Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern – fragen Frauen nicht nach höheren Löhnen?

Mai 2019

Männer verdienen rund um den Erdball im Schnitt mehr als Frauen. Traditionelle Erklärungen machen Ausbildungsunterschiede oder Erwerbsunterbrechungen dafür verantwortlich. Neue Erkenntnisse zeigen, dass es bei den Verhandlungen über den Gehalt auch Geschlechterunterschiede gibt, die zu Lohnunterschieden führen können. Aus diesen Erkenntnissen lässt sich auch eine klare Empfehlung ableiten.

Jedes Jahr – meist im Frühherbst – berichten die Medien über den Equal-pay-day. Das soll jener Tag sein, der angibt, wie viel Prozent eines durchschnittlichen Männergehalts Frauen in einem bestimmten Land verdienen. Dieser Prozentsatz entspricht dann der Anzahl der Tage in einem Jahr bis zum Equal-pay-day, dividiert durch die Anzahl aller Tage im Jahr, also 365. In den deutschsprachigen Ländern entspricht der durchschnittliche Jahreslohn von Frauen ungefähr 80 Prozent des durchschnittlichen Jahreslohns von Männern. Auf dieser allgemeinen Ebene werden aber mögliche Lohnunterschiede aufgrund von Ausbildungsunterschieden, unterschiedlich langer Erwerbsdauer beziehungsweise unterschiedlich langer Erwerbsunterbrechungen (etwa für die Kindererziehung) oder das Ausmaß der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit (ganztags, halbtags oder stundenweise) nicht hinreichend berücksichtigt. Trotzdem, selbst wenn man diese unterschiedlichen Faktoren beachtet, verdienen Frauen für dieselbe Arbeit bei gleicher Qualifikation in der Regel weniger als Männer. Dass das unserer westlichen Vorstellung von Gerechtigkeit widerspricht, versteht sich von selbst. Um etwas an dieser Situation ändern zu können, muss man aber die möglichen Ursachen für die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern genauer kennen.

Im Jahr 2003 wurde dazu von Linda Babcock und Sara Laschever ein sehr einflussreiches Buch veröffentlicht. Es hatte den Titel „Women don’t ask: Negotiation and the gender divide“. Die Kernaussage des Buches bestand darin, dass Männer mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit über ihren Gehalt verhandeln wollen, wenn sie eine neue Stelle antreten, während Frauen viel häufiger den vom Arbeitgeber angebotenen Lohn einfach annehmen. Aufgrund von Befragungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern kamen Babcock und Laschever zu dem Ergebnis, dass Männer bei Einstellungsgesprächen vier Mal häufiger über den Gehalt verhandeln wollen als Frauen. Wer beim ersten Job nicht über den Gehalt verhandelt, würde auf ein Lebenseinkommen von mehr als 500.000 Dollar verzichten. Das liegt daran, dass der Gehalt bei der ersten Arbeitsstelle den Referenzpunkt für die Gehälter bei späteren Arbeitgebern setzt. Wer beim ersten Gehalt also weniger verdient, hat davon ein Leben lang Nachteile, weil auch die Gehälter bei zukünftigen Unternehmen dann im Schnitt niedriger sein werden.
Das Buch von Babcock und Laschever – so wichtig die Einsichten daraus waren – hatte die Nebenwirkung, dass die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen bis zu einem gewissen Grad den Frauen selbst zugeschrieben wurden, weil sie ja nicht nach mehr Gehalt fragen würden. Das warf zwei Fragen auf: zum einen, ob Frauen wirklich nicht fragen, und zum anderen, ob bestimmte Regeln beim Einstellungsverfahren helfen könnten, Geschlechterunterschiede im Verhandlungsverhalten zu reduzieren.

Eine Studie von Andreas Leibbrandt von der Monash University in Australien und John List von der University of Chicago kann auf beide Fragen Antworten geben. Die beiden Forscher veröffentlichten Stellenangebote für administrative Tätigkeiten. Dabei mussten interessierte Arbeitssuchende zuerst ihre Kontaktdaten bekanntgeben, um dann die ausführliche Arbeitsplatzbeschreibung zu erhalten. Erst danach konnten sie sich formal bewerben. Es gab aber zwei Varianten der Arbeitsplatzbeschreibung, von denen jeder Interessierte zufällig eine zugesandt bekam. In beiden Fällen boten die Studienautoren 17,60 Dollar pro Stunde als Lohn an. In einem Fall aber machten sie explizit darauf aufmerksam, dass der Lohn verhandelbar wäre, im anderen Fall verzichteten sie auf diesen Zusatz, wodurch es also offen blieb, ob der Lohn verhandelbar wäre oder nicht. Die Autoren interessierten sich für zwei Aspekte. Erstens, würde die Häufigkeit der Bewerbung von Männern und Frauen davon abhängen, ob der Lohn als verhandelbar bezeichnet wurde oder nicht, und würden Männer und Frauen unterschiedlich in ihren Lohnforderungen auf die beiden Varianten reagieren?
Tatsächlich zeigen sich interessante Unterschiede. Wenn der Lohn nicht explizit als verhandelbar bezeichnet wird, bewerben sich deutlich mehr Männer als Frauen. Der Unterschied ist hingegen viel geringer, wenn der Lohn als verhandelbar gilt. Noch wichtiger aber ist das zweite Ergebnis von Leibbrandt und List. Wenn der Lohn als verhandelbar beschrieben wird, dann fragen gleich viele Frauen wie Männer nach höheren Löhnen – etwa, indem sie anmerken, dass sie eigentlich mit 20 Dollar pro Stunde rechnen würden oder dass das ihr Stundenlohn beim letzten Arbeitgeber war. In dieser Situation gibt es überhaupt keinen Geschlechterunterschied in der Bereitschaft, nach höheren Löhnen zu fragen. Als Paraphrase von Babcock und Laschever könnte man sagen: „Women do ask“. Jedoch finden auch Leibbrandt und List einen großen Unterschied, wenn zum angegebenen Lohn von 17,60 Dollar pro Stunde keine Zusatzinformation gegeben wird, dass der Lohn verhandelbar wäre. Dann nämlich fragen Männern häufiger nach höheren Löhnen als Frauen und Frauen bieten häufiger als Männer an, dass sie auch für weniger als 17,60 Dollar pro Stunde arbeiten würden.
Die Ergebnisse legen einen einfachen Schluss nahe. Wenn es auf Arbeitsmärkten klar ist, dass ein Lohn (in Grenzen) verhandelbar ist, dann gibt es keine Unterschiede in der Häufigkeit, mit der Männer und Frauen über einen (höheren) Lohn verhandeln. Dann fällt zumindest dieser Faktor als mögliche Erklärung für Geschlechterunterschiede in den Löhnen weg.

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