Sie sind hier

Hat die Finanzbranche ein Vertrauensproblem aufgrund der Menschen, die dort arbeiten wollen?

Peter, ein Wirtschaftsstudent an der Universität Frankfurt im letzten Semester seines Bachelorstudiums, nimmt an einer experimentellen Studie teil, in der es um die Messung von Vertrauenswürdigkeit geht. Die Regeln des Experiments sehen so aus: Zuerst bekommt eine erste Person eine Ausstattung von acht Euro. Diese Person muss dann entscheiden, ob sie von den acht Euro etwas an eine zweite Person abgeben möchte. Der abgegebene Betrag wird verdreifacht. Dann kann die zweite Person vom verdreifachten Betrag wieder etwas zurückschicken, was allerdings nicht mehr verdreifacht wird. Peter ist in der Rolle der zweiten Person. Er hat von der ersten Person 24 Euro bekommen, was bedeutet, dass die erste Person ihre acht Euro abgegeben hat. Jetzt überlegt Peter, ob er das Vertrauen der ersten Person belohnen soll und einen großen Teil der 24 Euro wieder zurückschickt – oder ob er lieber an seine eigene Geldbörse denkt und alles oder fast alles für sich behält. Es geht also um Peters Vertrauenswürdigkeit. Nachdem Peter entschieden hat, beantwortet er noch einige Fragen zu seinem Lebenslauf, etwa welche Praktika er im Laufe des Studiums absolviert hat und in welcher Branche er nach seinem Studium arbeiten möchte.

Peter ist einer von 268 Studierenden, die an dieser Studie teilnahmen. Gemeinsam mit meinen Koautoren Andrej Gill, Matthias Heinz und Heiner Schumacher bin ich dabei der Frage nachgegangen, ob Studierende, die in der Finanzbranche arbeiten wollen, sich von anderen Studierenden unterschieden im Hinblick auf ihre Vertrauenswürdigkeit. Ungefähr ein Drittel der wirtschaftswissenschaftlichen Absolventen der Universität Frankfurt gehen nach ihrem Studienabschluss in die Finanzbranche, was in der Finanzmetropole Frankfurt am Main keine große Überraschung ist. Angesichts der Finanzkrise und der dubiosen Geschäftspraktiken vieler Banken in der Krise hat die Finanzbranche aber ein massives Image- und Vertrauensproblem. Im letzten Monat habe ich beschrieben, wie die Unternehmenskultur in der Finanzbranche unmoralisches Verhalten fördern kann. In diesem Kapitel geht es nun darum, ob einfach weniger vertrauenswürdige Menschen in der Finanzbranche arbeiten wollen. Dann wären die Vertrauensprobleme der Branche zu einem guten Teil auf eine negative Selbstselektion zurückzuführen.

In der Finanzbranche spielt die Vertrauenswürdigkeit der Berater eine entscheidende Rolle. Das liegt daran, dass die Kunden dieser Branche – von „kleinen“ Sparern bis zu Unternehmen, die ihre Investitionen finanzieren müssen – in der Regel deutlich weniger Bescheid wissen über optimale Anlagestrategien als die Experten in der Finanzbranche. Das führt dazu, dass die Kunden in einem hohen Maß von der Vertrauenswürdigkeit ihrer Berater abhängig sind.

Das eingangs beschriebene Experiment ist bereits in den 1990er-Jahren in seinen Grundzügen entwickelt worden, um Vertrauenswürdigkeit zu messen. Wir haben es für unsere Studie mit den Frankfurter Studierenden eingesetzt. Dazu unterteilten wir unsere Teilnehmer in jene Gruppe, die ein hohes Interesse hatte, direkt nach Studienabschluss in der Finanzbranche zu arbeiten, und in eine zweite Gruppe, die gar kein oder lediglich geringes Interesse daran hatte. Dabei zeigte sich, dass Teilnehmer mit einem hohen Interesse an der Finanzbranche im Schnitt 25 Prozent weniger Geld zurückschickten in der Rolle von Peter als jene Teilnehmer, die nicht in der Finanzbranche beschäftigt sein wollten.
Weil wir im Experiment nur nach dem Interesse an verschiedenen Branchen fragten, wollten wir zur Sicherheit auch prüfen, ob Teilnehmer, die schon einmal ein Praktikum in der Finanzbranche gemacht hatten, weniger vertrauenswürdig im Experiment waren als jene, die noch nie in der Finanzbranche gearbeitet hatten. Dabei zeigte sich exakt das gleiche Ergebnis. Teilnehmer mit Berufserfahrung in der Finanzbranche schickten 25 Prozent weniger Geld zurück.

Diese Unterschiede legen eine systematische Selbstselektion von Studierenden in die Finanzbranche nahe. Das wurde auch in einer zweiten Studie bestätigt, in der wir fanden, dass Studierende mit einem hohen Interesse an der Finanzbranche in einem Kooperationsexperiment weniger kooperativ und stärker egoistisch handelten. Wie eine weitere Studie zeigte, ist ein solches Verhalten von Leuten, die sich für die Finanzbranche interessieren, für andere Menschen nicht überraschend. Wir fragten andere Studierende in Frankfurt, wie viel Geld sie in der Rolle der ersten Person (mit acht Euro Ausstattung) im eingangs beschriebenen Experiment an Personen schicken möchten, die ein hohes Interesse an der Finanzbranche haben, im Vergleich zu Personen, die kein oder nur geringes Interesse haben. Es zeigte sich, dass an Personen mit einem hohen Interesse an der Finanzbranche fast zehn Prozent weniger Geld geschickt wird. Das Vertrauen in diese Personen ist also spürbar geringer – was angesichts deren geringerer Vertrauenswürdigkeit fast naheliegend ist.

Wie Interviews mit Personalverantwortlichen in der Finanzbranche zeigen, spielen für Einstellungszusagen analytische Fähigkeiten eine herausragende Rolle. Kooperation und Vertrauenswürdigkeit spielen hingegen praktisch überhaupt keine Rolle. Da ist es nicht wirklich überraschend, dass die Branche ein Vertrauensproblem hat. Neben einer Änderung der Unternehmenskultur – hin zu mehr moralischer Verantwortung – sollte auch die Rekrutierung der Mitarbeiter überdacht werden.

05.05.2018

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?: 
gar nicht gut
sehr gut

Neuen Kommentar schreiben

To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserbrief

Wir wollen Ihren Standpunkt wissen. Diskutieren Sie mit, schreiben Sie uns.

Unsere Leser finden diesen Artikel

sehr gut
gar nicht gut
4
sehr gut

Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

19.08.2018
15° / 30°
So, 19.08.2018 Vorarlberg
  • 20.08.2018
    Mo
    18°
    30°
  • 21.08.2018
    Di
    18°
    31°
  • 22.08.2018
    Mi
    17°
    30°
  • 23.08.2018
    Do
    16°
    30°
  • 24.08.2018
    Fr
    17°
    30°
Hier alle Ausgaben als E-Paper online lesen.