Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Warum Firmen offene Stellen durch Empfehlungen bestehender Mitarbeiter besetzen

Mai 2020

Es wird oft als „Freunderlwirtschaft“ kritisiert, hat aber handfeste ökonomische Vorteile für Firmen, wenn Firmen offene Stellen mit Personen besetzen, die von bestehenden Mitarbeitern empfohlen werden. Manche Firmen zahlen den Empfehlenden dafür sogar einen Bonus.

Als Miriam am Morgen an den Umkleideraum für das Personal kommt, fällt ihr Blick auf einen neuen Aushang. Darauf wird in großen Buchstaben jedem Mitarbeiter ein Bonus von 100 Euro versprochen, wenn eine frei werdende Stelle durch eine Empfehlung der aktuellen Mitarbeiterinnen nachbesetzt werden kann. Im erklärenden Text heißt es dann, dass der Bonus bezahlt wird, wenn sowohl die empfehlende Mitarbeiterin als auch die neu eingestellte Person mindestens fünf Monate im Unternehmen bleiben. Nach dem Lesen des Aushangs geht Miriam an die Kasse des Supermarkts und fängt mit ihrer täglichen Arbeit an. Die ersten Kunden betreten eben das Geschäft, während Miriam sich in der Kasse einloggt, die Münzrollen öffnet und nochmals das Papiergeld überprüft. Ein langer Tag steht ihr bevor, aber am Abend, so denkt sie sich, wird sie ihre derzeit arbeitslose Freundin Petra anrufen und ihr davon erzählen, dass es im Supermarkt gerade eine Stelle zu besetzen gibt. Wenn Petra Interesse hat, wird Miriam am nächsten Tag der Filialleiterin eine Empfehlung für Petra abgeben. Wenn alles klappt, könnte beiden geholfen werden: Petra mit einer neuen, gar nicht so schlecht bezahlten Stelle und Miriam mit einer Bonuszahlung und einer netten neuen Arbeitskollegin. Warum die Supermarktkette plötzlich einen Bonus für Empfehlungen bezahlt, darüber denkt Miriam nicht weiter nach.
In der Tat ist es für praktisch alle Firmen eine große Herausforderung, offene Stellen zu besetzen, nachdem jemand die Firma verlassen hat. Ein solcher Prozess einer Neubesetzung erfordert viel Zeit und ist deshalb für ein Unternehmen sehr kostspielig. Das Ausschreiben der Stelle, die Sichtung von Bewerbungen, die Einstellungsinterviews, die Vertragsgestaltung, das Anlernen eines neuen Mitarbeiters und die Integration in die bestehende Belegschaft sind nur die wichtigsten Stufen im Rahmen einer Stellenbesetzung. Alle davon rauben den bestehenden Mitarbeitern Zeit und verursachen Kosten für die Firma. Aus diesem Grund versuchen Firmen natürlich,
im Rahmen neuer Stellenbesetzungen die
Kosten gering und die Passgenauigkeit neuer Mitarbeiter möglichst hoch zu halten. Deshalb bitten immer mehr Firmen aktuelle Mitarbeiter um Empfehlungen, wer denn für offene Stellen in Frage käme. Die möglichen Vorteile eines solchen Vorgehens sind vielfältig. Aktuelle Mitarbeiter im Umfeld einer offenen Stelle wissen sehr gut, welche Anforderungen an die neue Stelle gestellt werden, und können darum gut abschätzen, wer in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld dafür besonders geeignet sein könnte. Außerdem ist zu erwarten, dass aktuelle Mitarbeiter nur solche Personen empfehlen werden, mit denen sie persönlich gut auskommen, was für das Arbeitsklima in einer Firma ein wichtiger Aspekt ist.
Tatsächlich zeigen empirische Studien, dass Personen, die eine offene Stelle durch eine Empfehlung eines aktuellen Mitarbeiters bekommen, schneller eingestellt werden, tendenziell besser qualifiziert sind und länger im Unternehmen bleiben als nicht-empfohlene Personen. Die Evidenz basiert beispielsweise auf Erhebungen mit Fernfahrern, Mitarbeitern in Call-Centern oder in High-Tech-Firmen. Jedoch ist in diesen Branchen der Anteil von Mitarbeitern, die aufgrund von Empfehlungen aktueller Mitarbeiter eingestellt werden, relativ klein, sodass es auf den ersten Blick unklar bleibt, ob Empfehlungen für Firmen spürbar positive Auswirkungen haben. Schließlich kosten Empfehlungen auch Geld, weil viele Firmen den Empfehlenden einen Bonus bezahlen, wenn eine Empfehlung zu einer Einstellung führt und die neu eingestellte Person zumindest eine bestimmte Frist – von meist einigen Monaten – im Unternehmen bleibt.
Aus diesem Grund haben Matthias Heinz von der Universität zu Köln und Kollegen einen umfassenderen Blick auf Firmenprogramme für Empfehlungen geworfen. Sie analysierten dabei eine baltische Supermarktkette, bei der jedes Jahr fast 80 Prozent aller Mitarbeiter ihre Stelle kündigten. Das bedeutete, dass die Kette permanent neue Einstellungen vornehmen musste, was zeit- und kostspielig war. Darum führte die Firma in ihren 238 Filialen mit über 5000 Mitarbeitern ein Empfehlungsprogramm ein. Wenn die Empfehlung eines Mitarbeiters zu einer neuen Einstellung führte und die neue Person mindestens fünf Monate im Unternehmen blieb, dann bekam die empfehlende Person einen Bonus von 50, 90 oder 120 Euro. Tatsächlich führte ein höherer Bonus zu mehr Empfehlungen. Trotzdem blieb der Anteil an neuen Mitarbeitern, die aufgrund von Empfehlungen ins Unternehmen eintraten, unter fünf Prozent. Empfehlungen machten also nur einen sehr kleinen Teil der neuen Arbeitskräfte aus. Aber das Programm hatte trotzdem einen großen Effekt, wenn auch einen unerwarteten. Zwar blieben empfohlene Personen wie in den vorigen Studien länger im Unternehmen und hatten weniger Krankenstandstage, aber der wichtigste Effekt des Empfehlungsprogramms war ein anderer. Die aktuellen Mitarbeiter, die Empfehlungen machen konnten, blieben nach der Einführung des Programms länger im Unternehmen und hatten eine 15 Prozent geringere Kündigungswahrscheinlichkeit (im Vergleich mit einer Kontrollgruppe von Filialen, bei denen kein Empfehlungsprogramm eingeführt wurde). Die aktuellen Mitarbeiter fühlten sich durch die Einführung des Programms stärker ernst genommen und schätzten die mögliche Mitsprache bei der Einstellung neuer Mitarbeiter. Das führte zu längeren Verweildauern im Unternehmen und zu einer höheren Arbeitsplatzzufriedenheit. Dieser bisher unbeachtete „Nebeneffekt“ von Empfehlungsprogrammen zahlt sich für Unternehmen aus und stellt eine „Win-win“-Situation für Arbeitgeber und Arbeitnehmer dar.

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