Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

© Fotos: Lisa Beller, istockphoto

Von der Bewerbung zum Vorstellungsgespräch – ein Weg mit unerwarteten Hindernissen

Oktober 2018

Die erste Hürde auf dem Weg zu einem neuen Job besteht in der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Dabei können sich der Name oder die Attraktivität des Bewerbungsfotos als nachteilig erweisen.

In den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz gibt es eine immer wiederkehrende Diskussion, wie man Bewerbungsverfahren auf dem Arbeitsmarkt fairer machen könnte. Dabei wird schnell mit sehr hehren Worten gefordert, dass jede Bewerberin und jeder Bewerber die gleichen Chancen haben sollte, eine offene Stelle zu bekommen. Wörtlich genommen ist diese Forderung natürlich ein Unsinn. Unternehmen – seien es öffentliche oder private – haben in erster Linie ein Interesse, aus der Menge an Bewerbungen die beste für das Unternehmen auszuwählen. Dass dabei die Ausbildung, bisherige Berufserfahrung und sogenannte „Soft Skills“ wie Team- und Kommunikationsfähigkeiten oder Führungsqualitäten eine große Rolle spielen, ist selbstverständlich. Da aber die Bewerberinnen und Bewerber im Hinblick auf diese Fähigkeiten nicht gleich sind, ist es gar nicht möglich und auch nicht sinnvoll, dass alle die gleichen Chancen haben, sich in einem Bewerbungsverfahren durchzusetzen. Wenn das nämlich so wäre, könnte man gleich mithilfe eines großen Würfels entscheiden, welcher Arbeitnehmer in welchem Unternehmen in welcher Position zu arbeiten hat. Selbst in kommunistischen Planwirtschaften war die Zuteilung von Arbeitskräften auf Unternehmen effizienter organisiert als in einer solchen Vorstellungswelt von gleichen Chancen für alle.
Wenn die öffentliche Diskussion über Fairness in Bewerbungsverfahren trotzdem immer wieder entflammt, dann liegt das daran, dass es einige vermeintlich unbedeutende Aspekte im Rahmen von Bewerbungen gibt, die einen starken Einfluss auf die individuellen Erfolgschancen haben, obwohl sie das bei nüchterner Betrachtung nicht sollten. 

Hierzulande ist es üblich, dass auf dem Lebenslauf ein Foto einer Bewerberin beziehungsweise eines Bewerbers enthalten ist. Das ist nicht überall so. Beispielsweise ist es in den USA oder in Großbritannien sehr unüblich, bei Bewerbungen ein Foto beizulegen. Warum sollte ein Foto auch eine Rolle spielen? Um dieser Frage nachzugehen, haben verschiedene Forschungsteams auf der Welt Feldstudien durchgeführt, in denen praktisch identische Lebensläufe fiktiver Personen erstellt wurden und diese Lebensläufe dann zusammen mit einem Anschreiben an reale Firmen geschickt wurden, die offene Stellen in öffentlichen Ausschreibungsportalen eingestellt hatten. In Ländern, in denen es üblich ist, einer Bewerbung ein Foto beizulegen, wurden dann beispielsweise identische Lebensläufe kreiert. In der Hälfte der Fälle wurde ein Bild einer Person beigefügt, die als „attraktiv“ eingestuft wird, und in der anderen Hälfte das Bild einer weniger attraktiven Person. Zur Beurteilung der Attraktivität wurden die Fotos üblicherweise mehreren Testpersonen vorgelegt, die dann die Person auf dem Foto auf einer Skala als „unattraktiv“, „durchschnittlich“ oder „attraktiv“ beurteilen sollten. Für die Feldstudien wurden dann Bilder ausgewählt, bei denen die Testpersonen einstimmig eine der drei Kategorien gewählt hatten. Damit konnte man vergleichen, ob ein Foto unterschiedlicher Attraktivität bei sonst gleichen Lebensläufen einen Einfluss darauf hat, wie häufig ein Unternehmen auf eine bestimmte Bewerbung reagiert und den Bewerber beziehungsweise die Bewerberin zurückruft und zu einem Vorstellungsgespräch einlädt. Wenn nur die im Lebenslauf angeführten Qualifikationen eine Rolle spielen würden, sollte das Foto keinen Einfluss haben. Tatsächlich aber scheint ein attraktives Foto einen Vorteil darzustellen, weil es im Gegensatz zu unattraktiven oder durchschnittlichen Fotos zu häufigeren Einladungen zu Vorstellungsgesprächen führt. Bewerberinnen und Bewerber mit attraktiveren Fotos werden auch schneller eingeladen als jene mit durchschnittlichen oder unattraktiven Gesichtern. Diese Befunde zur Bedeutung des Bewerbungsfotos sind der Grund, warum in Deutschland diskutiert wird, ob Fotos nicht von Lebensläufen verbannt werden sollten, um
bei gleicher Qualifikation Menschen mit unterschiedlichem Aussehen die gleichen Chancen für eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu geben. Im Übrigen gibt es keinen Beleg dafür, dass attraktivere Menschen produktiver wären. Nur wenn das der Fall wäre, könnte man den Einfluss des Fotos aus Sicht eines Unternehmens rational erklären.

Wenn die Beilage eines Fotos (wie in vielen anderen Ländern) abgeschafft würde, bliebe noch der Name. Und der hat auch einen großen Einfluss, wie unter anderem Doris Weichselbaumer von der Universität Linz zeigen konnte. Sie versandte fast 1500 Bewerbungen als Reaktion auf Stellenanzeigen von deutschen Unternehmen. Einmal verwendete sie einen deutschen Namen für die Bewerberin (Sandra Bauer) und einmal einen türkischen (Meryem Öztürk). Beide Versionen hatten dasselbe Foto und denselben Lebenslauf. Die fiktive Frau Bauer wurde in 19 Prozent der Bewerbungen zu einem Gespräch eingeladen, die fiktive Frau Öztürk aber nur in 14 Prozent der Fälle. Wenn in einer dritten Variante die fiktive Frau Öztürk auf dem Foto ein muslimisches Kopftuch trug, sank die Wahrscheinlichkeit für eine Einladung gar auf vier Prozent. Religiös motivierte Symbole können also starke Nebenwirkungen haben. 
Die bisherigen Ergebnisse unterstützen also die Argumente der Befürworter von anonymisierten Bewerbungen, bei denen auf Fotos und sogar den Namen verzichtet wird. Bei gleicher Qualifikation könnten die Verfahren dadurch fairer werden. Dabei wird aber gerne übersehen, dass die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch nur die erste Hürde auf dem Weg zu einem Jobangebot ist. Beim Vorstellungsgespräch lassen sich nämlich Namen, Aussehen und Geschlecht nicht mehr verbergen.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.