Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

„Nudging“ – ein neues Politikinstrument

Mai 2017

Verhaltensökonomen beraten staatliche Einrichtungen, wie menschliches Entscheidungsverhalten ohne Gesetze beeinflusst werden kann. Wie funktioniert das?

David Cameron, britischer Ex-Premierminister, wird in die Geschichtsbücher vermutlich wegen des Brexit-Referendums eingehen. Dabei war seine politische Agenda sehr viel reichhaltiger, aber nur wenige Initiativen werden der Nachwelt im Gedächtnis bleiben. Eine seiner weniger beachteten Initiativen bestand darin, dass er in seinem Kabinett eine sogenannte „Nudging-Unit“ installierte. Das war eine Gruppe von Ökonomen und Psychologen, die als „Behavioral Insights Team“ bezeichnet wurden und die sich damit beschäftigten, wie staatliche Politik ohne Änderungen von Gesetzen effizienter, ressourcenschonender und bürgerfreundlicher gemacht werden kann. „Nudging“ sollte helfen, genau diese Ziele zu erreichen. Das Wort kommt vom englischen Verb „to nudge“, das so viel wie „schubsen“ oder „anstupsen“ bedeutet. Nudging will also den Menschen einen Schubs in die richtige Richtung geben, um damit ihr Verhalten zu verändern. Zwei Beispiele sollen illustrieren, wie das funktionieren kann.

Beispiel Steuern. Praktisch alle Steuerbehörden rund um den Globus haben ein großes Interesse daran, dass ihre Bürger die fälligen Steuern vollständig und rechtzeitig bezahlen. Dafür gibt es Steuergesetze mit Vorschriften und Strafen bei Nichteinhaltung. Es ist für eine Steuerbehörde aber mit aufwendigen Kontrollkosten verbunden, wenn etwa Kleinigkeiten wie die verspätete Bezahlung von Steuerschulden verfolgt und sanktioniert werden sollen. Die britische Steuerbehörde hat deswegen Steuerzahler „genudget“. Beispielsweise hat sie in Briefen mit Steuervorschreibungen – vergleichbar mit den Einkommensteuer- oder Mehrwertsteuervorauszahlungen in Österreich – einfach folgenden Satz hinzugefügt: „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass 9 von 10 Bürgern ihre Steuervorschreibung pünktlich einzahlen.“ Dieser kurze Satz führte dazu, dass die Empfänger dieses Schreibens häufiger ihre Steuerschuld pünktlich beglichen als jene Bürger, die das standardisierte Schreiben ohne diesen Satz erhalten hatten. Warum ist das so? Der eingefügte Satz gibt erstens eine Information preis – wie viele Bürger zahlen ihre Steuern pünktlich – und zweitens appelliert er an eine soziale Norm – dass es nämlich offenbar „normal“ ist, dass man seine Steuern pünktlich bezahlt. Der Appell an die soziale Norm ist dabei der eigentliche „Nudge“. Menschen wählen nämlich häufig am liebsten jene Handlungen, die auch ein Großteil der Menschen um sie herum wählt.

Beispiel Arbeitsmarktservice. Das britische Arbeitsmarktservice stellte in mehreren Bezirken die Beratung von Arbeitslosen sehr stark um. Mit den Arbeitslosen wurde ein detaillierter Tagesablauf entworfen. Beispielsweise 7.30 Uhr: Aufstehen. 8 Uhr: Frühstücken und Zeitungs­annoncen offener Stellen lesen. 9 Uhr: Die fünf interessantesten Anzeigen genauer studieren und im Internet über die Firmen recherchieren. 10.30 Uhr: Anschreiben an die drei attraktivsten Firmen verfassen. 12 Uhr: Mittagspause. 14 Uhr: Lebenslauf überarbeiten als Beilage zu den Anschreiben, und so weiter.

Hinter dieser Art der Beratung steht ein psychologisches Konzept, das „implementation intentions“ heißt. Dabei geht es darum, dass man zur Verwirklichung seiner Absichten – hier einen neuen Job zu finden – ganz konkrete Arbeitsschritte festlegen muss, um Schritt für Schritt dem gewünschten Ziel näherzukommen. Dieses Konzept führt auch dazu, dass arbeitslose Menschen wirklich Zeit in die Arbeitssuche investieren – etwas, was überraschenderweise viele Arbeitslose in zu geringem Umfang tun, obwohl sie doch eigentlich Zeit haben sollten. Der „Nudge“ bei „implementation intentions“ besteht darin, dass die betreffenden Personen in kleinen und überschaubaren Schritten in die richtige Richtung geschubst werden und ihnen klargemacht wird, welche Schritte jeweils als Nächstes zu setzen sind. Das Programm führte dazu, dass die so beratenen Personen mit höherer Wahrscheinlichkeit und schneller einen neuen Arbeitsplatz fanden als Arbeitsuchende mit herkömmlicher Beratung.

Es gibt viele weitere Beispiele für Nudging. Etwa führen Smileys auf einer Stromrechnung – die man bekommt, wenn man weniger Energie als die vergleichbaren Haushalte im selben Bezirk verbraucht hat – zu einer Reduktion des Stromverbrauchs um etwa zwei Prozent. Der Energieverbrauch lässt sich auch senken, indem beim Duschen ein „smart shower meter“ zwischen dem Duschkopf und dem Schlauch eingebaut wird, das den aktuellen Wasserverbrauch anzeigt. Die meisten Menschen glauben, dass sie circa 20 Liter Warmwasser fürs Duschen verbrauchen. Der wahre Durchschnitt liegt aber bei etwa 50 Litern und dieser Verbrauch spielt für die Stromrechnung eine erhebliche Rolle, kann aber durch „smart shower meters“ auf rund 40 Liter reduziert werden, weil das unmittelbare Feedback über die verbrauchte Menge den unerwartet hohen Verbrauch erst transparent macht.

Nudging kann also für viele sinnvolle Zwecke eingesetzt werden, vom Staat oder auch von öffentlichen Energieversorgern. Die Maßnahmen des Nudging setzen immer bei typisch menschlichen Verhaltensmustern an – etwa dem Schielen nach der sozialen Norm. Die mit Nudging verfolgten Ziele sollten dabei aber transparent und öffentlich rechtfertigbar sein, weil andernfalls schnell der Vorwurf der Manipulation und Bevormundung aufkommt. Ein Negativbeispiel stellt dabei die Nudging-Unit im deutschen Bundeskanzleramt dar, die den irritierenden Namen „Wirksamer Regieren“ trägt und deren Mitarbeiter für Interviews zumindest bisher nicht zur Verfügung stehen. David Cameron hatte dieses mögliche Problem früh erkannt und durch aktive Aufklärung der Öffentlichkeit sein „Behavioral Insights Team“ zu einer viel beachteten und erfolgreichen Arbeitsgruppe gemacht, die mittlerweile aus dem Kabinett ausgegliedert wurde und selbständig öffentliche und private Unternehmen berät.

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