Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Größe und Gehalt. Warum größere Menschen mehr Geld verdienen als kleinere

Juni 2020

Die Entlohnung am Arbeitsplatz hängt von vielen Faktoren ab, etwa von der Ausbildung, der bisherigen Berufserfahrung oder dem Übernehmen von Führungsverantwortung. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle, was in der Öffentlichkeit immer wieder heftig diskutiert wird. Dass die Entlohnung ebenfalls von der Körpergröße abhängt, ist dagegen kaum bekannt, und trotzdem ist es so. Warum aber nur?
Ist Körpergröße an sich wertvoll auf dem Arbeitsmarkt oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Wenn man sich Bilder der Vorstände und Aufsichtsräte der großen deutschen DAX-Konzerne anschaut, sieht man meist relativ große Männer. Beispielsweise ist Frank Appel von der Deutschen Post ein Zweimetermann oder Michael Diekmann von der Allianz mit ca. 1,90 Meter auch überdurchschnittlich groß. Von den amerikanischen Präsidenten seit dem zweiten Weltkrieg war die große Mehrheit größer als der durchschnittliche männliche Amerikaner. Generäle beim Militär haben meist auch Gardemaß. Selbst Napoleon, dem man fälschlicherweise eine kleine Statur nachsagt, soll größer als der durchschnittliche Rekrut in seinen Armeen gewesen sein.
Erfolgreiche Männer sind also häufig größer als der Durchschnitt. Aus der Arbeitsmarktforschung weiß man, dass sie im Schnitt auch deutlich mehr als kleinere Männer verdienen. Während aber auf dem Schlachtfeld Größe tatsächlich einen Vorteil darstellen konnte, fragt man sich schon, warum größere Männer mehr verdienen sollten. Die Körpergröße eines Managers, eines IT-Fachmanns oder eines Unternehmers sollte eigentlich keine Rolle für den Gehalt spielen. Die Daten sprechen aber eine andere Sprache. Studien aus Großbritannien oder den USA zeigen, dass zehn Zentimeter größere Männer etwa zehn Prozent mehr Gehalt pro Jahr bekommen. Umgerechnet auf ein ganzes Arbeitsleben, kommen da schnell sechs- bis siebenstellige Unterschiede im Lebenseinkommen heraus, die zehn Zentimeter mehr Körpergröße im Schnitt ausmachen können.
Andrew Postlewaite von der Universität in Pennsylvania ging mit Kollegen der Frage nach, warum Körpergröße einen positiven Einfluss auf das Einkommen hat. Dabei untersuchte er zwei große Stichproben von Männern aus den USA und aus Großbritannien, die in den späten 1950er oder frühen 1960er Jahren geboren wurden. Da die Erwerbskarrieren von Frauen aus diesen Geburtenjahrgängen anders aussehen und häufiger unterbrochen waren als jene von Männern, lässt sich der Einfluss der Körpergröße bei Männern präziser schätzen, was Postlewaite und Kollegen zu einer ausschließlichen Analyse von Männern bewegte. Jedoch spielt die Körpergröße bei Frauen ebenso eine positive Rolle. Bei weiblichen Zwillingen verdient der größere Zwilling einige Prozentpunkte mehr als der kleinere Zwilling.
Bei der Analyse der Bedeutung der Körpergröße für den Gehalt kann man von einer ersten naiven Vermutung starten, dass Arbeitgeber eine Präferenz für größere Menschen haben und diesen deshalb mehr Geld bezahlen. Während das in früheren Zeiten beim Militär oder in der Industrie, bevor die meisten körperlich anstrengenden Arbeiten durch Maschinenkraft ersetzt wurde, ein plausibles Argument gewesen sein mag, trifft das heute in unserer hochindustrialisierten Wirtschaft nicht mehr zu. Es muss also etwas anderes sein. Eine zweite Vermutung wäre, dass größere Männer aus anderen Familien als kleinere Männer kommen und die Gehaltsunterschiede sich darauf zurückführen lassen. Tatsächlich stammen kleinere Männer aus Familien mit mehr Kindern, in denen die Eltern auch weniger Ausbildung hatten als die Eltern von größeren Männern. Aber selbst wenn man für diese Unterschiede im familiären Hintergrund in der statistischen Analyse kontrolliert (indem man beispielsweise nur die Männer aus Familien betrachtet, die die gleiche Anzahl von Kindern und das gleiche Bildungsniveau der Eltern hatten), dann zeigt sich immer noch, dass zehn Zentimeter mehr Größe fast zehn Prozent Unterschied im Gehalt ausmachen. Die Überprüfung weiterer möglicher Hypothesen bestätigte, dass dieser Zusammenhang auch erhalten bleibt, wenn man den Gesundheitszustand oder kognitive Fähigkeiten (wie Intelligenztests) berücksichtigte.
Postlewaites Studie kommt dann in der weiteren Analyse aber zu zwei ganz fundamentalen Erkenntnissen. Erstens ist nicht die Größe im Erwachsenenalter entscheidend, sondern die Größe im Teenageralter, also im Alter von 15 bis 16 Jahren. Manche Teenager sind in diesem Alter schon relativ groß, andere machen erst später einen Wachstumsschub. Jene, die in diesem Alter relativ groß sind, verdienen später mehr als jene, die im Teenageralter kleiner sind, unabhängig von der Körpergröße im Erwachsenenalter. Da spätere Arbeitgeber normalerweise gar keine Information über die Körpergröße eines Mitarbeiters im Teenageralter haben, kann also gar nicht einfach die Körpergröße im Erwachsenenalter für die Gehaltsunterschiede verantwortlich sein. Die Körpergröße im Teenageralter wiederum hat keine Bedeutung für einen späteren Arbeitgeber (und sie hat beispielsweise auch nichts mit dem Intelligenzquotienten zu tun). Erst die zweite Erkenntnis von Postlewaite enthüllt deshalb des Pudels Kern. Wer im Teenageralter größer ist, hat mehr soziale Aktivitäten und Kontakte. Beispielsweise sind größere Teenager häufiger Mitglieder in Vereinen verschiedenster Art (etwa in Sport oder Kultur) oder Schülerorganisationen. Dabei werden sogenannte nicht-kognitive Fähigkeiten gefördert und trainiert, etwa Teamfähigkeit, Ausdauer und Durchhaltevermögen oder Kompromissfähigkeit. Solche Fähigkeiten sind im Berufsleben von großer Bedeutung. In Postlewaites Studie zeigt sich deshalb gar kein statistisch nennenswerter Zusammenhang zwischen Körpergröße und Gehalt mehr, wenn man soziale Aktivitäten im Teenageralter in der Analyse berücksichtigt. Die Größe hilft beim Erwerb von „social skills“ als eine Form von Humankapital, und dieses Humankapital führt im Erwachsenenleben zu höheren Gehältern.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.