ihre Verbindlichkeiten über den Kopf wachsen. Das kommt in vielen Fällen von unüberlegten Käufen ohne finanzielles Polster, und wird noch verstärkt durch eine falsche Einschätzung darüber, wie schnell sich Verbindlichkeiten bei Rückständen erhöhen. Eine Studie aus Deutschland zeigt beispielsweise, dass Menschen mit geringer finanzieller Grundbildung – die von den eingangs gestellten Fragen maximal eine richtig beantworten konnten – in finanziell klammen Zeiten auch eher unvorteilhafte finanzielle Entscheidungen (etwa beim Auflösen von bestehenden Versicherungen) treffen als Menschen mit besserer finanzieller Grundbildung. Schlechtere finanzielle Grundbildung geht auch Hand in Hand mit der Aufnahme von teureren Krediten oder der Inanspruchnahme von hochverzinsten Überziehungsrahmen bei Konten. Es gibt auch einen klaren Zusammenhang zwischen finanzieller Grundbildung und Altersvorsorge. Studien aus verschiedenen Industriestaaten zeigen, dass Menschen mit schlechterer finanzieller Grundbildung weniger und schlechter gestreut in ihre Altersvorsorge investieren.

Angesichts der Bedeutung von finanzieller Grundbildung haben einige Staaten – allen voran die USA nach der jüngsten Finanzkrise – Bildungsprogramme zur besseren Vermittlung finanzieller Basiskompetenzen ins Leben gerufen. Die Wirkung dieser Programme, die vor allem in Schulen umgesetzt werden, ist allerdings noch nicht abschließend evaluiert worden. Insbesondere ist noch unklar, ob solche Programme langfristige Effekte haben und, falls ja, warum sie wirken. Beispielsweise wäre es möglich, dass Unterrichtseinheiten über finanzielle Grundbildung die ökonomischen Präferenzen von Schülern langfristig beeinflussen und sie beispielsweise weniger riskante Entscheidungen treffen lassen oder die Bereitschaft zu sparen erhöhen. Eines meiner laufenden Forschungsprojekte untersucht diese Vermutung und ich hoffe, in spätestens zwei Jahren darüber an dieser Stelle zu berichten.

01.04.2017

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Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

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