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Nur Bares ist Wahres

Die Österreicher lieben ihr Geld, besonders, wenn es in haptischer Form die Geldtaschen füllt. Bargeld – geschätzte 900 Millionen Euro in Vorarlberg – ist hierzulande trotz immer wiederkehrender Kritik nach mangelnder Modernität („Steinzeitlichkeit“) und der starken Konkurrenz durch elektronische Bezahlmöglichkeiten (Karte, Smartphone, kontaktloses Zahlen) nach wie vor äußerst populär. Ein Erklärungsversuch mit historischen Spuren.

Wir Menschen sind Teil eines Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, das auf Geld basiert. Geld regiert nun einmal die Welt und hat ohne Zweifel neben der ökonomischen immer auch eine psychosoziale Bedeutung. Das Verhältnis jedes und jeder Einzelnen zum Geld ist hoch emotional. Emotional ist auch die permanente Debatte um die Abschaffung des Bargeldes.
Während die einen im Wegfall des Bargeldes die Chance sehen, Märkte für Schwarzarbeit, Geldwäsche, Drogenkriminalität oder gar Terrorismus auszu­trocknen zu können und bei den heutigen technischen Möglichkeiten Geldscheine und Münzen sowieso für einen Anachronismus halten, sehen andere im sicheren, allgemein verfügbaren, anonymen, kostenfreien und stabilen Geld ein öffentliches Gut und eine der Säulen unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung. Schon eine deutliche Begrenzung von Bargeldzahlungen ermöglicht den Kontrollstaat. Und bankrotte westliche Industrienationen könnten leichter eine Währungsreform durchsetzen und sich auf Kosten der Bürger entschulden.
„Ein Geldschein ist ja im Grunde nur ein Stück Papier – ohne eigenen Wert, wie ihn zum Beispiel Edelmetalle haben. Doch der Schein ist ein Versprechen, dass ihn jemand gegen etwas eintauschen kann, und das Versprechen funktioniert, weil wir alle daran glauben“, sagt Psychologin Claudia Hammond, die zwei Jahre für ihr Buch „Psychologie des Geldes“ recherchiert und 250 Studien ausgewertet hat.
Doch wohin geht die Zukunft unserer Währung: bargeldlos, digital, unkompliziert? Plastik statt Haptik? Auf manche europäische Länder mag dies zutreffen, auf Österreich und auch Deutschland wohl nicht. Zumindest nicht so schnell. 
In Skandinavien müssen Tankstellen, Restaurants oder kleine Geschäfte kein Bargeld mehr annehmen. Selbst einige Banken akzeptieren kein Cash mehr. Und die, die es tun, rufen schon einmal die Polizei, wenn eine größere Summe auf den Tisch kommt. Auch die Zeitung am Kiosk und das U-Bahn-Ticket zahlt man bargeldlos. Die Straßenmusikanten schaffen sich bereits Terminals an, damit bargeldloses Zahlen beziehungsweise Spenden möglich wird. 
Auch hierzulande wurde vonseiten der Banken viel unternommen, um bargeldloses Zahlen zu ermöglichen: Der Chip auf der Bankomatkarte oder das kontaktlose Zahlen mittels „Near Field Communication“. Dennoch hat die Digitalisierung an der allgemeinen Wertschätzung für Scheine und Münzen bislang nicht gerüttelt. „Wir haben in Österreich und auch Deutschland einen extrem hohen Anteil an Bargeld. Das muss einen Grund haben. Offensichtlich ist es den Menschen bedeutend und wichtig, jederzeit zahlungsbereit auch unabhängig von irgendwelchen Systemen zu sein. Die Technik schafft eine hohe Abhängigkeit, Bargeld kann ich hingegen weitergeben, auch wenn alles andere steht“, sagt Wilfried Hopfner, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisenlandesbank Vor­arlberg und Sprecher der Vorarlberger Banken. Wie labil das ganze Hightech ist, lässt sich regelmäßig in Schweden, dem Vorreiter elektronischer Bezahlsysteme in Europa, beobachten. Beim populären Musikfestival Bråvalla beispielsweise streikten die Speicherchips auf den Eintrittstickets. Tausende Fans saßen auf dem Trockenen und mussten schließlich per Hand Schuldscheine für ihre Getränke ausschreiben.
Hopfner macht auf ein ganz wesentliches Argument für Bargeld aufmerksam: „Um jungen Menschen das Sparen beizubringen, braucht es etwas zum Angreifen, etwas Haptisches, das einen Wert vermittelt. Alles, was du kaufen und angreifen kannst, hat einen ganz anderen Wert als abstraktes Zahlenmaterial. Um den Umgang mit Vermögenswerten und dem Sparen zu erlernen, ist Bargeld sicher ein optimales Element.“
Armin Schneider, Direktor Region-West der Österreichischen Nationalbank, sieht das ähnlich: „Das Gefühl der Haptik und des Besitzes des Geldes vermittelt eine höhere Sicherheit und die Kosten der Bargeldhaltung gehen gegen Null. Zudem stieg das Misstrauen gegen die Politik, Bargeld ganz abzuschaffen, damit den Menschen die Wahlmöglichkeiten zu nehmen beziehungsweise sie nur mehr einer Möglichkeit (Bankkonto) auszuliefern.“ Mit Bargeld bleibe den Menschen aber die Möglichkeit, bei zu hohen Gebühren oder Negativzinsen in Alternativen zu gehen.
Interessant ist in Österreich, dass die Bankomaten in Handelszentren die meistfrequentierten sind. „Was passiert also: Der Österreicher liebt es offensichtlich, in Geschäfte zu gehen, zuerst beim Automaten Geld abzuheben und dann seinen Einkauf bar an der Kassa zu bezahlen. Logistisch ist das natürlich ein Wahnsinn. Ein solcher Geldtransfer kostet enorm. Damit gibt es schon auch einen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Grund, Bargeld abzuschaffen, denn Bargeld-Handling ist sehr teuer. Jedes elektronische Medium ist, abseits der nicht immer hundertprozentigen Verfügbarkeit, deutlich billiger“, betont Hopfner. Auch die Generationenfrage zählt. Mit der zunehmenden Nutzung der Digitalisierung wird das Bargeld als Zahlungsmittel an Bedeutung verlieren. Bankensprecher Wilfried Hopfner: „Das wird aber noch dauern. Ich möchte gar nicht daran denken, wenn statt des Opferkorbes auch bei uns ein Bankomatgerät durch die Kirchenbänke gereicht wird.“
Und doch kommt die Geldbörse wohl auch in Zukunft nicht ohne Bargeld aus. Der Banknotenumlauf des Euro im Euroraum hat sich seit 2002 mehr als vervierfacht. Wir reden im Euroraum von 21,5 Milliarden Stück Banknoten und über 128 Milliarden einzelne Münzen. 593 Millionen Stück Banknoten und 7,3 Milliarden Stück Münzen (Gesamtwert: 32,2 Milliarden Euro) sind österreichweit im Umlauf. Tendenz weiter steigend. 

