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Teamwork, Kooperation und Produktivität

Teamfähigkeit ist eine der häufigsten Anforderungen, die in Stellenanzeigen von Bewerbern erwartet werden. Das liegt daran, dass die Produktion in vielen Unternehmen im Teamwork organisiert ist. Durch die Kooperation im Team soll die Produktivität steigen. Ist das wirklich so und kann man Kooperation messen?

Die See ist rau, aber der Steuermann Shinji, ein 60-jähriger Japaner, steuert zielsicher auf die besten Fisch­gründe zu. Auch heute gilt es, möglichst viele Fische aus der Toyama Bay an der Westküste Japans zu holen und dann auf dem lokalen Markt oder an große Handelsketten zu verkaufen. Shinji arbeitet zusammen mit acht anderen Männern, fünf davon auf dem großen Fischerboot, die für die Netze und das Einholen der Fische verantwortlich sind, und drei an Land, die während der Ausfahrten andere Netze warten und den Kontakt mit den Handelsketten pflegen. Eine Besonderheit von Shinjis Team besteht darin, dass der gesamte Fang zu gleichen Teilen auf alle Teammitglieder aufgeteilt wird. Alle sind also gleichberechtigte Partner, auch wenn Shinji als Steuermann natürlich alleine den Kurs des Schiffes bestimmen kann. In der Toyama Bay sind viele solcher Teams bei der Arbeit, in denen mehrere Menschen zusammenarbeiten und sich den Fang gleichmäßig teilen. Shinji ist sehr zufrieden mit den Kollegen in seinem Team, von denen er die meisten seit vielen Jahren kennt. Hier hilft jeder dem anderen und ist auch mal bereit einzuspringen, wenn es einem anderen gesundheitlich nicht so gut geht. Das ist nicht in allen Teams so, weiß Shinji.

Die ökonomische Forschung zu Teamwork hat schon sehr früh erkannt, dass Teamwork Licht- und Schattenseiten hat. Ein entscheidender Vorteil von Teamwork besteht darin, dass Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten zusammengebracht werden können, sodass sich jeder auf jene Tätigkeiten spezialisieren kann, die er oder sie besonders gut beherrscht. Man spricht in diesem Zusammenhang von Effizienzgewinnen durch Arbeitsteilung – ein Konzept, das auf David Ricardo in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Mit Bezug auf das Beispiel der japanischen Fischfänger bedeutet Arbeitsteilung, dass nicht jede Person einzeln fischen geht – und dabei das Steuer und die Netze bedienen muss und nach dem Fang die Netze repariert und den Fang zum Markt bringt –, sondern dass jedes Teammitglied eine spezielle Aufgabe übernimmt, die so effizienter erfüllt werden kann, als wenn jeder alle Aufgaben selbst übernehmen muss. Shinji etwa ist als erfahrener Steuermann seines Bootes besser geeignet, die besten Fischgründe zu finden, als sein Kollege, der den Fang zum Markt bringt.

Ein entscheidender Nachteil von Teamwork – im Vergleich zur Einzelarbeit an einer bestimmten Aufgabe – besteht aber darin, dass es innerhalb eines Teams zu Trittbrettfahrerverhalten kommen kann. Darunter versteht man eine Situation, in der ein Teammitglied sich auf Kosten der anderen „ausruht“ und nicht seinen bestmöglichen Einsatz zeigt. Wenn die Erträge von Teamwork gleichmäßig auf alle Teammitglieder verteilt werden, dann entsteht daraus für jedes Mitglied ein Anreiz, eigene Anstrengungen zu verringern. Wenn aber jeder so denkt und handelt, dann arbeitet keiner mehr motiviert und die Produktion des Teams sinkt. Als Konsequenz gibt es weniger zu verteilen und allen geht es schlechter, als wenn jeder nach besten Kräften zum Teamerfolg beiträgt. Wenn beispielsweise auf Shinjis Boot die Arbeiter an den Netzen unzufrieden mit den Kollegen sind, die den Fisch zum Markt und zu den Handelsketten bringen, dann verringern sie unter Umständen ihren Einsatz, worunter dann alle zu leiden haben. In einer solchen Situation ist es wichtig, dass jeder darauf vertraut, dass der andere auch zum Wohl des Teams arbeitet, weil er sonst seine Arbeitsleistung reduzieren würde. Man nennt das konditionale Kooperation. Jemand setzt sich dann für das Team ein, wenn er erwartet oder tatsächlich wahrnimmt, dass die anderen Teammitglieder das auch tun.

Jeff Carpenter und Erika Seki haben in einer wissenschaftlichen Studie untersucht, ob das Ausmaß an konditionaler Kooperation in einem Team zu höherer Produktivität führt. Dazu haben sie eine Feldstudie mit japanischen Fischern durchgeführt. Zuerst haben sie die Kooperationsbereitschaft einzelner Fischer in einem Experiment gemessen. Dazu wurden zuerst Gruppen von vier Personen gebildet. Dann bekam jede Person einen Geldbetrag zugewiesen, den sie entweder für sich selbst behalten oder in einen Gruppentopf geben konnte. Was in den Gruppentopf kam, wurde von den Studienautoren verdoppelt und dann zu gleichen Teilen auf alle vier Personen verteilt. Das bedeutet, wenn jemand eine Geldeinheit in den Topf gibt, werden daraus zwei Einheiten zur Verteilung in der Gruppe, sodass jede der vier Personen dann eine halbe Einheit erhält. Wenn man eine Geldeinheit aber für sich behält, bleibt das eine ganze Geldeinheit, was profitabler ist, als die Geldeinheit in den Topf zu geben. Jeder hat also einen Anreiz, das Geld für sich zu behalten und nichts in den Geldtopf zu geben.

Das Verhalten der Fischer, die an dieser Studie teilnahmen, zeigte im Schnitt ein relativ hohes Maß an Kooperation. Jedoch gab es zwischen den verschiedenen Fischereiteams, die sich ihren Fang teilten, beachtliche Unterschiede im Kooperationsniveau ihrer Mitglieder. Diese Unterschiede wiederum spiegelten sich in den tatsächlichen Fangmengen wider. Jene Fischereiteams fingen am meisten Fische, deren Mitglieder im Schnitt die höchste Kooperationsbereitschaft hatten. Kooperation erhöht also die Produktivität, weil sie dazu führt, dass alle an einem Strang ziehen und das Gemeinwohl im Auge behalten, anstatt an die eigenen Interessen zu denken. Das ist der Grund, warum so viele Stellenausschreibungen Teamfähigkeit, also die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen, als wichtige Einstellungsvoraussetzung sehen und warum Shinji mit seinen Teammitgliedern so zufrieden ist.

07.04.2018

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Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

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