Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Wenn Boni zu riskantem Verhalten führen – und warum die Abschaffung kein Allheilmittel dagegen ist

August 2020

Bonuszahlungen sollen Mitarbeiter motivieren, sich anzustrengen. Jedoch können solche leistungsabhängigen Zahlungen unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben, wie die jüngste Finanzkrise zeigte.
Warum ist das so, und wäre die Abschaffung von Boni eine Lösung?

Jerome Caviel und Nick Leeson sind in der Finanzbranche wohlbekannte, wenn auch schlecht beleumundete Namen. Der eine, Leeson, verursachte 1995 durch exzessive Spekulationsgeschäfte und einen Verlust von ca. 1,4 Milliarden Dollar den Bankrott der 1717 gegründeten Barings Bank. Die französische Großbank Societe General hatte demgegenüber „Glück“, dass die riskanten Spekulationsgeschäfte von Jerome Caviel bei einem Verlust von etwa 4,8 Milliarden Euro im Jahr 2008 nicht ebenfalls zum Bankrott führten. Beide Fälle wurden in der Öffentlichkeit viel beachtet, weil sie illustrierten, wie riskante Anlagestrategien von einzelnen Investmentbankern zu enormen Verlusten und sogar dem Untergang renommierter Finanzinstitute führen konnten. Weniger Beachtung fand der Umstand, dass beide Banker vor der Aufdeckung der riesigen Verluste als erfolgreiche Banker galten, die mit ihren Geschäften sehr hohe Bonuszahlungen verdienten. Besteht etwa ein Zusammenhang zwischen riskantem Anlageverhalten und Bonuszahlungen?
Die Finanzbranche ist nicht die einzige, die ihren Mitarbeiterinnen neben einem festen Lohn sehr oft noch Bonuszahlungen anbietet, die häufig vom Unternehmenserfolg abhängen, in vielen Fällen aber auch von der individuellen Leistung. Dabei wird die individuelle Leistung in der Regel mit jener von anderen Mitarbeitern verglichen und dann die Höhe der Bonuszahlungen in Abhängigkeit von der relativen Leistung bemessen. Solche Zahlungen sind in vielen Branchen üblich. Beispielsweise bekommen Fußballer Sonderzahlungen, wenn sie mit ihrem Klub die Champions League gewinnen. Automanager erhalten Bonuszahlungen, wenn mehr Autos verkauft werden. Oder Mitarbeiterinnen in einer Bäckereikette bekommen einen Teambonus, wenn ein Umsatzziel erreicht wird.
Bonuszahlungen sollen Anreize bieten, um die individuelle Leistung und damit das Unternehmensergebnis zu verbessern. Dass es unter Umständen gar nicht so einfach ist, die individuelle Leistung zu messen – wie weit trägt etwa der Ersatztorwart zum Gewinn der Champions League bei, oder wie viele zusätzliche Autos wurden wirklich durch den Vorstandsvorsitzenden zusätzlich verkauft? – soll hier nicht weiter vertieft werden. Vielmehr geht es jetzt um die Frage, wie Bonuszahlungen menschliches Verhalten beeinflussen, insbesondere wenn die Handlungen einzelner Personen große Hebelwirkungen und damit Auswirkungen auf andere Menschen haben können. Letzteres ist besonders in der Finanzbranche und da im Investmentbanking der Fall. Mit modernen, häufig sehr komplexen Finanzinstrumenten lassen sich Unsummen von Geld bewegen. Wenn die Bonuszahlungen von Mitarbeitern aber von der Höhe dieser Summen abhängen, dann können Anreize zu größeren Risiken entstehen. Genau darin liegt ein Problem von Bonuszahlungen, wie eine aktuelle Studie meiner Innsbrucker Kollegen Michael Kirchler und Florian Lindner sowie Utz Weitzel aus Nijmegen zeigt.
Kirchler und Kollegen ließen professionelle Banker an einem Experiment teilnehmen. Zu Beginn bekamen die Banker eine Grundausstattung an Geld, die sie dann über 8 Runden hinweg in eine festverzinsliche (also risikofreie) oder eine riskante Anlage investieren konnten. Die riskante Anlage erzielte im Schnitt eine höhere Rendite, konnte allerdings sowohl zu positiven wie auch negativen Erträgen in einer Runde führen. In der Grundbedingung der Studie bekamen die Banker am Ende der 8 Runden einfach den Betrag ausbezahlt, den sie insgesamt mit ihrer Grundausstattung erwirtschaftet hatten. In einer zweiten Bedingung wurden die Banker nach den 8 Runden gereiht in Abhängigkeit vom erwirtschafteten Betrag. Wer am meisten verdient hatte, bekam eine große Bonuszahlung, die Plätze 2 und 3 bekamen auch noch substanzielle Beträge, die anderen aber mit Ausnahme ihres Teilnahmeentgelts nichts mehr. Diese zweite Bedingung spiegelt Bonuszahlungen wider, die von der relativen Leistung des einzelnen abhängen. Es zeigte sich im Experiment, dass die Banker in der zweiten Bedingung systematisch mehr in die riskante Anlage investierten. Dies traf ganz besonders für jene Banker zu, deren laufende Erträge hinter jenen anderer in ihrer Vergleichsgruppe hinterherhinkten. Denn wenn man schon hinten liegt, bietet nur das Eingehen höherer Risiken überhaupt eine Chance, noch nach vorne zu kommen und eine Bonuszahlung zu erhalten. Analog gilt auch, dass man im Fall von Verlusten umso schneller aus diesen wieder herauskommen kann, wenn man höhere Risiken eingeht. Das kann aber zur Akkumulierung von Risiken und zu noch größeren Verlusten führen.
Bonuszahlungen in Abhängigkeit von der relativen Leistung verstärken also den Hang, Risiken einzugehen, um die Boni zu bekommen. Das ist gefährlich, nicht nur für einzelne Händler, sondern für ganze Unternehmen und Branchen. Deshalb braucht es Kontrollmechanismen. Die Abschaffung von Boni alleine wird aber kaum das Eingehen exzessiver Risiken vermeiden, wie die Studie von Kirchler und Co. ebenfalls zeigt. In einer dritten Bedingung wurde den Bankern am Schluss der 8 Runden mitgeteilt, welchen Rang sie mit ihren Investitionen erzielt haben. Die Auszahlung hing aber nicht von diesem Rang ab, sondern einfach von den erwirtschafteten Gewinnen. Erstaunlicherweise war das Ausmaß an riskanten Investitionen in dieser dritten Bedingung praktisch gleich hoch wie in der zweiten Bedingung. Offenbar wollte sich niemand als schlechter Investor darstellen, sodass bereits die Bekanntgabe des Rangs eine Auswirkung auf das Risikoverhalten hatte. Solange Menschen die Besten sein wollen, führt bereits die Bekanntgabe der eigenen Platzierung zu Konkurrenzverhalten, bei dem höhere Risiken eingegangen werden.

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