Vorarlberg ...

In Vorarlberg wird der Bargeldumlauf auf 900 Millionen Euro geschätzt. Würde man diese Vorarlberger Scheine übereinanderlegen, ergäbe das die Höhe des Diedamskopfs oder zwei Mal des Pfänders. Die in Vorarlberg vermuteten Münzen hintereinandergelegt, ergibt die Strecke von Bregenz bis nach Miami. Aus regemäßigen Nationalbank-Umfragen zur Verwendung von Zahlungsmitteln bei Haushalten lassen sich genaue Verhaltensmuster im Umgang mit Bargeld ableiten: Bis 20 Euro werden in Österreich neun von zehn Zahlungen in bar durchgeführt, erst bei 100 Euro hält sich das die Waage. Im Schnitt bezahlt jeder Österreicher jeden Tag zwei Mal mit Bargeld. Aufgrund der niedrigen Zinsen haben die Menschen ein verändertes Gefühl und tendenziell mehr Geld in ihren Geldtaschen. Bei einem durchschnittlichen Österreicher sind es 90 Euro. Die Vorarlberger haben in Österreich am wenigsten Cash in der Geldtasche, nämlich mit 65 Euro um fast ein Drittel weniger, gehen dafür tendenziell öfter zum Bankomaten. Damit wird klar: Der Österreicher will volle Wahlfreiheit, wenn es ums Geld geht.

