Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Teamwork und die Vorteile guter Organisation

Juli 2019

Zusammenarbeit in Teams ist in allen Unternehmen wichtig. Dabei spielt aber die Organisation von Teamwork eine entscheidende Rolle für den Erfolg. In Teams kann es nämlich auch leicht zu Trittbrettfahrerverhalten kommen. Gute Organisation kann das vermeiden,
wie ein Beispiel aus der Notaufnahme in Spitälern zeigt.

In der Notaufnahme geht es hektisch zu. Die Krankenhausmitarbeiterin bei der Aufnahme erhebt gerade für eine neu eingelieferte Patientin die Symptome ihrer Schmerzen und weist sie dann rasch einem Team von zwei Notaufnahmeärzten zu. In früheren Jahren musste sie auch noch entscheiden, welcher der beiden Ärzte sich um die Frau kümmern sollte, und dann wurde der Patient zu dem zugewiesenen Arzt gebracht. Heute muss die Mitarbeiterin diese Entscheidung nicht mehr treffen. Jetzt funktioniert die Zuweisung nämlich anders. Die Patientin wird zur Einheit des Notärzteteams gebracht und dann entscheidet einer der beiden Ärzte, welcher von ihnen die Behandlung übernimmt. Wie sich gezeigt hat, ist diese neue Art der Zuweisung ein großer Vorteil für die Patienten. Sie müssen weniger lange auf die Behandlung warten und werden schneller behandelt, ohne dabei Nachteile im Hinblick auf die medizinische Betreuung in Kauf nehmen zu müssen, wie eine Studie von David Chan von der Universität Stanford zeigt. Warum ist das so und warum spielt die Organisationsform dabei eine Rolle?

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man sich zuerst vor Augen halten, dass Teamwork ganz grundsätzlich immer sowohl Vorteile als auch Nachteile haben kann. Wenn Menschen zusammenarbeiten (müssen), dann können sie durch gemeinsame Anstrengungen oft viel mehr erreichen, als jeder einzelne für sich selbst das könnte. Ein einprägsames Beispiel stammt aus der Urzeit der Menschheitsgeschichte. Die Jagd nach einem Mammut konnte nur in Gruppen erfolgreich sein. Der gemeinsame Jagd­erfolg konnte dann der ganzen Gruppe von Jägern und deren Angehörigen für längere Zeit Nahrung und warme Felle sichern. Ein Einzelner wäre dazu nicht in der Lage gewesen. Jedoch hatte die Jagd auf ein Mammut auch hohe Risiken, denen man aus dem Weg gehen konnte, indem man sich als Teil der Jagdgruppe im Hintergrund hielt und die anderen mutig vorangehen ließ. Wenn jeder so handeln würde, wäre aber der Jagderfolg stark gefährdet. Es gibt also einen Widerstreit zwischen den Inter­essen der Gruppe – das Mammut zu erlegen – und den Interessen jedes einzelnen Jägers – sich keinen bedrohlichen Gefahren bei der Jagd auszusetzen.
Zum Glück müssen wir heutzutage keine Mammuts mehr jagen, aber Teamwork ist auch heute noch vielfach von dem Widerstreit zwischen dem Gemeinwohlinteresse und dem Einzelinteresse von Teammitgliedern gekennzeichnet. Wer kennt sie nicht aus seinem Arbeitsalltag, die sogenannten Trittbrettfahrer, die gerne an den Erfolgen ihres Teams partizipieren, aber herzlich wenig dazu beitragen?

An diesem Punkt bekommt die Organisation der Teamarbeit eine besondere Bedeutung, weil sie die Anreize zum Trittbrettfahren vermindern und damit die Arbeitsleistung im Team entscheidend beeinflussen kann. Das lässt sich am einleitenden Beispiel der Notaufnahme in einem großen amerikanischen Universitätsspital anschaulich illustrieren. David Chen konnte die Daten über die Behandlungsdauer von über 380.000 Notfallpatienten in einem Zeitraum von sechs Jahren analysieren. Dabei gab es zu Beginn zwei parallele Systeme der Zuweisung von Patienten zu Ärzten, nämlich entweder über die Mitarbeiterin bei der Aufnahme oder direkt von den Ärzten in den Zweierteams der Behandlungseinheiten. Gegen Ende des Beobachtungszeitraums wurden dann alle Zuweisungen direkt von den Ärzten gemacht. In diesem System war die Behandlungsdauer nämlich im Schnitt um fast eine halbe Stunde schneller, als wenn die Zuweisung über die Aufnahmestation gemacht wurde. Die schnellere Behandlungsdauer reduzierte in praktisch gleichem Umfang die Wartezeiten von anderen Notfallpatienten und erhöhte auch die Zufriedenheit der Patienten, wie Befragungen zeigten. Die kürzere Behandlungsdauer reduzierte aber nicht die Qualität der Behandlung, wie ein Vergleich beider Zuweisungssysteme ergab. Dafür wurden als Kriterien für die Qualität der Behandlung die folgenden drei Aspekte berücksichtigt: die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Notfallpatient innerhalb von 30 Tagen nach der Behandlung starb – sie war zwei Prozent, unabhängig vom Zuweisungssystem; die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Patient innerhalb von 14 Tagen nach Entlassung wieder ins Spital kommen musste; und die Kosten der Behandlung. Bei keinem Kriterium gab es Unterschiede zwischen beiden Zuweisungssystemen. Woher kommt dann die kürzere Behandlungsdauer? Dafür sind zwei Komponenten entscheidend.

Die Zuweisung durch das Ärzteteam selbst ermöglicht es, die Spezialisierung der beiden Ärzte auf bestimmte Krankheitsfälle besser auszunützen, als das die Zuweisung durch die Aufnahmestation kann. Die beiden Ärzte wissen in der Regel besser, wer von ihnen beiden für einen bestimmten Fall mehr Erfahrung oder eine Spezialausbildung für ein bestimmtes Krankheitsbild hat. Gleich wichtig ist aber eine zweite Komponente. Wenn die Zuweisung über die Aufnahmestation erfolgt, dann verlängert sich die Behandlungsdauer von Notfallpatienten, je mehr Notfallpatienten noch in den Warteräumen sitzen. Mit anderen Worten, die Ärzte werden langsamer, um der Aufnahmestation zu signalisieren, dass sie vollkommen ausgelastet sind und keine weiteren Patienten zugewiesen bekommen können. Das ist ein Beispiel für das eingangs besprochene Problem mit Trittbrettfahrern. Interessanterweise gibt es dieses Phänomen – dass die Behandlungsdauer mit der Anzahl der Patienten im Warteraum steigt – nicht, wenn die Ärzte selbst die Patienten unter sich aufteilen. Mitbestimmung über die Verteilung der Aufgaben im Team reduziert also die Wahrscheinlichkeit für Trittbrettfahrerverhalten und trägt damit sehr zum Erfolg von Teamwork bei!

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