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Eine reizende Pflanze: Pollenschleuder Ragweed

Tiere reisen. Sie verstecken sich in Fahrzeugen oder im Gepäck, sie kriechen in die Töpfe und Wurzelballen von Zierpflanzen, und sie mischen sich unter Futtermittel. Einer weltweiten Verfrachtung sind fast keine Grenzen gesetzt. Sagt ihnen das Klima am Bestimmungsort zu – Glück gehabt! Jetzt fehlt nur noch ein Geschlechtspartner und der erfolgreichen Etablierung steht nichts mehr im Wege. Pflanzen werden verschleppt. Als Garten- und Zierpflanzen gelangen sie an die verstecktesten Orte der Welt, an denen das Klima ihr Wachstum erlaubt. Und gar nicht so selten transportiert der Mensch pflanzliche Samen, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Lassen wir die Kirche im Dorf: Nur ein Bruchteil der gebietsfremden Arten kann sich im neuen Siedlungsgebiet langfristig behaupten. In Österreich gilt etwas mehr als ein Viertel der rund 1300 pflanzlichen Neuankömmlinge als etabliert: Sie vermehren sich eigenständig und kommen in dauerhaften Beständen vor. Die übrigen drei Viertel sind unbeständig, und ihr Vorkommen muss vom Menschen aktiv unterstützt werden. Knapp drei Prozent der Neophyten werden als naturschutzfachlich problematisch eingestuft, und ein Prozent verursacht „bedeutende wirtschaftliche Schäden“ in der Land- und Forstwirtschaft, der Gewässerinstandhaltung und im Gesundheitswesen. Uneinigkeit herrscht jedoch darüber, wie Gefährlichkeit und Auswirkungen zu bewerten sind.
Die Beifußblättrige Ambrosie (Ragweed, Beifuß-Traubenkraut; wissenschaftlich: Ambrosia artemisiifolia) ist eine dieser kontrovers diskutierten Pflanzen. Ihre Einstufung schwankt zwischen „invasiv“ (Österreich) und „potenziell invasiv“ (Deutschland). Eine EU-Verordnung verbietet seit 2011 die Einfuhr Ambrosia-haltiger Futtermittel. Aber auf der „Unionsliste“ jener Tier- und Pflanzenarten, die mit ihrer Ausbreitung Lebensräume, Arten oder Ökosysteme beeinträchtigen, ist das Beifuß-Traubenkraut nicht zu finden. Nicht Lebensräume und Ökosysteme sind durch diese Pflanze gefährdet. Der Hauptleidtagende ist der Mensch.

Die Pollen des Beifuß-Traubenkrauts gehören zu den stärksten Allergenen. Schon ab sechs Pollen pro Kubikmeter Luft reagieren empfindliche Personen allergisch. Sind bei Gräsern mehr als 50 Pollen pro Kubikmeter Luft notwendig, um von einer starken Belastung sprechen zu können, so ist diese Kategorie beim Ragweed bereits mit elf Pollen erreicht. Betroffen sind Augen und Atemwege (Heuschnupfen), doch nur in schlimmsten Fällen tritt Atemnot ein. Bei manchen Menschen kann aber der alleinige Hautkontakt allergische Reaktionen verursachen. In Ostösterreich, wo Ragweed weiter verbreitet ist, leiden (je nach Region) bis zu 20 Prozent der Allergiker unter dieser Pflanze. Und das Traubenkraut blüht spät im Jahr, von Juli bis Oktober, wenn Gräserpollen nur noch in geringen Mengen fliegen. Diese Verlängerung der Pollensaison verschärft die Situation für Allergiker.
Der importierte Populärname „Ragweed“ ist ein klarer Hinweis: Ambrosia artemisiifolia stammt ursprünglich aus Nordamerika. Von dort wurde die Pflanze nach Europa, Asien und Australien verschleppt. Der erste österreichische Fund erfolgte im Jahr 1883 in Innsbruck. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ambrosia artemisiifolia in Ostösterreich verstärkt beobachtet. Saatgutlieferungen aus den USA nach Europa sollen dafür verantwortlich sein. Eine lokale Einbürgerung konnte erstmals in den 1970er-Jahren auf Hackfruchtäckern nachgewiesen werden. Ragweed ist eine Ruderalpflanze: Es wächst bevorzugt auf vom Menschen überprägten, offenen Böden, an Bahndämmen, auf Baustellen und Schutthalden. Und es dringt in Sonnenblumenfelder, von wo aus die Samen ins Vogelfutter gelangen. Gar nicht selten wird das Beifuß-Traubenkraut daher unter Vogelfutterhäuschen gefunden. Eine neue Ausbreitungswelle bis in die frühen 2000er-Jahre folgte den Hauptverkehrsadern. Aktuell sind vor allem klimatisch warme Lagen in den östlichen und südlichen Bundesländern betroffen. Im Westen ab Salzburg und insbesondere in Vorarlberg ist das Beifuß-Traubenkraut (noch) selten zu finden. Seine künftige Ausbreitung kann aber schwer eingeschätzt werden. Die meisten bekannten Fundorte im Ländle liegen im Rheintal.

Die Beifußblättrige Ambrosie gehört zu den Korbblütlern. Von der Ähnlichkeit der geteilten Blätter mit dem Beifuß hat sie ihren Namen. Die Blätter sind kurz behaart, beidseitig grün, dreieckig bis oval im Umriss, ein- bis zweifach fiederig geteilt mit grob gezähnten Abschnitten. Der Stängel ist rötlich und im oberen Teil behaart. Die stark verzweigte Pflanze wirkt buschartig. Ambrosien können über einen Meter hoch werden. Auf ein und derselben Pflanze finden sich weibliche und männliche Blüten in getrennten Blütenständen. Die männlichen Blüten bilden aufrechte, ährige Trauben. Unter ihnen stehen die weiblichen Blütenköpfe. Ragweed wird durch den Wind bestäubt und die Pollen können über weite Strecken verweht werden. Einmal befruchtet, produziert eine Pflanze im Schnitt 3000 Samen, die mehr als zehn Jahre keimfähig bleiben. Dank ihrer Dornen haften die hirsegroßen Körner leicht in Reifenprofilen und Mähwerken. Damit die Samen im Frühjahr keimen, ist die Kälte des Winters notwendig.

Ambrosia artemisiifolia ist eine einjährige Pflanze. Für die Bekämpfung im Hausgarten reicht es, das Kraut noch vor der Blüte samt seiner Wurzel auszureißen. Wegen der Gefahr von Kontaktallergien sollten dabei Handschuhe getragen werden. Sind bereits Pollen vorhanden, so ist es auch ratsam, Schutzbrille und Staubmaske zu verwenden. Später im Jahr gilt es, die Verbreitung der Samen zu verhindern. Auf dem Kompost hat die Pflanze allerdings nichts verloren. Das Sinnvollste ist, sie im geschlossenen Kunststoffsack mit dem Restmüll zu entsorgen.

08.10.2018

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Die Beifußblättrige Ambrosie (Ragweed, Beifuß-Traubenkraut; wissenschaftlich: Ambrosia artemisiifolia)  © Fotos: istockphoto, beigestellt

J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiärbecken. Seit 1993 Museumskurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn.

(Foto: © J. Georg Friebe)

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