Eine historische Betrachtung

Was ist das wesentliche Merkmal von Bar(-Geld)? Nein, geht man von einem „Normalgebrauch“ in „Normalumgebung“ ab, dann stinkt Geld wirklich nicht. Das ist aber auch nicht der Grund, warum jeder so sehr danach strebt. Wir wissen ja eigentlich, warum es jeder will, ein Blick auf die zahlreichen Münzen und Scheine unserer Währungsgeschichte sollte eigentlich reichen: Bargeld bildet allerhand Geschichte, Ideal und Vision ab. Errungenschaften und Marksteine. Wohlstand und Reichtum – repräsentiert durch namhafte Persönlichkeiten oder Bauwerke. Blickt man einmal – beispielsweise beim Prüfen eines Geldscheins auf seine Echtheit sprichwörtlich – durch diese illusorischen Illustrationen hindurch, zeigen sich auf den zweiten oder dritten Blick nämlich doch auch Macht, Ruhm, Armut und Hunger, Leid und Zerstörung und natürlich auch Gier und Neid.
Angefangen hat alles mit den ersten Münzprägungen um etwa 700 vor Christus in Lydien in der heutigen Westtürkei. Unter König Kroisos folgten rund 150 Jahre später die ersten reinen Silber- und Goldmünzen – daher auch das Umgangssprachliche „Leben wie ein Krösus“. Es brauchte noch Jahrhunderte, bis die ersten Münzen auf dem heutigen Staatsgebiet von Österreich auftauchten. Die erste Münzproduktion in Österreich folgte erst Anfang des 10. Jahrhunderts. Einer Legende nach soll das 1194 für die Freilassung des englischen Königs Richard Löwenherz gezahlte Lösegeld von Leopold V. unter anderem für die Ausprägung von Münzen und zur Gründung des Hauptmünzamtes, dem Vorläufer der heutigen „Münze Österreich“, verwendet worden sein. Ob das irgendwo quellenmäßig auf Papier festgehalten wurde, ist fraglich.
Apropos Papier: Ende des 13. Jahrhunderts kam Marco Polo in China mit Papiergeld in Kontakt. In China hatte man auch bereits Erfahrungen mit Inflation gemacht, deswegen wurde es um 1400 wieder abgeschafft. Die ersten Banknoten einer privaten Notenbank in Europa wurden 1661 in Schweden in Umlauf gebracht. Amerika und England folgten gegen Ende des 17. Jahrhunderts mit der Ausgabe von Banknoten. 
Zurück nach Österreich: 1816 wurde die „Privilegierte Oesterreichische Nationalbank“ gegründet und mit dem Ausgabemonopol für Banknoten ausgestattet. Die ersten von der Nationalbank ausgegebenen Noten lauteten „Gulden Conventions-Münze“. Der Gulden war die Währung des Kaisertums Österreich und ab 1867 auch von Österreich-Ungarn.
1892 wurde der Gulden durch die Krone zu 100 Heller ersetzt. Diesem Übergang gingen der Börsenkrach von 1873, der Wertverlust des Silbers und eine lange währungspolitische Debatte im Habsburgerreich voran. Die Krone war die Goldwährung Österreich-Ungarns bis 1918 und die Währung der Republik Österreich von 1918 bis 1925.
Der Schilling der Ersten Republik löste am 1. März 1925 mit viel Aufbruchsstimmung die Krone ab. Er sollte das Vertrauen in die Wirtschaft wiederherstellen und zurecht wurde der stabile Schilling auch als „Alpendollar“ bezeichnet: Die Bevölkerung litt jahrelang unter der Hyperinflation, die durch eine noch größere Katastrophe, nämlich den Ersten Weltkrieg, hervorgerufen worden war.
Im März 1938 kamen nicht nur deutsche Soldaten über die Grenze. Wenige Tage nach dem Einmarsch folgte die nächste Währungsumstellung „auf dem Fuße“: Die Reichsmark war da, miserable Eintauschbedingungen von 1,50 Schilling zu einer Reichsmark waren hinzunehmen. 
Der Schilling der Zweiten Republik sollte wieder Aufbruchsstimmung signalisieren, und zwar mit der Bebilderung durch berühmte Persönlichkeiten wie Sigmund Freud oder Angelika Kaufmann wie auch durch imposante Bauwerke und Architektur: „Glanz und Gloria“ war die offensichtliche Devise. Der Schilling steht aber auch für Durchsetzung und Disziplin: Während andere Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit mit Abwertungen durchdrücken wollten, schlug Österreich den harten Weg über Strukturreformen und Produktivitätssteigerungen ein – mit Erfolg.
„Du guater Schilling, pfiat di Gott“: Der Euro wurde am 1. Jänner 1999 als Buchgeld und am 1. Jänner 2002 in Österreich und elf anderen Mitgliedsstaaten als Bargeld eingeführt. Heute umfasst der Euroraum 19 EU-Mitgliedsländer.

08.10.2018

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