Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Homeoffice, Arbeitsproduktivität und Zufriedenheit – Und warum das Ganze doch einen überraschenden Haken hat

Oktober 2019

In Deutschland wird über ein Recht auf Homeoffice diskutiert, auf Basis dessen Arbeitnehmer einen Teil ihrer Arbeit zu Hause erledigen dürften. Für die einen soll das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern und die Work-Life-Balance verbessern, die anderen sehen darin eine neue Form von Ausbeutung. Der Diskussion täten Fakten gut, welchen kausalen Einfluss Homeoffice auf die Arbeitsproduktivität und Arbeitszufriedenheit hat. Die Evidenz dazu ist jedoch spärlich, zeigt aber ein Problem auf.

Brian arbeitet an einer deutschen Forschungsinstitution. Dort ist er für das Erstellen von Forschungs- und Jahresberichten und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Weil er studierter Übersetzer vom Englischen ins Deutsche und umgekehrt ist, übernimmt er relativ häufig auch Übersetzungstätigkeiten für die Wissenschaftler am Institut, indem er entweder deren deutsche oder englische Texte in die jeweils andere Sprache übersetzt oder Texte in der entsprechenden Sprache redigiert und sprachlich verbessert. Brians Dienste werden sehr hoch geschätzt, weil er jeden Text besser und damit leichter publizierbar macht. Während er von Montag bis Donnerstag immer mit guter Laune ins Büro kommt, ist er am Freitag nie zu sehen. Da hat Brian auf seinen Wunsch hin die Erlaubnis bekommen, von zu Hause aus zu arbeiten. Er sagt, er kann sich dort besser konzentrieren beim Übersetzen komplizierter Texte. Brians Vorgesetzte Heidi war anfänglich skeptisch, ob Homeoffice funktionieren und nicht etwa zu geringerer Arbeitsleistung führen würde, wollte Brian aber aufgrund seiner bislang guten Arbeit einen Vertrauensvorschuss und damit die Möglichkeit für’s Homeoffice geben. Bisher ist Heidi mit dem Arrangement zufrieden. Sie ist aber skeptisch, ob der aktuelle Einzelfall auf alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfolgreich übertragbar ist, wenn eine Gesetzesnovelle jedem ein verbrieftes Recht auf Homeoffice einräumt. Werden dann nicht weniger motivierte Mitarbeiter während des Homeoffice die Füße hochlegen und sich weniger anstrengen?
Weltweit ist Homeoffice auf dem Vormarsch. In den USA etwa hat sich der Anteil von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die einen Teil ihrer Arbeitszeit zuhause leisten können, in den letzten 30 bis 40 Jahren etwa verfünffacht. In Deutschland und Österreich sollen rund 50 Prozent der Arbeitnehmer regelmäßig, wenn auch meist nur einen Tag pro Woche, von zu Hause aus arbeiten. Aufgrund der weiter zunehmenden Digitalisierung spielt der Arbeitsort tatsächlich immer häufiger eine untergeordnete Rolle, und es ist zu erwarten, dass auch in den kommenden Jahren Homeoffice weiter zunehmen wird. Aus Umweltschutzgründen gilt diese Entwicklung als willkommen, weil dadurch weniger Pendelverkehr zwischen Heim und Arbeitsstätte anfallen wird. Aus Sicht der Arbeitnehmer kann Homeoffice die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und damit die Work-Life-Balance verbessern. Für die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber kann Homeoffice den Bedarf an Büroflächen und damit Kosten einsparen. Jedoch wird Homeoffice häufig mit einer geringeren Arbeitsleistung zu Hause assoziiert. Arbeitnehmerinteressensverbände sehen auch die Gefahr einer Vereinsamung von Mitarbeitern, wenn sie zu viel von zu Hause aus arbeiten. Je nachdem, welche Effekte überwiegen, mag Homeoffice positiv oder negativ beurteilt werden, mal von der einen (Arbeitgeber-)Seite, mal von der anderen (Arbeitnehmer-)Seite.
Eines der Probleme hinsichtlich der Bewertung von Homeoffice besteht aber darin, dass es kaum methodisch einwandfreie Evidenz über die kausalen Wirkungen von Homeoffice gibt. Das liegt daran, weil fast alle Studien an einem Selektionsproblem leiden. Das bedeutet, Menschen, die von sich aus um Homeoffice bitten und die Möglichkeit dazu nutzen, sind andere, als jene, die das nicht tun. Im Idealfall würde man also Personen, die alle gerne Homeoffice machen möchten, zufällig entweder Homeoffice erlauben oder sie weiter zwingen, in der Firma im Büro zu arbeiten. Damit würde das Selektionsproblem entfallen und die kausalen Wirkungen von Homeoffice wären messbar, wenn die Tätigkeit, die man entweder im Büro oder zuhause ausführt, auch wirklich identisch wären.
Eine Studie von Nicholas Bloom von der Stanford University erfüllt diese Bedingungen. Etwa 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Shanghai-Filiale des größten chinesischen Online-Reisebüros CTrip konnten wählen, ob sie an vier Tagen pro Woche Homeoffice machen wollten. Von den 500 Interessenten erhielt die Hälfte zufällig die Erlaubnis dazu – und musste dann wirklich für neun Monate an vier von fünf Tagen von zuhause aus arbeiten – während die andere Hälfte weiter jeden Tag ins Büro kommen musste. Die Arbeit war für beide Gruppen identisch, nämlich das Entgegennehmen von Telefonaten in einem Reisebüro und die Buchung von Individual-, Pauschal- und Geschäftsreisen. Die Bezahlung und sogar die Arbeitszeiten blieben für beide Gruppen gleich, lediglich der Arbeitsort unterschied sich.
Während der neun Monate erhöhte sich die Arbeitsproduktivität durch Homeoffice um 13 Prozent, was zum überwiegenden Teil durch weniger Pausen während des Homeoffice und zu einem geringeren Teil durch mehr bearbeitete Anrufe pro Schicht zustande kam. Die Arbeitszufriedenheit der Personen im Homeoffice war ebenfalls höher, und die Verweildauer in der Firma war deutlich länger. Jedoch hatte das Homeoffice einen gravierenden Nachteil, da Beförderungen (etwa zum Teamleiter) deutlich häufiger an die Mitarbeiter im Firmenbüro gingen. Geringere Aufstiegschancen waren demnach eine (nicht zu unterschätzende) Nebenwirkung der Tätigkeit im Homeoffice. Netzwerkpflege für Beförderungen ist eben im Büro viel einfacher als von zu Hause aus. Aus Sicht des Unternehmens jedoch zahlte sich Homeoffice durch die hohen Produktivitätssteigerungen deutlich aus.

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