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Die Formel lautet: Laufzeit, Laufzeit, Laufzeit

Finanzielle Vorsorge ist für immer mehr Menschen in Vorarlberg ein relevantes Thema. Doch bei der langfristigen Absicherung fürs Alter ist noch Luft nach oben.

Immer mehr Pensionisten stehen immer weniger Erwerbstätigen gegenüber: Im Jahr 2060 wird es laut Sozialministerium um 59 Prozent mehr Pensionisten geben als heute. Dazu kommt, dass die Lebenserwartung weiter steigt. Die Menschen werden immer älter und nehmen länger das Pensionsgeld in Anspruch, allerdings rücken nicht genügend junge Leute nach, um die Pension zu finanzieren. Prognosen lassen immer mehr daran zweifeln, dass die gesetzliche Pension in Zukunft gerade für die heute jungen Leute ausreichen wird, um den Lebensunterhalt im Alter zu bestreiten. Vor etwa 20 Jahren kamen erste zugeschnittene Produkte für eine zusätzliche private Vorsorge auf den Markt. Heute ist das Thema relevanter denn je.

In Vorarlberg ist der Stellenwert zur privaten Vorsorge seit Jahren hoch. Der Sparstrumpf hat ausgedient, heutzutage zählen besondere Vorsorgemöglichkeiten. 84 Prozent der Vorarlberger stufen ein Finanzpolster als sehr beziehungsweise eher wichtig ein. Österreichweit ist der Wert ähnlich, doch eines unterscheidet Vorarlberg vom Rest des Landes: Bei der Veranlagung des Geldes wird viel vorsichtiger vorgegangen. Das besagt die jährlich durchgeführte Studie des Marktforschungsinstituts GfK im Auftrag von s Versicherung, Erste Bank und Sparkasse.

Sicherheit geht vor Profit

„Das Thema Rendite und Profit ist total vernachlässigbar“, weiß Werner Böhler, stellvertretender Spartenobmann der Vorarlberger Banken, und ergänzt: „Hauptsache, ich habe etwas auf der Seite. Der Ertrag ist meist nebensächlich und in den Hintergrund gerückt.“ Das Gefühl, ich tu was für meine Zukunft sei viel mehr wert als die Frage, wie kriege ich da ein halbes Prozent mehr. Das bestätigen auch die Umfragen. Sicherheit ist stets an oberster Stelle. Hohe Renditen beziehungsweise hohe Zinsen bei der Vorsorge sind lediglich für jeden Fünften ein wichtiges Kriterium. Persönliche Altersvorsorge, die finanzielle Absicherung der Familie sowie die Unfallvorsorge stehen dabei klar im Fokus. Sieben von zehn Befragten in Vorarlberg wollen dabei möglichst wenig Risiko eingehen und knapp die Hälfte legt Wert auf Kapitalgarantie und gute Beratung.

Der Anteil an Fonds und Aktien als Vorsorgeprodukte ist in Vorarlberg weiter sehr niedrig. „Im Vergleich zu Amerika hinken wir da hinterher. Die Läuterung kam durch die Finanzkrise, die risikoreichen Anleger haben es da erstmals richtig abbekommen.“ Allerdings war die Risikobereitschaft der heimischen Kunden immer schon eher gering. Böhler: „Das heißt auch, dass wir als Banken zur Kenntnis nehmen müssen, wie die Kunden ticken. Verändert haben sich damit auch die Gesprächsinhalte. Auch wenn zum Beispiel der Bausparvertrag nicht unbedingt einen hohen Ertrag abwirft, so ist er nach dem Gefühl der Kunden viel wert.“

Zeitraum ist entscheidend

Für die private Pensionsvorsorge ist der Zeitraum der Veranlagung (möglichst lange) und die Regelmäßigkeit entscheidend. So sollte man sich in jungen Jahren bereits überlegen, einen fixen monatlichen Betrag „wegzusparen“, um später einen soliden Grundstein als Vorsorge zu haben. „Je früher ich beginne, desto eher komme ich zu erträglichen Raten. Die Formel lautet: Laufzeit, Laufzeit, Laufzeit“, bringt es der stellvertretende Spartenobmann der Vorarlberger Banken auf den Punkt.

