Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Ausdauer und Durchhaltevermögen in einem anstrengenden Beruf

November 2018

Obwohl die Häufigkeit, mit der Arbeitgeber gewechselt werden, in den letzten Jahrzehnten tendenziell zugenommen hat, sind allzu viele schnelle Wechsel problematisch. Woran erkennt man aber,
ob jemand länger in einem anstrengenden Umfeld durchhält? Ein Blick in die Welt der Fernfahrer.

Der Beruf des Fernfahrers mag für manche Menschen – vor allem Männer – sehr attraktiv wirken, weil man dabei in die verschiedensten Ecken des Kontinents kommen kann. Als ich vor einigen Jahren vom Europäischen Hochschulinstitut in Florenz an die Universität Köln wechselte und meine Möbel mit einer Spedition von Florenz nach Köln liefern ließ, berichtete mir der Lkw-Fahrer ganz begeistert, dass er durch seinen Beruf schon von Südportugal bis Nordnorwegen gekommen war und dass er es großartig finde, die entferntesten Gegenden Europas sehen zu können. Abgesehen von diesem Aspekt ist dieser Beruf aber auch sehr anstrengend, gekennzeichnet von hartem Wettbewerb, sehr engen Lieferterminen, knappen Ruhezeiten und wenig attraktiven (und familienunfreundlichen) Wochenenden auf Autobahnraststätten mit Übernachtung in der Fahrerkoje. Nicht zufällig berichtete mir der Fahrer der Spedition, dass er schon lange mit anhaltenden Bandscheibenproblemen zu kämpfen hätte. Trotzdem war er schon seit 30 Jahren im Geschäft. Was zeichnete ihn gegenüber jenen seiner Kollegen aus, die viel schneller das Handtuch warfen?
Lorenz Götte von der Universität Bonn ging mit amerikanischen Kollegen dieser Frage systematischer nach. Dazu hatten die Autoren die Gelegenheit, eine Studie mit 1066 Fernfahrern als Versuchspersonen zu machen. Diese waren Trainees einer großen amerikanischen Spedition. Das heißt, diese Trainees wurden durch erfahrene Fahrer und durch Schulungen in ihre Aufgaben eingeführt und übernahmen bereits während der Ausbildung Aufträge für die Firma. Die Firma übernahm grundsätzlich die Ausbildungskosten in Höhe von circa 5000 bis 10.000 Dollar pro Trainee. Sollte ein Trainee die Firma jedoch vor Ablauf von zwölf Monaten verlassen, sah der Ausbildungsvertrag die Rückzahlung der gesamten Ausbildungskosten durch den Trainee vor.

Lorenz Götte und seine Kollegen konnten während zweier Ausbildungswochen ökonomische Experimente mit den 1066 Trainees machen. Bei diesen Experimenten konnten die Trainees immer zwischen zwei Optionen wählen. In der einen Option bekamen sie jeweils einen Betrag zwischen 45 und 75 Dollar sofort. In der anderen Option konnten sie 80 Dollar erhalten, allerdings erst später, nämlich entweder am nächsten Tag, in vier Tagen oder in vier Wochen. Anhand ihrer Entscheidungen zwischen einem kleineren, aber sofortigen Gewinn und einem größerem, aber späteren Gewinn wurden die Trainees eingestuft als mehr oder weniger geduldig (im Rahmen von finanziellen Entscheidungen).
Die Speditionsfirma stellte für die Studie die Personaldaten für jeden beteiligten Fernfahrer zur Verfügung und Götte und seine Kollegen konnten dann die experimentellen Entscheidungen – als Maß für Geduld – mit den Personaldaten in Verbindung setzen. Der Anreiz für die Firma zur Teilnahme an der Studie bestand darin, mehr über die Faktoren zu erfahren, die einen Einfluss auf die Verweildauer eines Trainees im Unternehmen haben – sowohl während der Ausbildungszeit als auch danach. Eine längere Verweildauer ist nämlich für die Firma mit größeren Profiten verbunden, weil die anfänglichen Ausbildungskosten erst durch einen längeren Verbleib eines Trainees zu Gewinnen führen. Aus den Personaldaten konnten die Studienautoren also erfahren, ob ein Fahrer die Ausbildung abschloss beziehungsweise wann er sie vorzeitig abbrach. Im Falle des Abschlusses der Ausbildung wurde bekannt gegeben, ob jemand von der Firma übernommen wurde oder nicht. Während die Firma fertig ausgebildete Fahrer grundsätzlich übernahm (und nicht etwa aus konjunkturellen Gründen aufgrund zu geringer Aufträge nicht übernehmen konnte), wurden Fahrer mit disziplinären Problemen nicht übernommen. Für jene Fahrer, die in ein Beschäftigungsverhältnis übernommen wurden, erfuhren die Studienautoren auch, wie lange der Fahrer in der Firma blieb beziehungsweise ob er bei der Beendigung der Studie noch in der Firma arbeitete.

Trainees, die in dem ökonomischen Experiment als geduldiger eingestuft wurden, indem sie häufiger den größeren, aber späteren Betrag wählten, brachen mit geringerer Wahrscheinlichkeit ihre Ausbildung ab und wurden mit höherer Wahrscheinlichkeit nach der Traineephase in ein Beschäftigungsverhältnis übernommen. Darüber hinaus verblieben Fahrer mit stärker zukunftsorientierten Entscheidungen (die also häufiger die 80 Dollar in der Zukunft wählten) länger in dem betreffenden Unternehmen nach der Übernahme in eine unbefristete Stelle. Insgesamt blieb weniger als die Hälfte der Fahrer ein Jahr oder länger, was die ausreichende Frist war, um die Ausbildungskosten nicht mehr zurückzahlen zu müssen. Jene, die diese Frist im Unternehmen erreichten, waren im Schnitt deutlich geduldiger in ihren Experimententscheidungen als jene, die den Vertrag vorzeitig kündigten und deshalb die vollen Ausbildungskosten zu erstatten hatten. Für jene Fernfahrer mit den „geduldigeren“ Experimententscheidungen zahlte sich das längere Durchhalten im Beruf finanziell also aus, da sie die Ausbildungskosten nicht mehr zurückzahlen mussten. Jene ungeduldigeren Fernfahrer aber, die die Firma verließen, mussten sich eine neue Arbeit suchen. Warum Geduld bei diesem Suchprozess wiederum von entscheidender Bedeutung ist, hatte ich vorigen Monat an dieser Stelle beschrieben.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.