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Die Akte Glyphosat

Wenn Behörden Argumente eines mächtigen Konzerns ungeprüft übernehmen: Biochemiker und Buchautor Helmut Burtscher-Schaden berichtet, wie das weltweit meistverkaufte Pestizid in der Europäischen Union erneut zugelassen wurde – obwohl der Wirkstoff nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation „wahrscheinlich für den Menschen krebserregend“ ist.

Glyphosat ist das welt- und europaweit am häufigsten eingesetzte Pestizid. Seit über 25 Jahren ist das Unkrautvernichtungsmittel am europäischen Markt zugelassen. Der Wirkstoff wird maßgeblich in der Landwirtschaft eingesetzt. Das Pestizid wirkt systemisch, das heißt, aufgenommen über die Blätter gelangt es in alle Bestandteile der Pflanze: in Blätter, Samen und Wurzeln. Dank des flächendeckenden Einsatzes lässt sich der Wirkstoff mittlerweile im Urin nahezu aller Europäer nachweisen. Nach Ansicht vieler Experten, auch nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation, ist Glyphosat „wahrscheinlich für den Menschen krebserregend“. 

Gehen wir doch ein paar Jahre zurück in der Geschichte eines scheinbar nicht enden wollenden Skandals. Als Monsanto gemeinsam mit anderen Herstellern 2012 die erneute Zulassung des Wirkstoffs in der EU beantragen musste, sah der Konzern eigentlich einer ungewissen Zukunft entgegen: Die Kritik hatte weltweit zugenommen, eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Publikationen mit negativem Tenor war erschienen – und die Union selbst hatte sich ein neues, sehr vorsorgeorientiertes Gesetz gegeben. 

Dieses Gesetz beinhaltete zwei wesentliche Neuerungen. So musste nun, erstens und erstmals, die gesamte weltweit publizierte wissenschaftliche Literatur zum jeweils geprüften Stoff in die Bewertung einfließen. Zuvor waren Pestizide ausschließlich auf Basis der von Herstellern eingereichten Studien zugelassen worden. Und zweitens galt ab sofort: Erweist sich ein Stoff im Tierexperiment als besorgniserregend, dann war‘s das: Der Stoff darf nicht zugelassen werden, das Verfahren ist an dieser Stelle beendet. Damit schien die Sache klar. Viele unabhängige Studien hatten bereits gezeigt, dass Menschen, die mit Glyphosat arbeiten, häufiger an Lymphdrüsenkrebs erkranken, und dass das Mittel in Tierstudien DNA-schädigend und reproduktionstoxisch wirkt. Ergo konnte man erwarten, dass das Mittel nicht mehr zugelassen wird. 

Im Auftrag der Europäischen Kommission begann das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung zu prüfen – und präsentierte, eineinhalb Jahre später, im Jänner 2014 öffentlich einen Zwischenbericht. Der sämtliche Kritiker schockierte. Denn da hieß es: Der Wirkstoff sei nicht kanzerogen, nicht mutagen und nicht reproduktionstoxisch; man könne ganz sicher sein; das Institut habe Hunderte toxikologische Originalstudien und unabhängige Untersuchungen geprüft und ausgewertet. Die Oberbehörde in Brüssel folgte den Deutschen. Und die Behörden in sämtlichen EU-Staaten wiederum Brüssel. Glyphosat, so schien es, war höchstbehördlich reingewaschen. Umfangreich reingewaschen. 

Doch zwischenzeitlich hatte sich noch eine Organisation für Pestizide zu interessieren begonnen: Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation. 17 internationale hochkarätige Krebsforscher begannen in deren Auftrag, exakt dieselben Studien zu prüfen, die angeblich auch das deutsche Institut für Risikobewertung genauestens studier t hatte. Im März 2015 gab es den großen Knall. Denn was die WHO-Krebsforschungsagentur mitteilte, widersprach diametral dem Ergebnis der deutschen Behörde. Glyphosat, sagten die WHO-Forscher, sei wahrscheinlich auch für den Menschen krebserregend und DNA-schädigend, es gebe ausreichende Beweise in Tierversuchen. Insbesondere in zwei von den Herstellern eingereichten Studien fänden sich „ausreichende Beweise“ – unter anderem für Nierenund Blutgefäßtumore. 

