Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Wenn die Moral auf die schiefe Bahn gerät – Warum unmoralisches Verhalten schwer zu erkennen sein kann

April 2021

Ob bei VW im Zuge des Dieselskandals oder bei Wirecard im Rahmen der Bilanzfälschungen, strafbares Verhalten innerhalb von Unternehmen wird oft erst mit erheblicher Verzögerung erkannt. Warum wird Fehlverhalten oft erst so spät entdeckt? Eine Antwort liegt in der grundlegenden Psychologie des Menschen.

Monika, Absolventin eines Betriebswirtschaftsstudiums an einer Eliteuniversität, sitzt noch spät nachts über den Bilanzen eines Unternehmens, das von ihrer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geprüft werden soll. Sie ist stolz, schon mit Ende 20 einen Job bei der renommierten Kanzlei bekommen zu haben, auch wenn in der Kanzlei erwartet wird, dass man es mit der 40-Stunden-Woche nicht so genau nimmt. Der Weg nach oben steht nur Mitarbeiterinnen offen, die im Schnitt 80 oder mehr Stunden pro Woche arbeiten.
Aber angesichts des überdurchschnittlich guten, sechsstelligen Gehalts erscheint ihr das fair. Im Moment brütet Monika über einem möglichen Problem. Das zu prüfende Unternehmen hat in den vergangenen Jahren ständig mehr Termingeschäfte verbucht, während Mitbewerber in derselben Branche eher ein Auf und Ab zu verzeichnen hatten. Termingeschäfte bestehen darin, dass ein Geschäft erst zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt wird, die Erträge aber schon jetzt bilanzwirksam sind. Es erscheint Monika aber ungewöhnlich, dass diese Art von Geschäften selbst in wirtschaftlich schlechteren Jahren im vergangenen Jahrzehnt fast linear zugenommen hat. Nach längerem Überlegen, ob wohl alles seine Richtigkeit hat, denkt sich Monika, dass die Vorgänge im aktuellen Prüfungsjahr ganz ähnlich zu jenen in den Vorjahren sind – und diese hatte ihre Kanzlei ja auch als korrekt bestätigt und mit einem Testat versehen. Es wird also wohl auch in diesem Jahr seine Richtigkeit haben.
Im realen Leben verdienen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – wie jene, für die der fiktive Charakter der Monika arbeitet – einen Gutteil ihres Geldes damit, die Bilanzführung von Unternehmen im Hinblick auf deren Korrektheit und die Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften zu prüfen. Das ist angesichts der Komplexität von Bilanzen keine leichte Aufgabe. Beim Prüfen fallen große Veränderungen zu den Vorjahren stärker auf als über die Jahre hinweg gleichbleibende Veränderungen, weil größere Kontraste die Aufmerksamkeit von Menschen stärker auf sich ziehen als kontinuierliche und eher kleinere Veränderungen.
Der Mensch neigt dazu, aktuelle Situationen im Vergleich zu vergangenen Situationen zu beurteilen. Kleinere Veränderungen im Vergleich zur Vergangenheit werden dann eher als „normal“ wahrgenommen als größere. Das führt dazu, dass aktuelles Handeln eher als korrekt erscheint, wenn es vergangenem Verhalten ähnlich ist. Genau diese menschliche Neigung macht es aber schwer, Fehlverhalten zu erkennen, wenn sich dieses langsam einschleicht. Jemand mit Betrugsabsichten kann diese menschliche Neigung sogar ausnützen, wenn es um die Beurteilung von ethisch korrektem oder inkorrektem Verhalten geht.
Francesca Gino von der Harvard Business School hat das in einer vielbeachteten Studie gezeigt. Dabei spricht sie von einer schiefen Bahn („slippery slope“), die dazu führen kann, dass betrügerisches Verhalten zu spät oder gar nicht wahrgenommen wird. In ihrer Studie ging es darum, die Menge an Geld in einem mit Cent-Münzen gefüllten Glas zu schätzen. Probanden übernahmen dabei die Rolle eines Prüfers, der ein Urteil über die Schätzung abgeben musste. Wenn ein Prüfer die Schätzung als korrekt einstufte – was dann als erfüllt angesehen wurde, wenn die Schätzung maximal zehn Prozent vom tatsächlichen Wert entfernt war –, dann bekam der Prüfer einen Anteil des geschätzten Wertes. Das bedeutet, dass ein Prüfer einen Anreiz hatte, höhere Schätzungen zu akzeptieren, weil er damit mehr Geld verdienen konnte. Eine als korrekt eingestufte Schätzung wurde in einem von zehn Fällen überprüft und der Prüfer musste eine Strafe zahlen, wenn sich die Schätzung als inkorrekt herausstellte. Wenn ein Prüfer die Schätzung von vornherein als inkorrekt einstufte, dann verdiente er kein Geld.
Die Gläser mit den Münzen enthielten in Summe immer ungefähr zehn Euro, plus minus ein paar Cent. Die Prüfer mussten eine ganze Reihe solcher Gläser und die jeweiligen Schätzungen beurteilen. Francesca Gino griff nun zu einem eleganten Kniff, indem sie die Prüfer in zwei Gruppen teilte. Bei der einen Gruppe stieg die Schätzung im Schnitt bei jedem Glas um 40 Cent an, während bei der anderen Gruppe die Schätzungen zuerst stabil um die zehn Euro lagen, dann aber plötzlich einen Sprung auf circa 14 Euro machten. Angesichts der Regel, dass eine Schätzung dann als korrekt eingestuft wurde, wenn sie innerhalb von zehn Prozent um den wahren Wert schwankte, wären alle Schätzungen über elf Euro als inkorrekt einzustufen gewesen. Gino untersuchte dann ganz besonders, wie häufig Schätzungen als korrekt eingeschätzt wurden, die erstmals 14 Euro erreichten. In der Gruppe mit dem plötzlichen Sprung von circa zehn Euro auf circa 14 Euro war das in weniger als drei Prozent der Fälle gegeben. In der anderen Gruppe, in der sich die Schätzungen schrittweise erhöhten, waren es hingegen über 25 Prozent der Prüfer, die eine Schätzung von über 14 Euro als korrekt einstuften, und die Häufigkeit einer positiven Prüfung stieg im Wiederholungsfall auf über 50 Prozent an.
Diese Studie zeigt, dass die Bewertung, ob etwas als korrekt oder betrügerisch eingestuft wird, wesentlich davon abhängt, wie sich die betreffende Situation in der Vergangenheit entwickelt hat.
Was gestern in Ordnung war, wird auch heute als in Ordnung eingestuft. Eine solche Ähnlichkeit mag aber in betrügerischer Absicht vorgetäuscht worden sein – wie es etwa Enron in seinem Bilanzfälschungsskandal getan hat. Die menschliche Psyche macht es deshalb schwer, Fehlverhalten schnell zu erkennen.

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