Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Geduld hilft beim Finden eines neuen Jobs

November 2018

Lange Unterbrechungen in der Erwerbstätigkeit – mit anderen Worten Langzeitarbeitslosigkeit – machen einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt unwahrscheinlicher. Es ist also wichtig, nach dem Verlust einer Stelle schnell wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Welche Rolle spielt dabei Geduld?

Sich beim Arbeitsamt in die Schlange der Arbeitslosen einzureihen und nach einer neuen Arbeitsstelle zu suchen, ist ein sehr unangenehmes Erlebnis. Zu Beginn meiner akademischen Karriere haben die Sparpakete der österreichischen Bundesregierung in den 1990er-Jahren dazu geführt, dass alle offenen Stellen im universitären Bereich gesperrt wurden und ich auch zweimal beim Arbeitsamt vorstellig werden musste, zum Glück nur für sehr kurze Zeit. Tatsächlich zeigen Arbeitsmarktstatistiken, dass Menschen mit höherer Ausbildung schneller wieder eine Arbeitsstelle finden, was längere Unterbrechungen der Berufstätigkeit seltener macht. Ein anderer wichtiger Faktor für einen schnelleren Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ist häufig ein relativ höheres Gehalt vor der Arbeitslosigkeit. Das ist nicht nur so, weil ein höheres Gehalt häufig mit höherer Ausbildung einhergeht, sondern auch, weil ein höheres Gehalt häufig mit Führungsfunktionen und damit mehr Management-Erfahrung verbunden ist. Das macht einen Arbeitssuchenden für den Arbeitsmarkt attraktiver. Es gibt aber auch persönliche Eigenschaften, die beim Übergang von der Arbeitslosigkeit zurück in den Arbeitsmarkt bedeutsam sind. Eine dieser Eigenschaften ist Geduld beziehungsweise die Fähigkeit, auf ein Ziel hinzuarbeiten und dabei anfallende Mühen durchzustehen. Jedoch ist die Bedeutung von Geduld beziehungsweise Ungeduld bei diesem Prozess nicht von vornherein klar. Zum einen kann Ungeduld den Aufwand bei der Suche nach einer neuen Stelle reduzieren, weil der Suchprozess mit Mühen und Aufwand verbunden ist. Das verursacht Kosten beziehungsweise Anstrengungen, die sich, wenn überhaupt, erst langfristig auszahlen. Genau so lässt sich aber Ungeduld interpretieren: als Vermeiden von kurzfristigen Kosten der Suche, obwohl die Suche langfristig einen größeren Nutzen stiften würde, weil sie die Wahrscheinlichkeit erhöht, ein Angebot für eine neue Stelle zu erhalten. Wenn also ungeduldige Menschen weniger in die Arbeitsplatzsuche investieren, dann bekommen sie weniger neue Angebote, was die Dauer der Arbeitslosigkeit verlängern kann. Zum anderen aber kann Ungeduld dazu führen, dass im Falle eines Angebots auch schlechte Bedingungen, vor allem geringere Gehälter, schneller akzeptiert werden. Das ist deswegen der Fall, weil ein ungeduldiger Mensch lieber einen kleineren Betrag sofort nimmt als einen größeren Betrag erst in der Zukunft, also nach weiterem Suchen und den damit verbundenen Kosten und Anstrengungen. Diese Wirkung von Ungeduld macht die Annahme schlechterer Arbeitsbedingungen und damit von geringeren Löhnen wahrscheinlicher und das würde dann die Dauer der Arbeitslosigkeit verringern.

Welcher Effekt von Ungeduld überwiegt letztlich? Stefano della Vigna von der Universität Kalifornien in Berkeley und Daniele Paserman von der Hebrew Universität Jerusalem untersuchten den Zusammenhang zwischen der Dauer der Arbeitslosigkeit und der Geduld eines Arbeitslosen. Die Ungeduld von (amerikanischen) Arbeitnehmern stuften sie anhand von Informationen aus Fragebögen ein. Eine wichtige Information dabei war, ob jemand Raucher war. Eine solche Person wurde als tendenziell ungeduldiger als ein Nichtraucher eingeschätzt. Tatsächlich gibt es zahlreiche Belege für eine größere Ungeduld von Rauchern beim Abwägen von Gegenwart und Zukunft. Weiters hatten della Vigna und Paserman Daten über die Höhe der Ersparnisse einer Person. Ersparnisse zu haben – und keine Schulden –, wurde als weiterer Indikator für Geduld herangezogen. Sparen schränkt den unmittelbaren Konsum ein, ermöglicht aber in der Zukunft mehr Konsum. Darum deutet das Vorliegen von Ersparnissen auf ein höheres Maß an Geduld hin. Neben den Informationen über das Rauchen oder das Vorliegen von Ersparnissen verwendeten die Autoren eine Reihe weiterer Indikatoren – etwa den Abschluss einer Lebensversicherung oder auch die Einschätzung des Interviewers während der Befragung der arbeitslosen Personen. Alle diese Indikatoren hängen eng miteinander zusammen und wurden von della Vigna und Paserman zu einem Maß für den Grad an Geduld einer einzelnen Person zusammengefasst. Dieses Maß wurde dann mit den Arbeitsmarktdaten über die betreffende Person in Beziehung gesetzt. Die Studienergebnisse zeigen eindeutig, dass die erste oben skizzierte Auswirkung von Ungeduld auf die Wahrscheinlichkeit, eine neue Arbeitsstelle zu finden, stärker als die zweite Auswirkung ist. Mit anderen Worten: Ungeduldigere Menschen finden weniger schnell einen neuen Arbeitsplatz. Das liegt vor allem daran, dass die Investitionen in die Arbeitsplatzsuche geringer sind, häufig sogar in der Größenordnung von nur einigen wenigen Stunden pro Woche – und das trotz Arbeitslosigkeit. Diese geringe Anzahl an Stunden könnte etwa dadurch erklärt werden, dass ungeduldigere Menschen sich bei der Arbeitsplatzsuche schneller entmutigen lassen, weil es ihnen schwerer fällt, negative Rückmeldungen auf Bewerbungen wegzustecken und sich dem Risiko einer weiteren Absage auszusetzen. Damit eröffnet sich aber ein Teufelskreis. Menschen mit weniger Geduld halten häufig weniger lang in einem Beruf und an einer bestimmten Arbeitsstelle durch, finden aber im Fall von Arbeitslosigkeit weniger schnell wieder einen Arbeitsplatz. Das kann zu Langzeitarbeitslosigkeit und damit zu einem Herausfallen aus dem normalen Arbeitsmarkt führen. Es ist deshalb wichtig, im Suchprozess geduldig zu bleiben und Ausdauer bei den Bewerbungen zu verfolgen.

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