Was wiederum die EU-Kommission auf den Plan rief. Warum sah die deutsche Behörde in exakt denselben Studien, in denen die WHO ausreichende Beweise fand, keine Beweise? Und siehe da: Bei der nochmaligen Bewertung bestätigte die Behörde sämtliche von der WHO als „statistisch signifikant“ identifizierten Tumorbefunde. Und mehr noch: Auch in den der WHO aufgrund des Firmengeheimnisses nicht zugänglichen Studien fand die Behörde weitere signifikante Zunahmen der Häufigkeit von Nieren-, Blutgefäß- und Lymphdrüsenkrebs. Nicht weniger als sieben positive Krebsbefunde hatte das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung ursprünglich in den Mausstudien „übersehen“. Und warum? Weil sie, so gaben sie später von sich aus (!) zu, darauf vertraut hatten, dass die von den Herstellern mitgelieferten statistischen Auswertungen der Studien korrekt seien. 

Gab es daraufhin Konsequenzen? Nein. Vielmehr setzte sich der Skandal fort. Die Behörde räumte in einem Ergänzungsbericht nun ein, dass die Krebseinstufung durch die WHO nachvollziehbar sei. Die Beweise für eine krebserregende Wirkung seien „schlüssig“, aber „nicht ausreichend für eine Klassifizierung“ (gemeint ist damit Klassifizierung als „möglicherweise“ oder „wahrscheinlich krebserregend“ in der EU). Und das ist eine Aussage, die in sich so widersprüchlich ist, wie sie es nur sein kann. Wenn schlüssige Beweise für eine Klassifizierung nicht ausreichen, was denn sonst? 

Auch der Umgang der Behörde mit der von unabhängigen Forschern publizierten wissenschaftlichen Literatur zum Thema Glyphosat spricht Bände. Für das Buch „Die Akte Glyphosat“ wurde erstmals Monsantos Zulassungsantrag mit dem Bewertungsbericht der Behörde verglichen. 

Im Zulassungsantrag hatte Monsanto unabhängige publizierte Studien, die DNA-schädigende und krebserregende Eigenschaften von Glyphosat fanden (über hundert!), systematisch als nicht glaubwürdig beziehungsweise nicht relevant bewertet. Und die Behörde? Sie hat Monsantos Bewertungen im „Copy & Paste“-Verfahren auf Punkt und Beistrich übernommen. Einfach abgeschrieben und als Bewertung der Behörde ausgegeben! Das EU-Pestizidgesetz hätte aber eine „unabhängige, objektive und transparente“ Bewertung verlangt. 

Die französische Tageszeitung „Le Monde“ brachte den „Copy & Paste“- Skandal im November 2017 auf dem Cover. 

Doch die europäische Behörde verteidigt ihr Vorgehen bis heute. Glyphosat ist nur eines von vielen bösen Pestiziden, die wir besser nicht hätten. Das Problem aber sind Behörden, die ihren Job nicht machen – und eine Gesellschaft, die glaubt, sie müsse mit Giften ihre Lebensmittel produzieren. Im November 2017 wurde Glyphosat für weitere fünf Jahre in der EU zugelassen. 

Der Artikel basiert auf einem Vortrag von Helmut Burtscher-Schaden (in der Stadtbücherei Bregenz-Vorkloster) und auf Burtscher-Schadens Buch „Die Akte Glyphosat“, zusammengefasst von Andreas Dünser. Weiterlesen! Helmut Burtscher-Schaden. „Die Akte Glyphosat. Wie Konzerne die Schwächen des Systems nutzen und damit unsere Gesundheit gefährden.“ Kremayr & Scheriau, Wien 2017

18.09.2018

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© ISTOCKPHOTO, MANFRED WEIS

Helmut Burtscher-Schaden

Biochemiker (*1966 in Höchst), beschäftigt sich seit 2001 bei „Global 2000“ mit den Auswirkungen von Chemikalien, insbesondere Pestiziden, auf Mensch und Umwelt.

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