Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

LISA BELLER, ISTOCKPHOTO

Finanzielle Grundbildung – eine unterschätzte Art der Bildung

September 2018

Finanzielle Grundbildung hilft Menschen, finanzielle Entscheidungen des Alltags informiert zu treffen und dabei Fehler zu vermeiden. Idealerweise würde diese Grundbildung schon jungen Menschen vermittelt, aber sie kommt in Schulen vielfach zu kurz. Warum ist das problematisch und was lässt sich dagegen tun?

Stellen Sie sich vor, Sie müssten folgende Frage beantworten: „Angenommen, Sie haben 100 Euro, die Sie zu einem Zinssatz von 2 Prozent pro Jahr für die Dauer von fünf Jahren veranlagen. Welcher Betrag ergibt sich daraus nach fünf Jahren? A) Mehr als 110 Euro. B) Genau 110 Euro. C) Weniger als 110 Euro.“ Natürlich ist Antwort A) richtig aufgrund von Zinseszinseffekten. Nehmen wir an, Sie hätten noch eine Folgefrage zu beantworten: „Wenn im vorigen Beispiel eine Inflationsrate von 3 Prozent pro Jahr für die Dauer von fünf Jahren vorliegt, ist nach fünf Jahren Ihre Kaufkraft A) größer als heute, B) gleich groß wie heute oder C) kleiner als heute?“ Hier ist Antwort C) richtig, weil die Inflation größer als die Verzinsung während des Veranlagungszeitraums ist, sodass die Kaufkraft sinkt.

Beide Fragen sind mittlerweile „Klassiker“ bei der Abfrage von finanziellem Grundwissen. Obwohl sie keine höhere Finanzmathematik verlangen, beantworten nur knapp über 60 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung beide Fragen richtig. Wenn man noch eine weitere Frage hinzufügt – ob die Veranlagung eines bestimmten Betrags in mehreren Aktien weniger riskant ist als die Anlage in einer einzelnen Aktie – dann sinkt der Anteil von Personen, die alle drei Fragen richtig beantworten, schnell auf 50 Prozent oder weniger.

Aber ist diese Art von Bildung überhaupt wichtig? Die empirischen Befunde sprechen eine deutliche Sprache. Zahlreiche Studien belegen einen klaren Zusammenhang zwischen finanzieller Grundbildung und finanziellen Entscheidungen. Menschen mit geringerer finanzieller Grundbildung schließen eher teure (Konsumenten-)Kredite ab, überziehen häufiger ihre Kreditlinien, sparen weniger für ihr Alter, kündigen Versicherungen eher bei kurzfristigen Liquiditätsengpässen und wissen häufig nicht einmal, welchen effektiven Zinssatz sie für Kredite bezahlen.

Angesichts dieser Befunde ist es nicht überraschend, dass geringe finanzielle Grundbildung die Wahrscheinlichkeit erhöht, in Privatkonkurs zu gehen. Dabei sind es vermeintlich einfache Konzepte, die zumindest helfen würden, nicht in eine Schuldenfalle zu geraten; etwa das Verständnis von Risikostreuung oder von Zinseszinseffekten. Angesichts der empirischen Befunde zur Bedeutung von finanzieller Grundbildung stellt sich die Frage, wann und wo diese Form von Bildung eigentlich vermittelt wird und wie sie gegebenenfalls verbessert werden könnte. Dabei rückt die Schule in den Fokus. Im Mathematikunterricht werden selbstverständlich Zinseszinseffekte behandelt, meist aber ohne Bezug zu Fragen der Überschuldung von Jugendlichen durch Kredite für alltägliche Konsumgüter. Im Geografie- und Wirtschaftskundeunterricht hören Schülerinnen und Schüler auch häufig etwas von Inflation und Kaufkraft, aber der Bezug zur Lebensrealität ist den Schülerinnen und Schülern oft weniger klar. Kurzum: Trotz der Bedeutsamkeit finanzieller Grundbildung gibt es keinen naheliegenden Ort, wo diese vermittelt werden sollte. Dabei werden sich junge Menschen künftig eher mehr als weniger mit Themen wie Altersvorsoge und vielschichtigen Finanzprodukten auseinandersetzen müssen.

Allerdings stellt sich die Frage, wie finanzielle Grundbildung überhaupt vermittelt werden könnte und welche Auswirkungen das hätte. Um darauf eine Antwort zu finden, habe ich gemeinsam mit drei Kollegen (Michael Weyland, Manuel Froitzheim und Anna Untertrifaller) ein Forschungsprojekt mit zehn Schulen in Nordrhein-Westfalen gestartet, bei dem wir acht Unterrichtseinheiten über finanzielle Grundbildung für die Schulstufen 9 bis 11 entwickelt haben. In diesen Unterrichtseinheiten ging es beispielsweise darum, wie man eine Lohnabrechnung richtig liest, wie Zinseszinseffekte wirken oder welche kognitiven Fehler bei finanziellen Entscheidungen auftreten können. Die Vermittlung erfolgte im Rahmen des regulären Unterrichts mithilfe einer plattformunabhängigen App. Während in den Experimentalklassen solche Inhalte vermittelt wurden, gab es den üblichen Lehrstoff in Vergleichsklassen.

Vor der Intervention absolvierten die Schüler einen Test in finanzieller Grundbildung. Da bis heute nicht vollständig klar ist, warum finanzielle Grundbildung das ökonomische Entscheidungsverhalten beeinflusst, haben wir zugleich ökonomisch bedeutsame Präferenzen erfasst.

Bei der Messung von Risikopräferenzen mussten Schüler entscheiden, ob sie lieber einen sicheren Geldbetrag erhalten oder eine Lotterie spielen wollten, die entweder 10 Euro oder nichts auszahlte. Der sichere Betrag stieg von 0,50 Euro bis zu 10 Euro an. Wenn jemand den sicheren Betrag schon bei kleineren Beträgen wählte, galt er als risikoscheuer. Zeitpräferenzen wurden gemessen, indem die Schüler zwischen 10,10 Euro am jeweiligen Tag oder einem höheren Betrag (bis zu 13,90 Euro) eine Woche später wählen mussten. Wer schon bei kleineren Beträgen zuwartete, galt als geduldiger.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Schüler ihr Wissen in finanzieller Grundbildung durch unsere Intervention verbessern konnten. Bei der Messung der Zeitpräferenzen stellte sich heraus, dass sie geduldiger wurden und demnach langfristiger orientierte Entscheidungen trafen als die Vergleichsgruppe. Bei Risikopräferenzen beobachten wir, dass die Intervention zu einer leichten Zunahme von Risikoaversion führte – das heißt, die Probanden trafen insgesamt weniger risikoreiche Entscheidungen. Insgesamt bestätigt sich unsere Erwartung, dass finanzielle Grundbildung ökonomische Präferenzen verändert – und genau das, so unsere Vermutung, ist der Grund dafür, warum sich finanzielle Grundbildung vorteilhaft auf finanzielle Entscheidungen im Alltag auswirkt.

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