Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Wie in Teams die Kooperationsbereitschaft davon abhängt, dass jemand mit gutem Beispiel vorangeht

März 2021

Wenn ich über den Wert von Kooperation spreche und meine eigenen Forschungsarbeiten zu diesem Thema präsentiere, beginne ich gerne mit einer alten chinesischen Parabel, die aus meiner Sicht sehr gut veranschaulicht, worum es bei Kooperation geht. Die Parabel geht so: Zwei Brautleute hatten nicht viel Geld, aber dennoch waren sie der Meinung, dass bei ihrer Hochzeit viele Menschen mitfeiern sollten. Geteilte Freude ist doppelte Freude, dachten sie. Sie beschlossen, ein großes Fest mit vielen Gästen zu feiern. Um dies zu ermöglichen, baten sie die Eingeladenen, je eine Flasche Wein mitzubringen. Am Eingang würde ein großes Fass stehen, in das sie ihren Wein gießen könnten; und so sollte jeder die Gaben des anderen trinken und jeder mit jedem froh und ausgelassen sein. Als nun das Fest eröffnet wurde, liefen die Kellner zu dem großen Fass und schöpften daraus. Doch wie groß war das Erschrecken aller, als sie merkten, dass es Wasser war. Versteinert saßen oder standen sie da, als ihnen bewusst wurde, dass jeder gedacht hatte: Die eine Flasche Wasser, die ich hin­eingieße, wird niemand merken oder schmecken: Nun aber wussten sie, dass jeder so gedacht hatte. Jeder von ihnen hatte gedacht: Heute will ich mal auf Kosten anderer feiern.
Die Parabel bringt das Problem von Kooperation in Gruppen präzise auf den Punkt. Jeder hat einen Anreiz, seinen Beitrag zur Gruppe möglichst gering zu halten (also billiges Wasser statt teureren Wein mitzubringen), hofft aber, dass alle anderen einen möglichst großen Beitrag leisten (also Wein statt Wasser beitragen). Wenn jeder so handelt, kann das Gemeinwohl nicht gedeihen – so wie das Fest in der Parabel sprichwörtlich ins Wasser fällt. Wenn aber jeder einen Beitrag leistet, können alle davon profitieren – und ein schönes Fest mit Wein feiern.
Die Parabel von der Hochzeitsfeier lässt sich auf viele andere Lebensbereiche übertragen. Fußballteams sind nachweislich erfolgreicher, wenn jeder Spieler für den anderen rennt, also zusätzliche Laufwege in Kauf nimmt, um Fehler anderer auszubügeln. Forscherteams bringen ihre Projekte eher zu einem guten Ende, wenn sich alle an der Projektarbeit beteiligen und nicht darauf vertrauen, dass ein anderer schon die mühsamen Arbeitsschritte übernehmen wird. Unternehmenskooperationen sind häufig erfolgversprechender, wenn Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen miteinander koordiniert werden. Arbeitsteams funktionieren besser, wenn wichtige Informationen geteilt und rasch weitergegeben werden. Die Liste ließe sich fast endlos lange fortführen. Der Nutzen von Kooperation für alle Beteiligten ist leicht erkennbar. Trotzdem gibt es für jeden Einzelnen Anreize, sich als sogenannter Trittbrettfahrer zu verhalten und nur einen geringen oder gar keinen Beitrag zum Gemeingut zu leisten. Unter welchen Bedingungen kann dann Kooperation gelingen?
In mehreren Forschungsarbeiten habe ich einen wichtigen Faktor für Kooperation untersucht. Konkret habe ich mich damit beschäftigt, inwiefern Kooperation davon abhängt, ob jemand in einer Gruppe mit gutem Beispiel vorangeht. Methodisch verwenden diese Studien das sogenannte Gefangenendilemma. Damit meint man – etwas vereinfacht ausgedrückt – eine Situation, in der sich jede einzelne Person in einer Gruppe finanziell (oder auch im Hinblick auf nicht-finanzielle Aspekte) besser stellt, wenn sie nicht kooperiert. Gleichzeitig aber ginge es der Gruppe am besten, wenn alle vollständig kooperieren. In den Worten der chinesischen Parabel: allen geht es am besten, wenn jeder eine Flasche Wein mitbringt, damit alle feiern können. Jeder einzelne aber spart sich die Kosten für den Wein, wenn er selbst nur Wasser ins Fass schüttet.
In meinen Studien hat mich interessiert, ob die Bereitschaft zur Kooperation steigt, wenn ein Gruppenmitglied zuerst über seinen Beitrag – das Ausmaß der Kooperation – entscheidet, die anderen diesen Beitrag sehen und dann selbst entscheiden müssen. Beispielhaft kann man sich vorstellen, dass alle Hochzeitsgäste zuschauen, wenn die erste Person ihre Flasche in das Fass schüttet und dabei sehen, ob es Wasser oder Wein ist. Erst dann würden sie entscheiden, ob sie selbst Wasser oder Wein mitbringen wollten.
Alle meine Forschungen zeigen, dass die Kooperation in Gruppen substanziell höher ist, wenn eines oder mehrere Gruppenmitglieder mit gutem Beispiel vorangehen. Andere Gruppenmitglieder passen sich an kooperatives Verhalten anderer an. Man nennt das in den Wirtschaftswissenschaften „konditionale Kooperation“. Das bedeutet, Menschen sind bereit zu kooperieren (Wein mitzubringen), wenn sie sehen oder zumindest erwarten, dass andere auch kooperieren. Ganz besonders positiv wirkt ein positives Beispiel, wenn es freiwillig erbracht wird.
Kooperation funktioniert nicht, wenn jemand gezwungen wird, kooperativ zu sein. Auch wenn jemand mit schlechtem Beispiel vorangeht, bricht Kooperation in Teams vollkommen zusammen, weil sich niemand von Trittbrettfahrern ausnützen lassen will. Eine besondere Rolle kommt dabei im Übrigen Vorgesetzten zu. Deren kooperatives Verhalten verursacht besonders starke Nachahmung, während egoistische Vorgesetzte, die Trittbrettfahrer sind, Kooperation zwar häufig erwarten, Teammitglieder dann aber so wenig wie möglich zum Teamerfolg beitragen. Führung funktioniert nur durch gutes Beispiel-Geben, wie schon Mahatma Gandhi wusste, der einmal sagte: „Wir selbst müssen den Wandel vorleben, den wir von der Welt erwarten.“

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