Daher bedauern besonders Personen über 50 sehr, dass die private Vorsorge in ihrer Jugend kein Thema war. „Diesen rennt eindeutig die Zeit davon. Für viele dieser Generation ist es fast nicht mehr möglich, sich bis 65 eine gute Zusatzpension aufzubauen“, betont Böhler. Bei einem so späten Start brauche es monatlich schon einen vierstelligen Betrag. Aber auch die Jungen würden ihr Potenzial nicht immer ausschöpfen. Manche für später zurückgelegten Beträge seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Viele berücksichtigen ihre Einkommenserhöhungen nicht, was aber sehr wichtig wäre. Der Kunde hakt das Thema grundsätzlich erst einmal ab, gemäß dem Motto: ,Ich tu eh etwas’. In solchen Situationen sind die Berater gefordert, diese Lücken auch aufzuzeigen.“
Die Antwort auf die häufig gestellte Frage nach der optimalen Sparsumme für die Altersvorsorge ergibt sich aus mehreren Faktoren. Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei eben das Alter, in dem mit der Vorsorge begonnen wird sowie die Auswahl des Spar-Produktes beziehungsweise der Form der Geldanlage.

„Doch nicht jeder meint mit Vorsorge das gleiche. Der eine sorgt für den Kauf eines Hauses vor, er meint damit Sparbuch, der andere sorgt vor, damit die Tochter oder der Sohn studieren gehen kann – dazu macht er etwa einen Bausparvertrag. Die Zugänge zum Thema sind sehr unterschiedlich“, erklärt Böhler. Hinzu komme, dass viele nur Etappenziele vor Augen hätten, das erschwere eine langfristige Strategie.

Pflegevorsorge wird vernachlässigt

Was früher der Bausparvertrag zum Konto war, ist heute die Pensionsvorsorge. Kaum eine Rolle spiele dabei allerdings die Pflegevorsorge. Erst vier Prozent in Vorarlberg haben eine private Pflegeversicherung abgeschlossen. „Pflegevorsorge ist auch in Vorarlberg ein noch zu wenig diskutiertes und zum Teil mit Angst besetztes Thema. Das Risiko, im Alter ein Pflegefall zu werden, steigt jedoch parallel zur Lebenserwartung. Davor dürfen wir unsere Augen nicht verschließen“, meint Werner Böhler. Grundsätzlich könnten mit der Altersvorsorge positive Bilder erzeugt werden. Das Bild, ein Pflegefall zu sein, werde mit 19 Jahren aber völlig beiseitegeschoben. Das sei verständlich und das Anbieten entsprechender Produkte daher ganz schwer.

Finanzwissen an Schulen

Immer wichtiger wird für Werner Böhler die Finanzkompetenz der Kunden. Diesen Eindruck bestätigt eine Studie der Fachhochschule St. Pölten und der Hochschule Luzern von 2017, in der untersucht wurde, wie sich Finanzkompetenz (Financial Literacy) auf die Pensionsvorsorge und das Anlageverhalten in Österreich und in der Schweiz auswirkt. Das wenig überraschende Ergebnis: Wer besser über Finanzthemen Bescheid weiß, sorgt für die Pension eher vor. Dabei geht es nicht um hochprofessionelle Finanzexpertise, sondern um Basiswissen, um den finanziellen Alltag gut zu bewerkstelligen.
Aus diesem Grund plädiert Böhler dafür, das Thema Finanzwissen in den Schulen zu verankern. Der Ausbildungsschwerpunkt „Finanz- und Risikomanagement“ (FiRi) an den Vorarlberger Handelsakademien ist ein Paradebeispiel dafür, wie es gehen könnte. FiRi hat seinen Ausgangspunkt in Vorarlberg und sich mittlerweile in fast ganz Österreich etabliert. „Eine solche Ausbildung schafft Affinität zum Geldthema – einem Thema, das dich bis zum letzten Tag begleitet“, meint der Bankexperte.

