Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Relative Entlohnung, soziale Präferenzen und Produktivität

Mai 2019

Die klassische Ökonomie geht davon aus, dass Arbeitnehmer mehr arbeiten, wenn die Höhe ihrer Entlohnung davon abhängt, ob sie mehr Leistung als ihre unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen im Unternehmen erbringen. Die moderne Verhaltensökonomie zeigt, dass der Glaube an die Wirkungen relativer Entlohnung ein kostspieliger Irrtum sein kann.

Pavel erntet schon seit dem frühen Morgen Äpfel. Nach acht Stunden auf der Plantage tut ihm der Rücken weh. Neben ihm in seiner Reihe arbeitet heute Laszlo, den er zum ersten Mal hier sieht, obwohl Laszlo auch schon einige Wochen als Erntehelfer auf der riesigen Obstplantage arbeitet. Laszlo ist sehr schnell bei seiner Arbeit. In der nächsten Reihe sieht Pavel seinen Freund Jakub, mit dem er in derselben Unterkunft wohnt, der im Moment aber stark erkältet ist und deshalb nicht so schnell arbeiten kann. Neben Jakub sind wieder fremde Gesichter. Jeder der Arbeiter kann sehen, wie schnell der jeweils andere seinen Korb füllt und wie oft am Tag ein Arbeiter seinen Korb zur Entleerungsstelle bringt. Dort wird exakt gewogen, wie viel der jeweilige Arbeiter geerntet hat. Das Gesamtgewicht am Tag ist entscheidend für den Tagesverdienst. Das Unternehmen, das die Plantage betreibt, entlohnt die Arbeiter nämlich nach ihrer relativen Arbeitsleistung. Mit anderen Worten, die Ernteleistung eines Arbeiters wird durch die durchschnittliche Ernteleistung aller Arbeiter auf der Plantage dividiert. Der daraus resultierende Wert bestimmt dann, wie viel Euro pro Kilogramm Ernte ein Arbeiter an diesem Tag erhält. Diese Entlohnung bedeutet also, dass ein sehr produktiver Arbeiter den durchschnittlichen Lohn pro Kilogramm für die anderen Arbeiter nach unten drückt. Das ist vielleicht der Grund, warum Pavel und seine Kollegen sehr aufmerksam beobachten, wie schnell die jeweils anderen bei der Ernte arbeiten.
Die klassische Ökonomie geht davon aus, dass Arbeitnehmer mehr arbeiten, wenn die Höhe ihrer Entlohnung davon abhängt, ob sie mehr Leistung als ihre unmittelbaren Kolleginnen im Unternehmen erbringen. Diese Form relativer Entlohnung würde zu mehr Anstrengung und damit höherer Leistung führen, weil jeder einen Anreiz hätte, überdurchschnittlich gut abzuschneiden, was letztlich die Produktivität erhöhen würde.
So ähnlich muss das Unternehmen gedacht haben, als es für seine Erntehelfer ein relatives Entlohnungsschema ausgedacht hat. Alternativ hätte das Unternehmen auch jedem Arbeiter einfach einen fixen Betrag pro Kilogramm Ernte bezahlen können, unabhängig davon, wie viel andere Arbeiter auf der Plantage an einem bestimmten Tag ernten.

Die moderne Verhaltensökonomie sieht die Wahl von Entlohnungsschemata etwas differenzierter als die klassische Ökonomie. Relative Entlohnungsschemata können nämlich unerwünschte Nebenwirkungen haben. Das liegt daran, dass im Fall relativer Entlohnung die eigene Leistung eine negative Auswirkung auf Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz haben kann. In der klassischen Ökonomie spielen diese negativen Auswirkungen keine Rolle, weil angenommen wird, dass ein Arbeitnehmer nur auf sich selbst schaut. Unter dieser Annahme können relative Entlohnungsschemata die Produktivität steigern. Viele Menschen entsprechen aber nicht den Vorstellungen der klassischen Ökonomie. Ein ganz wichtiger Grund dafür besteht darin, dass viele Menschen sich eben doch darum kümmern, welche Auswirkungen ihr Handeln auf andere Menschen hat. Im Beispiel der Obstplantage bedeutet das, dass sich die einzelnen Arbeiter sehr wohl bewusst sind, dass eine Erhöhung der eigenen Erntemenge den Lohn für die anderen Arbeiter senkt, weil deren Lohn geringer wird, je höher die durchschnittliche Erntemenge ist. Wenn die Arbeiter diese negative Auswirkung aus Rücksicht auf andere vermeiden wollen, dann müssen sie ihre Arbeitsleistung vermindern. Eine solche Reaktion könnte dann aber dazu führen, dass die Produktivität – also die Ernte pro Tag – durch die relative Entlohnung abnimmt und nicht, wie in der klassischen Ökonomie angenommen, zunimmt, jeweils im Vergleich zu einer Situation, in der ein fixer Betrag pro Kilogramm Ernte bezahlt wird.

Drei Ökonomen – Oriana Bandiera, Ivan Barankay und Imran Rasul – haben anhand von empirischen Daten aus einer Obstplantage in Großbritannien die Frage untersucht, ob eine relative Entlohnung zu mehr oder zu weniger Ernte führt, als wenn die Arbeiter mit einem fixen Betrag pro Kilogramm entlohnt werden. Das Unternehmen wechselte von einer relativen Entlohnung zu einem fixen Betrag pro Kilogramm, weil die Produktivität der Arbeiter hinter den Erwartungen zurückgeblieben war. Dabei stieg die Produktivität beim Übergang von relativer Entlohnung zu fixer Entlohnung von 5 Kilogramm pro Stunde auf fast 8 Kilogramm pro Stunde an. Dabei ist zu beachten, dass die durchschnittliche Zahlung pro Mitarbeiter und Kilogramm Ernte in beiden Entlohnungsschemata im Wesentlichen gleich blieb. Es war also nicht so, dass bei fixer Entlohnung die Arbeiter im Durchschnitt mehr Lohn pro Kilogramm Ernte bekamen.

Wie aber war die geringere Leistung bei relativer Entlohnung zu erklären? Es zeigte sich, dass die Arbeitsleistung umso geringer war, je mehr Freunde und gute Bekannte ein Arbeiter in seiner Sichtweite hatte – also in einem Abschnitt der Plantage, für deren Ernte jeden Morgen zufällig eine Gruppe von Erntehelfern zusammengestellt wurde. Dieser negative Effekt der Anzahl von Freunden trat nicht auf, wenn die Arbeiter einen fixen Lohn pro Kilogramm bekamen. Es ist also nicht die Nähe der Freunde an sich, die einen Einfluss auf die Produktivität hat, sondern die negativen Auswirkungen der eigenen Leistung auf die anderen, wenn Freunde in der Nähe sind. Die Studienautoren bezeichnen das als den Einfluss sozialer Präferenzen auf die Arbeitsproduktivität. Die Rücksicht auf andere führte dazu, dass eine relative Entlohnung eine deutlich geringere Produktivität zur Folge hatte als von der Unternehmung erwartet.

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