Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Zwischen den Welten

April 2020

Normalerweise darf ich an dieser Stelle über verhaltensökonomische Einsichten für Berufsleben und Alltag schreiben. In Zeiten der Corona-Krise ist aber nichts normal, und so berichte ich heute über mein Leben in verschiedenen Welten: als gebürtiger Vorarlberger habe ich meinen Wohnsitz gemeinsam mit meiner Familie in Innsbruck und als Direktor eines Max-Planck-Instituts lebe ich in Deutschland. Beruflich interessiere ich mich ja auch für menschliches Verhalten, weshalb der folgende Artikel zeigen soll, wie verschieden solches Verhalten sein kann und welch ein Glück es ist, wenn an der richtigen Stelle verantwortungsbewusste Menschen sitzen.

Dieser Text wurde am 21. März verfasst, sodass bis zur Drucklegung dieser Ausgabe von Thema Vorarlberg noch vieles geschehen kann. Ich hoffe, dass Sie beim Lesen dieses Beitrags bei guter Gesundheit sind und dass es in den letzten Tagen in Österreich – wie auch auf der ganzen Welt – Fortschritte bei der Eindämmung der Covid-19-Pandemie gegeben hat.
Mir geht es heute nicht um wirtschaftliche Fragen der Corona-Krise, ich möchte hier das vermitteln, was mich als Vorarlberger und Österreicher, der aber in Deutschland arbeitet, in den letzten Wochen bewegt, erstaunt, aber auch entsetzt hat.

Der Reihe nach. Am 22. Februar kam ich nach einer zehntägigen Vortragsreise durch mehrere Orte in den USA (New York, Princeton und Chicago) nach Innsbruck zurück. An diesem Wochenende wurden erstmals alarmierende Infektionszahlen aus Italien bekannt. Eine ehemalige Mitarbeiterin von mir – seit Januar Professorin an der Universität Bologna – berichtete mir in den folgenden Tagen von großer Verunsicherung und großen Ängsten in Italien angesichts des Epidemieverlaufs und von den Vorbereitungen ihrer Universität, auf Online-Lehre umzustellen, falls sich die Epidemie auch in Italien so rasant wie in China ausbreiten würde. Das war für mich der Weckruf, Forschungstätigkeiten meiner Arbeitsgruppe am Max Planck Institut in Bonn einzuschränken und auf Datenerhebungen mit direktem Menschenkontakt zu verzichten. Solche Datenerhebungen machen den Kern unserer Forschungstätigkeit aus, und daher wird das Einstellen von Datenerhebungen für alle meine Doktorandinnen und Doktoranden eine tiefe Delle in ihrer Karriere bedeuten, weil sie ihre wissenschaftlichen Projekte nicht weiterführen können. So bin ich im Moment beruflich hauptsächlich als Krisenmanager und Tröster gefragt, um für diese jungen Leute Lösungen für die kommenden Monate zu finden.

Zu diesem Zeitpunkt, also knapp vor Ende Februar, traute ich meinen Ohren nicht, als ich den deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn öffentlich von Corona als einer harmlosen Grippe sprechen hörte. Mit Entsetzen fragte ich mich, wie ein ausgebildeter Politikwissenschaftler wissen könne, dass ein Virus, das zum damaligen Zeitpunkt bereits Tausende Menschenleben in China gefordert hatte und das sich rasant in Italien auszubreiten begann, für das deutsche Volk zwar ungefährlich wäre, hingegen aber gerne belächelte Länder wie Italien – oder später Österreich – beträfe.

Trotz dieser – im Nachhinein fatalen – Verharmlosungen der deutschen Spitzenpolitik hat mein Arbeitgeber, die Max Planck Gesellschaft, bereits Ende Februar sehr vorausschauend und verantwortungsbewusst alle wissenschaftlichen Veranstaltungen, Tagungen und Kongresse bis Ostern untersagt. Das betraf auch eine von mir organisierte Tagung, für die ich ein Jahr lang Vorbereitungen getroffen hatte, um eine Konferenz von weltweit führenden Verhaltensökonomen – unter ihnen auch der gebürtige Harder Ernst Fehr von der Universität Zürich – abzuhalten. Natürlich tat es mir weh, die Absagen an alle Referenten rund um den Globus auszusenden. Aber der Schritt war richtig – und wenn andere Organisatoren, die etwa Sportärztekongresse in St. Christoph durchführen wollten, auch rasch und entschlossen gehandelt hätten, hätte das sicher zu einer Entschleunigung der Ausbreitung des Virus beigetragen.

Das bringt mich nach Österreich zurück, aber mit dem Blickwinkel aus Deutschland. Als die österreichische Bundesregierung die ersten Maßnahmen wie Schulschließungen beschloss, belustigten sich die deutsche Presse und Politik – aber auch einige meiner deutschen Berufskollegen – daran, wie „hysterisch“ die Österreicher überreagieren würden. Als sie sich endlich doch genötigt sah, etwas zur Krise zu sagen, meinte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel dann auch nur lapidar, dass sich 60 bis 70 Prozent der Menschen anstecken würden, dass es sich aber im Wesentlichen um eine Probe für unser Herz und unsere Solidarität handeln würde. Als ob wir es mit einer Herzkrankheit – anstelle einer tödlichen Lungenkrankheit – zu tun hätten! Und auch „Zusammenrücken“ war in diesem Zusammenhang ein unfassbarer Zynismus …

Während die österreichische Bundesregierung in enger Abstimmung mit den Landeshauptleuten uns Österreichern glaubhaft die Dramatik der Lage erklärte und um Verständnis für die drastischen Maßnahmen bat, wurde in deutschen Medien und von zahlreichen deutschen Politikern der Vorwurf geäußert, dass doch einzelne Bundesländer – gemeint war Bayern – nicht mit übereilten Maßnahmen vorpreschen dürften, sondern lieber die Besprechungen mit der Bundeskanzlerin abwarten sollten. Zuwarten ist aber in Zeiten einer exponentiell verlaufenden Epidemie ein sehr schlechter Ratgeber, der nur noch mehr Menschenleben fordern wird.

Ob wir in Österreich schnell genug gehandelt haben, werden die nächsten Wochen zeigen, aber Markus Söders Begründung für seine am 20. März in Bayern verhängten Ausgangsbeschränkungen, dass es um Leben und Tod gehe und dass er es jetzt wie Österreich machen werde, lässt vermuten, dass wir Österreicher einen vernünftigen Weg eingeschlagen haben. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir alle diese Krise bald überstehen. Als Gruß an meine Landsleute noch ein „Bleibt’s daheim und bleibt’s gsund“!

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