Den Stellenwert von Wirtschaftskunde etwa an den allgemeinbildenden höheren Schulen lasse sich daran erkennen, dass sie bis heute ein Teil des Faches Geografie ist. Für Böhler komme das Thema Wirtschaft und Finanz viel zu kurz.

„Für uns Banken wäre es sicher feiner, wenn wir auf ein höheres Level der Kunden setzen können, wenn also schon Vorwissen da ist. Dies zeigt, wie wichtig eine gute Beratung ist, denn das führt zur starken Beziehung beziehungsweise Vertrauensbasis zwischen Kunde und Berater.“

 

Studie der GfK im Auftrag von s Versicherung, Erste Bank und Sparkasse (Sommer 2016)

  • 84 Prozent der Menschen in Vorarlberg stufen ein Finanzpolster als sehr beziehungsweise eher wichtig ein. Im Vordergrund steht dabei die Vorsorge für die Pension (65 Prozent), für die Familie (53 Prozent) sowie für den Fall eines Unfalls (52 Prozent). Sieben von zehn Befragten in Vorarlberg wollen dabei möglichst wenig Risiko eingehen und legen Wert auf Kapitalgarantie (46 Prozent) und gute Beratung (38 Prozent).
  • 93 Prozent der Befragten in Vorarlberg geben an, bereits Vorsorgeprodukte abgeschlossen zu haben. Sie legen dafür durchschnittlich 192 Euro pro Monat (Österreichschnitt: 162 Euro) zur Seite: Während 15- bis 29-Jährige 145 Euro pro Monat der Vorsorge widmen, sind es bei den 40- bis 49-Jährigen 177 Euro und bei den 50- bis 59-Jährigen bereits 244 Euro.
  • Das Sparbuch mit 66 Prozent und der Bausparvertrag mit 57 Prozent sind nach wie vor die beliebtesten Vorsorgeprodukte im Ländle. 57 Prozent besitzen eine private Unfallversicherung und 33 Prozent eine klassische Lebensversicherung. Allerdings haben erst 4 Prozent eine private Pflegeversicherung.
  • Altersvorsorge (85 Prozent) und Sparen für Notfälle (80 Prozent) beziehungsweise das Sparen ganz allgemein (69 Prozent) sind die wichtigsten Vorsorgemotive. Nur 18 Prozent der Befragten nutzen die Chancen des Kapitalmarkts und legen ihr Geld in Aktien oder Fonds an.
  • 34 Prozent geben an, kein Geld zum Anlegen zu haben (Österreichschnitt: 43 Prozent). 40 Prozent bekennen, sich mit Geld und Anlagethemen nicht auszukennen.
  • Um sich den Lebensabend nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können, gibt man in Vorarlberg durchschnittlich 1809 Euro pro Monat als Wunsch-Netto-Pension an, wobei Männer tendenziell einen höheren Wert nennen als Frauen. Im Vergleich zur tatsächlichen durchschnittlichen Pensionshöhe laut Statistik Austria von rund 1100 Euro (Frauen 857 Euro und Männer 1210 Euro) ergibt sich jedoch eine deutliche Lücke.
  • Betrachtet man die Ergebnisse der einzelnen Altersgruppen, zeigen sich deutliche Unterschiede: Während sich drei Viertel der 50- bis 59-Jährigen (75 Prozent) ausreichend fürs Alter abgesichert sehen, schätzen alle anderen ihre Situation deutlich weniger optimistisch ein.
  • 22 Prozent aller Befragten meinen sogar, dass auch die Summe aus gesetzlicher Pension und privater Vorsorge nicht ausreichen wird.

01.04.2017

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